Corsage
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Corsage
„Corsage“ // Deutschland-Start: 7. Juli 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

40 Jahre ist Elisabeth (Vicky Krieps), die Kaiserin von Österreich-Ungarn, Ende 1877 geworden. Freude empfindet sie dabei aber keine, vielmehr spürt sie, wie langsam ihre Schönheit verblasst, für die sie im ganzen Land bewundert wird. Der Rest ihres Lebens ist ohnehin kümmerlich. Als Frau von Kaiser Franz Joseph (Florian Teichtmeister) hat sie zwar eine repräsentative Funktion. Zu sagen hat sie aber nichts, wie ihr immer wieder vor Augen geführt wird. Selbst bei der Erziehung ihrer Kinder Rudolf (Aaron Friesz) und Valerie (Rosa Hajjaj) muss sie sich ständig rechtfertigen. Immer wieder versucht sie der Enge ihres trostlosen Daseins zu entkommen, etwa durch das Fechten, die neue Erfindung des Films oder auch das Reisen, welche ihr neue Perspektiven aufzeigen. Doch selbst dabei stößt sie immer wieder an ihre Grenzen …

Wiederentdeckung einer Ikone

Auch wenn Elisabeth von Österreich-Ungarn schon vor mehr als 120 Jahren gestorben ist, in der Erinnerung ihrer späteren Heimat ist sie unsterblich geworden. Das Bild der Monarchin ist dabei natürlich von den Sissi-Filmen aus den 1950ern maßgeblich geprägt. Das bedeutet aber nicht, dass man diesem Bild nicht noch ein paar andere Alternativen an die Seite stellen könnte. Auffallend ist, wie viele mehr oder weniger zeitgleich auf die Idee kamen. So erschien bereits im letzten Jahr die RTL-Serie Sisi, auch Netflix arbeitet an einer eigenen Serienfassung, mit der die Menschen vor die Bildschirme gelockt werden sollen. Die ungewöhnlichste Variante ist hingegen eine Kinoproduktion, die sich nicht nur durch das Format von den oben genannten Konkurrenztiteln abhebt. Corsage ist trotz der selben Protagonistin auch sonst kaum mit diesen zu vergleichen.

Der Titel selbst verrät bereits, in welche inhaltliche Richtung sich das Drama bewegt. Es geht hier nicht um die großen romantischen Gefühle, der Film handelt nicht von der alles überwältigenden Liebe. Stattdessen erzählt die österreichische Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer (Der Boden unter den Füßen, Was wir wollten) in Corsage von den Einengungen, unter denen die Kaiserin zu leiden hat. Sie ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten ihres riesigen Reiches und doch zugleich auch ein Niemand. Alles wird ihr vorgegeben, sei es das Verhalten oder auch das Aussehen. Raum für Persönlichkeitsentfaltung ist da nicht. Schon der Versuch wird misstrauisch beäugt, wenn nicht direkt angefeindet. Ihre eigenen Kinder sagen ihr, dass sie sich für sie schämen.

Rebellion gegen die Regeln

Das bedeutet aber nicht, dass sie aufgibt. Vielmehr verfolgen wir in Corsage, wie sie in den verschiedensten Situation versucht, sich gegen die Regeln aufzulehnen oder sich zumindest diesen zu entziehen – und sei es durch die Kunst der vorgetäuschten Ohnmacht, welche sie perfektioniert hat. Auch andere Formen der Künste spielen in dem Film eine große Rolle. Immer wieder spricht Kreutzer die Bedeutung von Bildern an, seien es die gemalten oder fotografierte. Besonders die bewegten Bilder in Form eines Films haben es der Monarchin angetan. Damit verbunden ist die Frage nach der Echtheit, nach dem wahren Wesen, welches in den Bildern durchkommt – oder eben auch nicht. Für Elisabeth, die mit ihrem öffentlichen Image hadert, ist das besonders wichtig, wird sie doch von allen auf ein solches Bild reduziert.

Damit ist sie natürlich nicht allein. Viele Figuren, gerade die weiblichen, sind in Corsage zu einem Bild erstarrt. Vor allem schlägt der Film auch immer wieder den Bogen zur Gegenwart, und sei es, weil irgendwann eine Coverversion des Klassikers As Tears Go By der Rolling Stones ertönt. Kreutzer macht klar, dass dieses Thema der eingeengten Frau kein rein historisches ist. Vielmehr haben die Auflehnungen Vorbildcharakter für heutige Frauen, die an vielen Stellen noch immer Erwartungen zu erfüllen haben oder mit Hindernissen zu kämpfen haben. Dass Elisabeth bei dieser Auflehnung immer wieder scheitert, ist für die Filmemacherin kein Grund zur Aufgabe. Schon der Kampf an sich hat einen Wert, selbst wenn dessen Ausgang zweifelhaft ist.

Mitreißende Ode an die Freiheit

Das zeigt sich gerade bei dem sonderbaren Ende, das nicht wenige im Publikum verwirrt zurücklassen wird. Aber Verwirrungen ist es zu dem Zeitpunkt gewohnt: Das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2022 Premiere feierte, ist gefüllt von größeren und kleineren Irritationen. Einige davon sind überraschend humorvoll, die bedrückende Stimmung wird immer wieder durchbrochen von Situationen, die albern, absurd, teils surreal sein können. Trotz des ernsten Themas und der wiederkehrenden Ausweglosigkeit: Corsage ist kein niederschmetternder Film, sondern findet an unerwarteten Orten Hoffnungsschimmer, wird zu einer mitreißenden Ode an die Freiheit. Für ein Publikum, das die „alte“ Sissi verehrt, ist das trotzdem nichts, da das Hässliche nicht verschwiegen, sondern in die Mitte gestellt wird, wo es von allen gesehen werden kann. Das Glück findet sich hier nicht zwangsläufig an der Seite eines anderen Menschen, sondern durch die Loslösung von diesem.

Credits

OT: „Corsage“
Land: Österreich, Luxemburg, Deutschland, Frankreich
Jahr: 2022
Regie: Marie Kreutzer
Drehbuch: Marie Kreutzer
Musik: Camille
Kamera: Judith Kaufmann
Besetzung: Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Colin Morgan, Jeanne Werner, Alma Hasun, Manuel Rubey, Aaron Friesz, Finnegan Oldfield, Rosa Hajjaj

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über Corsage erfahren möchte: Wir haben Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer getroffen und im Interview zu der Arbeit an dem Historiendrama, traurigen Ikonen und dem Kampf für Gleichberechtigung befragt.

Marie Kreutzer [Interview]

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Corsage
Fazit
„Corsage“ erzählt zwar von der österreichischen Ikone Elisabeth, hat aber kaum etwas mit dem verkitschten Sissi-Souvenir-Bild gemeinsam. Stattdessen zeigt das Drama den oft vergeblichen Kampf gegen eine Gesellschaft und einen Mann, der ihr keine Position zugesteht. Das ist bedrückend, wird aber von teils humorvollen Irritationen aufgebrochen und macht zum Ende hin Mut, der eigenen Einengung zu entkommen.
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