Scherbenland
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Scherbenland

Scherbenland
„Scherbenland“ // Deutschland-Start: 30. April 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Berlin-Kreuzberg war nie nur ein Stadtteil. Es ist Projektionsfläche, Mythos, Reibungszone – und in Lutz Pehnerts und Ferdinand Hübners Dokumentarfilm Scherbenland vor allem eines: ein Resonanzraum. Einer, in dem sich politische Haltungen, musikalische Ausdrucksformen und biografische Brüche über Jahrzehnte hinweg gegenseitig spiegeln. Der Film setzt dort an, wo viele Erzählungen über deutsche Popgeschichte beginnen – bei den eruptiven Klängen von Ton, Steine, Scherben rund um Sänger Rio Reiser. Doch Scherbenland verweigert sich klugerweise der Versuchung, daraus ein bloßes Denkmal zu formen. Stattdessen fungieren die Lieder der Band als eine Art seismografisches Instrument: An ihnen wird gemessen, was sich verändert hat – und was erstaunlich gleich geblieben ist.

Ein Kreuzberg-Porträt

Pehnert montiert Archivmaterial aus den 1970er Jahren mit einer Ruhe und Präzision, die dem Film eine fast unspektakuläre Souveränität verleiht. Hausbesetzungen, Demonstrationen, Hausbesetzungen, Polizeimaßnahmen – die Bilder wirken nicht wie museale Artefakte, sondern wie offene Fragen. Was ist aus dieser Energie geworden? Und wohin ist sie gewandert?

Die Antworten sucht der Film aber nicht in historischen Kommentaren, sondern in der Gegenwart. Maike Rosa Vogel, deren Weg sie aus dem Rhein-Main-Gebiet über die Popakademie in Mannheim nach Berlin führte, wird dabei zur leisen Chronistin einer Zwischenzeit. Ihre Lieder tragen weniger Parole als Reflexion in sich, weniger kollektiven Aufbruch als individuelle Verortung. Wenn sie von ihrer Zeit im Berlin der Nachwendezeit erzählt, klingt darin noch ein Echo jener Stadt nach, die sich in den 1990ern als Möglichkeitsraum verstand – roh, unfertig, verlockend.

Musik der Gegenwart

Dem gegenüber steht das Rap-Trio RAPK, drei junge Männer aus Kreuzberg, deren Perspektive eine andere Dringlichkeit besitzt. Ihre Geschichten sind nicht die eines Aufbruchs, sondern die eines Aufwachsens unter Bedingungen, die sich zunehmend verengt haben. Gentrifizierung ist hier kein abstrakter Begriff, sondern konkret erfahrbar – etwa in der Kündigung einer Wohnung, die mehr ist als nur Wohnraum: ein Stück Herkunft, das verschwindet.

Gerade in diesen Gegenüberstellungen entfaltet Scherbenland eine große Stärke. Der Film inszeniert keinen Wettbewerb der Generationen, sondern legt Bruchlinien offen. Die Texte der Scherben, einst als unmittelbare Kampfansage formuliert, treffen auf eine Gegenwart, in der Widerstand fragmentierter erscheint. RAPK greifen ähnliche Themen auf – Prekarität, Polizeigewalt, soziale Ungleichheit –, doch ihre Sprache ist eine andere, ihr Ton weniger utopisch, dafür unmittelbarer im Hier und Jetzt verankert.

Vergleich von Stadtbildern

Die Kamera erkundet dabei Kreuzberg mit einem Blick, der weder verklärt noch entzaubert. Straßenzüge, Fassaden, Innenräume – sie alle tragen Spuren der Zeit, ohne dass der Film diese Spuren überdeutlich markiert. Das erkennt man vor allen an der Gegenüberstellung von Archivaufnahmen und den heutigen Bildern: Wo einst improvisierte Freiräume waren, stehen heute sanierte Altbauten und solche, die auf eine Sanierung warten. Und doch scheint etwas geblieben zu sein – ein Rest Unruhe, der sich nicht vollständig befrieden lässt.

Dass Pehnert sich auf die Kraft der Bilder und Musik verlässt, zahlt sich aus. In Scherbenland wird wenig erklärt, es wird dafür viel beobachtet. Die Montage lässt Verbindungen entstehen, die sich auf den ersten Blick – oder besser auf durch das erste Hören – nicht aufdrängen. Wenn ein alter Song in einen aktuellen Track übergeht, entsteht ein Dialog, der mehr sagt als jede Off-Stimme es könnte.

Eine Zustandsbeschreibung

Dabei vermeidet der Film konsequent nostalgische Verklärung. Die Vergangenheit erscheint nicht als verlorenes Paradies, sondern als ein Moment intensiver Verdichtung, dessen Impulse bis heute nachwirken – wenn auch in veränderter Form. Die Gegenwart wiederum wird nicht als bloßer Abklatsch inszeniert, sondern als eigenständige Realität mit eigenen Ausdrucksformen und Widersprüchen.

Und das genau macht den Film aus: Er behauptet keine Kontinuität, wo Brüche sind, und er konstruiert keine Brüche, wo sich Linien ziehen lassen. Stattdessen zeigt er, wie sich Protest wandelt, wie sich Räume verändern und wie Musik immer wieder neue Wege findet, diese Veränderungen hörbar zu machen. Scherbenland ist damit weniger eine Musikdokumentation als eine Zustandsbeschreibung – ein Film, der versteht, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern sich in jeder Generation neu artikuliert. Und dass selbst dort noch immer brodelt, wo die Parolen leiser geworden sind.

Credits

OT: „Scherbenland
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Lutz Pehnert, Ferdinand Hübner
Buch: Lutz Pehnert

Kamera: Thomas Lütz, Markus Hering, Florian Geyer

Bilder

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Scherbenland
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„Scherbenland“ ist ein Porträt des Berliner Stadtteils Kreuzbergs: Der Film verbindet Vergangenheit und Gegenwart und zeigt Wandel von Protest anhand dreier verschiedener Musiker-Generationen.
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