
Schon früh war Emily Dickenson (Cynthia Nixon) an den Künsten interessiert, vor allem der Poesie. Sie versuchte sich auch selbst immer wieder daran, ohne das aber groß mit anderen teilen zu wollen. Schließlich ist es in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts unüblich, dass Frauen Gedichte schreiben. Zumal Emily einen ganz eigenen Stil hat. Während sie mit ihrer streng gläubigen Familie zusammenlebt – Vater Edward (Keith Carradine), Mutter Emily (Joanna Bacon), Bruder Austin (Duncan Duff) und Schwester Vinnie (Jennifer Ehle) –, ist sie hin und her gerissen zwischen dem, was von ihr erwartet wird, und ihren eigenen Wünschen. Und ist zunehmend frustriert von der Welt und ihren eigenen Misserfolgen …
Porträt einer eigenwilligen Künstlerin
Auch wenn das heute kaum noch vorstellbar ist, es ist gar nicht so lange her, dass Frauen in der Welt der Literatur keinen Platz hatten. Sie wurden belächelt, nicht ernst genommen. Und so kam es vor, dass im 19. Jahrhundert Autorinnen unter männlichem Namen veröffentlichten, siehe etwa die drei britischen Brontë-Schwestern, die erst nach ihrem Tod die Würdigung erhielten, die sie verdienten. Ähnlich erging es ihrer US-amerikanischen Leidensgenossin Emily Dickinson, die etwas später mit ihrer schriftstellerischen Laufbahn anfing. Bei ihr war es sogar noch schlimmer, auf gewisse Weise. Denn während die obigen Kolleginnen zumindest ihre Romane auf den Markt bringen konnten, blieben die meisten Gedichte von Dickinson unveröffentlicht. Von den rund 1800 Gedichten, die sie im Laufe der Zeit schrieb, wurden nur 10 zu ihrer Lebenszeit veröffentlicht.
A Quiet Passion – Das Leben der Emily Dickinson ist daher auch keines dieser Künstlerporträts, in denen die Hauptfigur sich im Licht der eigenen Errungenschaften sonnen darf. Denn die gibt es schlicht und einfach nicht. Als sie eines ihrer Gedichte veröffentlicht, geschieht das noch anonym. Bei einem späteren Anlauf wird ihr Text vom Verlag umgeschrieben, weil ihre Interpunktion zu eigenwillig war. Das wäre dem Publikum nicht zu verkaufen gewesen, muss sie sich anhören. Dickinson will das aber nicht einfach so hinnehmen und streitet mit dem Verantwortlichen. Die Szene ist nicht die einzige in dem Film, in dem sich die verhinderte Künstlerin mit anderen anlegt. Sie muss dabei nicht zwangsläufig laut werden. Der Widerspruch ist auch so deutlich genug.
Als Porträt uninteressant
Das ist sicherlich konsequent und auf seine Weise bewundernswert. Sein ganzes Leben lang dagegen anzukämpfen, sich von anderen verbiegen zu lassen oder irgendwelchen Erwartungen zu unterwerfen, kostest viel Kraft. Aber es ist eben auch etwas anstrengend, einer Frau zuzuhören, die oftmals selbstgerecht auftritt und die nicht viel dafür tut, sich in das Leben anderer einfühlen zu wollen. Natürlich muss eine Figur nicht zwangsläufig sympathisch sein, damit man ihr gern folgt. A Quiet Passion – Das Leben der Emily Dickinson schafft es aber auch nicht, die Protagonistin wirklich interessant zu gestalten. Das Porträt ist zu einseitig und gibt zudem keinen Einblick in den Schaffungsprozess. Regisseur und Drehbuchautor Terence Davies hat nicht wirklich viel zu ihr zu sagen. Die anderen Figuren sind sogar bloße Stichwortgeber ohne viel Eigenleben. Nennenswerte Ereignisse gibt es sowieso nicht.
Das heißt aber nicht, dass das Drama, welches 2016 auf der Berlinale Weltpremiere hatte, nicht sehenswert ist. Zum einen ist das alles doch recht kunstvoll umgesetzt. Und zumindest als Zeitporträt hat man hier einiges zusammengetragen, welches einen Einblick gibt in die Umstände, unter denen Dickinson sich künstlerisch zu betätigen versuchte. Ein Interesse an dem Thema vorausgesetzt, im Idealfall auch an der Autorin selbst, kann sich also schon ein Blick auf A Quiet Passion – Das Leben der Emily Dickinson lohnen. Aber es ist dann doch spannender, sich mit den Gedichten an sich zu beschäftigen, nicht mit der Frau dahinter, so wie sie hier gezeigt wird.
OT: „A Quiet Passion“
Land: UK
Jahr: 2026
Regie: Terence Davies
Drehbuch: Terence Davies
Musik: Boris Bojadzhiev, Lukas Kiedaisch
Kamera: Florian Hoffmeister
Besetzung: Cynthia Nixon, Jennifer Ehle, Keith Carradine, Emma Bell, Rose Williams, Duncan Duff, Joanna Bacon
Berlinale 2016
Toronto International Film Festival 2016
Amazon (DVD „A Quiet Passion – Das Leben der Emily Dickinson“)
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