
Im klassischen Sinne erfolgt der Übergang ins Erwachsenenalter durch Rituale, Strukturen und Zeremonien. Auch wenn sich diese Prozesse im Zeitalter der Globalisierung sowie der sozialen Medien mehr und mehr verlagern, teils an Wichtigkeit verlieren oder abgelöst werden, sind sie dennoch präsent. In der westlichen Welt wären beispielsweise der Schulabschluss oder das Erreichen des 18. Lebensjahres zu nennen, die zwar individualisiert gestaltet, jedoch kollektiv akzeptiert sind. In anderen Gesellschaften sind diese Übergänge anders gewichtet, kulturell verankert, identitätsstiftend und sozial verpflichtend. Ihr Fortbestehen wird als Norm gesehen, doch angesichts des ökonomischen Drucks, der durch die bereits erwähnte Globalisierung noch zunimmt, erscheinen sie bedroht und unter Umständen sogar widersprüchlich. Einer dieser Übergänge vom Kind zum Erwachsenenalter wird durch das Skirt-Changing-Ritual (shalaluo) markiert, das besonders im südchinesischen Raum verbreitet ist. Für die Gemeinschaft der Yi, deren Heimat die Liangshan-Region ist, stellt der traditionelle Rockwechsel einen wichtigen Punkt im Leben junger Mädchen dar. Jedoch macht sich ein Wandel bemerkbar, denn viele der Eltern der Mädchen sind Wanderarbeiter und haben demzufolge die Erziehung der jüngeren Kinder sowie das Bestellen der Felder oder die Führung eines Geschäfts ihren ältesten Kindern überlassen, sodass sie bei diesem wichtigen Schritt im Leben ihrer Kinder oftmals nicht anwesend sein können. Daher obliegt es logischerweise den Jugendlichen selbst, dieses Ritual zu organisieren, was nicht selten der Beginn einer langen Reise sein kann. Eine dieser Reisen steht im Vordergrund des Dokumentations-Hybriden Whispers in May, der auf dem DOK.fest München 2026 zu sehen ist. Regisseurin Dongnan Chen begleitet für ihren Film die Teenagerin Qihuo, die sich gemeinsam mit ihren zwei besten Freundinnen auf den Weg in eine weit entfernte Gemeinde macht, wo sie ein Kleid für die Skirt-Changing-Zeremonie kaufen will. Auf der einen Ebene ist Whispers in May eine Art Roadmovie, das zeigt, wie die drei Mädchen durch Berge und Wälder reisen, um ihrem Ziel näher zu kommen, und dabei immer wieder über ihre Zukunft, ihre Eltern und generell ihr Leben in der Gemeinde nachdenken. Darüber hinaus gibt es verschiedene animierte Sequenzen, die eine Legende der Yi-Kultur erzählen, in der ebenfalls von einer Reise zweier Mädchen berichtet wird. Durch die Verbindung dieser beiden Ebenen gelingt Chen ein Film über Rituale im Spannungsfeld von Tradition und Mythos sowie wirtschaftlich-gesellschaftlichen Realitäten. Prophezeiungen, Mythen und ein Meer von Blumen Der Weg zum nächsten Dorf, in dem Qihuo ein Kleid zu einem erschwinglicheren Preis kaufen will, ist lang und beschwerlich. Als ihnen jemand für eine Weile eine Mitfahrgelegenheit anbietet, nehmen die beiden diese dankbar an, bitten jedoch schon nach kurzer Zeit darum, anzuhalten. Eine Wiese mit schönen weißen Blumen hat sie in ihren Bann gezogen – es ist eine Blume, von der sie bislang nur gehört oder Bilder gesehen haben. Während ihre Mitfahrgelegenheit schon bald hinter der nächsten Kurve verschwindet, laufen die beiden Teenagerinnen durch die Wiese, betrachten die Blumen und nehmen diesen Eindruck in sich auf, der wohl einer von vielen sein wird, den sie Zeit ihres Lebens nicht mehr vergessen werden. Whispers in May bietet viele solcher Momente, die die Stationen einer Reise markieren, an deren Ende nicht nur das Ende der Kindheit stehen mag, sondern auch das einer Gemeinschaft, die so nicht mehr wiederkehren wird. Bereits zuvor unterhielten sich die drei Mädchen über ihre Zeit in der Schule oder darüber, ob sie lieber in einer Fabrik arbeiten gehen wollen – so wie es ihre Mütter und Väter bereits tun. Der Horizont scheint auf der Blumenwiese noch weit entfernt und verheißungsvoll, doch die Realität ist eine andere. Das Mythologische zielt auf eine weiterführende Bedeutung der Reise als Übergang ab. Auch die beiden Töchter in der Erzählung werden von ihren Eltern allein gelassen, sodass sie schutzlos einer Welt ausgeliefert sind, die von Monstern und anderen Kreaturen bewohnt wird. Als Qihuo und ihre Freundinnen auf ihrem Weg einem alten Mann begegnen, sagt dieser ihnen, dass es im nahen Wald zwar schon das ein oder andere „Monster“ gebe, die weitaus gefährlicheren Mächte jedoch „böse Menschen“ seien, die zu Ungeheuern geworden sind. Chen entwirft die Reise als ein Nachempfinden der verschiedenen Erlebnisse und Erfahrungen der Kindheit, zugleich aber auch als ein Aufräumen mit Illusionen sowie als Betonung der Verantwortung für das eigene Leben. Das Ritual und der Weg dorthin werden in einen Kontext eingeordnet – als Vorbereitung und als wichtige Instanz, aber zugleich als Moment, in dem einem das Alleinsein bewusst wird. OT: Whispers in May DOK.fest München 2026 Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: Hongkong, Niederlande, Südkorea, Schweden
Jahr: 2026
Regie: Dongnan Chen
Drehbuch: Dongnan Chen
Kamera: Ming Xue, Xiao Xiao
Musik: Chad Cannon
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