Der Frosch und das Wasser
© Felix Abraham/ Pandora Film

Der Frosch und das Wasser

Der Frosch und das Wasser
„Der Frosch und das Wasser“ // Deutschland-Start: 30. April 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Stefan Busch (Aladdin Detlefsen) wurde mit Down-Syndrom geboren und lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Köln. Dort kümmert sich Betreuerin Nicole (Bettina Stucky) rührend um den erwachsenen Mann, der nie ein Wort redet. Aber ihrer Fürsorge entgeht nicht, dass „Buschi“, wie er von allen liebevoll genannt wird, eine Sehnsucht in sich trägt, die viel mit seiner Faszination für Wasser, aber auch mit einer Art Fernweh zu tun hat. Das kann man ihm kaum verdenken, gestaltet sich der betreute Heim-Alltag zwischen monotoner Werkstätten-Arbeit und ein bisschen Freizeit unterm Strich doch recht öde. Eines Tages, als die Gruppe mal wieder einen Ausflug macht und auf einer Fußgängerbrücke einem Trupp japanischer Touristen entgegenläuft, wechselt Buschi unbemerkt die Richtung und steigt auf der anderen Seite mit den Japanern in deren Reisebus. Besonders von Herrn Kitamura (Kanji Tsuda) fühlt sich Buschi magisch angezogen, auch wenn sich der Mann hinter seiner Sonnenbrille zunächst betont abweisend gibt. Aber allmählich schmilzt das Eis. Das hat auch mit Kitamuras Einsamkeit zu tun.

Innerer Kompass

Wenn die Heimbewohner in Zweierreihe ihre Einrichtung verlassen, ist Buschi immer der Erste, der sich im Gang aufstellt. Erst danach tritt sein gewohnter Kompagnon an die Spitze neben ihn. Nach und nach trudeln die übrigen Ausflügler ein. Buschi kennt, obwohl er nie etwas äußert, seine Bedürfnisse und seine Wunschorte im Leben sehr genau. Der Mann Anfang 40 wird offensichtlich von einem inneren Kompass gesteuert. Und er kann sich auch ohne Worte verständlich machen. Zum Beispiel, indem er bestimmte Plätze besetzt, bestimmte Orte aufsucht oder einfach nur sehnsüchtig aus dem Fenster schaut. Buschi spricht nicht, er steht auf und handelt. Den Japanern, denen er sich anschließt, gefällt diese innere Klarheit. In ihrer Sprache ist „Buschi“ gleichbedeutend mit „Samurai“, einem Krieger. Das erklärt natürlich nicht, warum die Mehrheit der Reisegruppe den „blinden Passagier“ nicht der Betreuerin ausliefert, die dem Bus dicht auf den Fersen ist. Und vor allem nicht, warum Reiseleiter Auskamp (Cornelius Schwalm) seinen zusätzlichen Schützling gar nicht erst bemerkt. Äußere Wahrscheinlichkeiten müssen zurückstehen hinter der inneren Wahrheit einer Geschichte, die zwischen Poesie, Märchen und Buddy-Movie oszilliert.

Der Frosch und das Wasser ist nach Herbert (2015), In den Gängen (2018) und Die stillen Trabanten (2022) der vierte lange Kinofilm von Thomas Stuber. Von seinen drei Vorgängern unterscheidet er sich dadurch, dass der Regisseur das Drehbuch nicht gemeinsam mit dem Schriftsteller Clemens Meyer geschrieben hat, der die langjährige Zusammenarbeit 2024 beendete. Die Filmidee stammt nun von Drehbuch-Co-Autor Gotthart Kuppel, der hier seine Liebe zur japanischen Kultur einfließen lässt. Trotzdem ist die Vorlage ein Stoff, der hervorragend zu Thomas Stubers bisherigen Arbeiten passt. Erneut handelt die Geschichte von zärtlich betrachteten Außenseitern, die sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit einander annähern, im Wärmestrom der Bilder und getragen von einer Genauigkeit in Recherche und Betrachtung, die jedem Kitschverdacht zuvorkommt.

Wie sich Buschi und Herr Kitamura ohne Worte verständigen, so kommuniziert der Film auch mit dem Publikum. Nicht auf Gesagtes kommt es an, sondern auf Atmosphären, vermeintlich unscheinbare Details, stille Hinweise und eine leise Komik. Weder von Buschis Vorgeschichte noch von Kitamuras Trauma erfahren wir allzu viel. Und doch fühlen wir uns schon nach dem ersten Filmdrittel mit ihnen so vertraut wie mit guten Freunden. Das hat – auf den ersten Blick paradox – auch mit dem Respekt zu tun, den Kameramann Filip Zumbrunn den Figuren zollt. Nie rückt er ihnen distanzlos auf die Pelle, immer hält er einen gewissen Abstand. Aber damit gibt er den Schauspielern auch die Chance, mit kleinen, aber gefühlsstarken Gesten den entstehenden Freiraum um sie herum zu füllen. So dauert es etwa 50 Minuten, bis der strenge, stets im dunklen Anzug mit weißem Hemd gekleidete Herr Kitamura das erste Mal die Mundwinkel zu einem Lächeln hochzieht.

Vom Ich zum Wir

Es lohnt, sich von den vielen Metaphern, Symbolen, doppelten Wortbedeutungen und Hinweisen zum Sinnieren anregen zu lassen. Schließlich kommt es in Stubers Minimalismus, der von einem emotionsstarken Soundtrack getrieben wird, auf das Wie der Inszenierung und weniger auf das Äußere einer Reise von Köln über Dresden und Schaffhausen ins schweizerische Bern an. Zugleich ist der Film in seiner heiteren Gelassenheit so angelegt, dass man ihn nicht entziffern muss, sondern intuitiv in ihn eintaucht, sofern man sich auf sein entschleunigtes Erzähltempo einlässt. Irgendwann wird man dann auch bemerken, dass sich das anfangs schmale Bildformat plötzlich verbreitert hat. Das „Wir“ braucht eben mehr Platz als das je einsame „Ich“. Zudem ist der Film in der japanischen Lebensart, die Buschi so fasziniert, schon lange zu Hause, ehe er für ein paar wenige Szenen dann tatsächlich nach Tokio reist. Dafür sorgt allein die Aufgeräumtheit der Bilder, die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Stille eines unausgesprochenen Glücks, das von Ferne an Wim Wenders Perfect Days (2023) erinnert.

Getragen wird die warmherzige Abenteuerreise durch das sensible Spiel von Buschi-Darsteller Aladdin Detlefsen, der seit über 20 Jahren auf der Bühne des Bremer Blaumeier-Ateliers steht, eines Projekts für Menschen mit und ohne Behinderung. Der deutsche Schauspieler, der hier sein Kinodebüt gibt, und der Japaner Kanji Tsuda (Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel) wurden für ihre Leistungen beim Tallinn Black Nights Festival, wo der Film Premiere feierte, als beste Hauptdarsteller ausgezeichnet. Völlig zu Recht.

Credits

OT: „Der Frosch und das Wasser“
Land: Deutschland, Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Gotthart Kuppel, Thomas Stuber, Hyoe Yamamoto
Kamera: Filip Zumbrunn
Besetzung: Aladdin Detlefsen, Kanji Tsuda, Bettina Stucky, Meltem Kaptan, Cornelius Schwalm

Bilder

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Der Frosch und das Wasser
fazit
„Der Frosch und das Wasser“ erzählt von der behutsamen Annäherung zweier ungleicher Außenseiter. Buschi, der Mann mit dem Down-Syndrom, spricht nicht. Und der fast ebenso wortkarge Japaner Kitamura wird von inneren Dämonen geplagt. Regisseur Thomas Stuber inszeniert sein Roadmovie mit leiser Komik und einer Herzenswärme, die seinen drei vorigen Kinofilmen gleichkommt.
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