Genug ist genug für die Aktivisten und Aktivistinnen in Phoenix – Change Or Die. Anstatt sich weiterhin die Ausflüchte der großen Konzerne anzuhören, die sich vor ihrer Verantwortung drücken und weiterhin die Umwelt zerstören, beschließen die sechs, zu anderen Mitteln zu greifen. Sie entführen einfach die Kinder der Bosse der vier Unternehmen, die besonders stark zur Zerstörung beitragen, und wollen sie so dazu zwingen, endlich doch etwas für den Umweltschutz zu tun. Am 19. April 2026 startet die europäische Thrillerserie auf ZDFneo. Wir haben uns mit Will Attenborough unterhalten, der James Willis spielt, einen der sechs Öko-Terroristen. Im Interview spricht der Enkel von Regie-Legende Richard Attenborough und Großneffe von Tierfilmer David Attenborough über moralische Grenzen, Hoffnung in aussichtslosen Zeiten und was er selbst tut, um die Welt besser zu machen.
Warum hast du Phoenix gedreht? Was hat dich an der Serie gereizt?
Ich fand es spannend, in einem anderen Land zu drehen und mit Leuten zu arbeiten, die die unterschiedlichsten Sprachen sprechen: Französisch, Deutsch, Spanisch. Für mich war es eine schöne Herausforderung, ein bisschen an meinem Französisch zu arbeiten. Aber es ist auch das Thema, das mich gereizt hat. Mir ist Umweltschutz sehr wichtig und ich leite eine Organisation namens Green Rider, die sich dafür einsetzt, dass die Fernseh- und Filmindustrie grüner und fairer wird. Ich habe auch jahrelang an Kampagnen rund um Klimathemen gearbeitet. Deswegen hat die Geschichte der Serie sehr gut für mich gepasst.
Dann lass uns über die Serie sprechen. Wie würdest du deine Figur beschreiben?
Ich spiele James, einen jungen Mann aus der Arbeiterschicht in Liverpool. Es geht ihm weniger um den Schutz der Natur. Seine Motivation kommt von seiner Wut über die Ungleichheit und Korruption in dem globalen Wirtschaftssystem. Sein Vater war sehr unvorsichtig beim Umgang mit Geld und hat sehr unklug investiert, was am Ende dazu geführt hat, dass seine Familie auseinandergebrochen ist. Deswegen trägt er diese Wut auf die politische und ökonomische Elite in sich und findet in dieser Gruppe, die dem Status Quo den Kampf angesagt hat, ein Gefühl von Gemeinschaft.
Ist das etwas, womit du dich als Aktivist identifizieren kannst?
Ja, auf jeden Fall! Ich habe vermutlich so vor zwölf Jahren damit angefangen, für verschiedene NGOs und als Aktivist zu arbeiten. Ich habe bei Kampagnen mitgemacht, bei denen versucht wurde, Rentenfonds davon zu überzeugen, ihre Beteiligungen an Unternehmen aufzulösen, die mit fossilen Brennstoffen Geld machen und sich unverantwortlich verhalten. Was die Figuren in der Serie tun, unterstütze ich natürlich nicht. Aber ich kann schon ihren Frust, die Wut und Angst nachempfinden. Ich finde es sehr interessant, dass so viele Menschen weltweit den politischen und wirtschaftlichen Institutionen misstrauen. Du siehst das auch bei der Unterstützung der rechten Partien wie Reform bei uns, Trump oder auch der AfD: Die Menschen haben das Gefühl, zurückgelassen und ignoriert zu werden und dass ihnen die Zukunft von einer kleinen Elite genommen wird. Und das ist eben das Gefühl, dass die Figuren in unserer Serie haben.
Du hast schon gemeint, dass du die Aktionen nicht unterstützt. Aber wie weit würdest du gehen? Das ist etwas, worüber du bei der Arbeit an der Serie vermutlich nachgedacht hast.
Es ist natürlich schwierig, das so hypothetisch zu beantworten. Und ich will mich auch nicht mutiger machen, als ich es bin. Auf der moralischen Ebene wäre ich vermutlich zu vielem bereit. Ich würde aber niemals einen Menschen töten oder entführen. Das ist dann doch eine Grenze, die ich nicht überschreiten würde. Das ist moralisch für mich nicht vertretbar. Und es bringt auch nichts. Du kannst viel mehr erreichen, wenn du Leuten Hoffnung gibst und das Gefühl, dass du etwas ändern kannst.
Also ist es falsch und dumm.
Falsch und dumm trifft es sehr gut, genau.
Ganz grundsätzlich: Wenn ein System nicht funktioniert, ist es dann besser, dieses zu reformieren und innerhalb des Systems zu arbeiten oder dieses System abzuschaffen?
Wenn Leute davon sprechen, ein System abzuschaffen, geht das oft mit einem gewissen Privileg einher, eine solche Abschaffung überhaupt fordern zu können. Es ist einfach für jemanden wie mich, in meinem gemütlichen Zuhause und mit meiner netten Herkunft zu sagen, dass wir ein System abschaffen sollen. Aber wenn du hart arbeiten musst, um überhaupt Essen auf den Tisch zu bringen, dann ist das eine furchterregende Aussicht. Außerdem wäre es nicht fair, ein System abzuschaffen, ohne eine Alternative zu haben, die das Leben anderer tatsächlich verbessert. Mein Ansatz war immer, innerhalb des System zu arbeiten und zu versuchen, es zu verändern und verbessern. Wenn du dir anschaust, was die extreme Rechte in den USA getan hat und wie sie die republikanische Partei übernommen und verändert hat, dann siehst du, wie das funktionieren kann. Das würde ich mir auch für Menschen erhoffen, die progressive Ziele haben.
Wenn man das System verändern möchte, brauchst du aber auch Leute, die sich darauf einlassen. Was aber, wenn die andere Seite gar nichts ändern will, weil sie das System so gut findet?
Erst einmal ist die Frage: Wer genau ist diese andere Seite? Wenn ich mir meine Heimat anschaue, dann wurde die Labour Party gewählt, weil die Menschen eine Veränderung wollten. Es verändert sich auch einiges. Aber es geschieht nur in kleinen Schritten, weshalb die Partei in Umfragen schlecht dasteht. Es sind nur wenige, die wirklich etwas verändern können, ein kleiner Kreis. Letzten Endes musst du sie davon überzeugen, dass es in ihrem Interesse ist, etwas zu verändern. Aktuell ist der Zeitgeist so, dass die Menschen sehr anti-establishment sind. Wenn du jemand bist, der den Status Quo verteidigt, dann wirst du nicht lang an der Macht sein.
Du hast davon gesprochen, anderen Menschen Hoffnung geben zu wollen. Was gibt dir selbst Hoffnung, gerade in Zeiten, wenn alles aussichtslos scheint?
Meine Hoffnung basiert auf den Veränderungen, die ich schon sehe. Es wird kaum darüber gesprochen, wie billig und sauber Energie bereits geworden ist. Solarkraft ist inzwischen die billigste Energie überhaupt. Da ist so viel Potenzial, nicht nur im Hinblick auf die Klimakrise, sondern auch wenn es darum geht, die Machtverhältnisse in der Welt zu verändern. Wenn du dir anschaust, was in Iran und im Mittleren Osten geschieht, dann verstehst du, dass erneuerbare Energien sicherer sind und zum Weltfrieden beitragen. Außerdem lohnt es sich, nicht nur auf das große geopolitische Bild zu schauen, sondern auf das zu achten, was im Kleinen geschieht. Ein Beispiel: In einem ärmlichen Viertel in Bristol haben die Menschen zusammengelegt, um eine Windturbine zu kaufen. Das haben sie gar nicht gemacht, weil sie den Planeten retten wollen, sondern weil sie davon finanziell profitieren. Sie machen damit eine Menge Geld, was dem Viertel zugutekommt. Das ist ein fantastisches Beispiel, wie im Kleinen etwas geschieht. Und wir brauchen mehr solcher Geschichten – und müssen mehr darüber sprechen.
Und was, wenn du jemandem begegnest, der die Hoffnung verloren hat? Was würdest du ihm raten?
Zunächst einmal ist es wichtig, den Menschen zuzuhören. Anstatt ihnen gleich einen Ratschlag zu geben, musst du erst einmal verstehen, was sie bewegt. Du musst ihnen das Gefühl geben, gehört zu werden und ernstgenommen zu werden. Ich lebe in einer Gegend von London mit hoher Armut, weswegen ich dauernd Menschen begegne, die keine Hoffnung mehr haben. Es wäre anmaßend, ihnen zu sagen, dass sie Hoffnung haben sollen. Viele sind auch einsam, weil es in der heutigen Welt so einfach ist, einsam zu sein. Da braucht es eine Form der Gemeinschaft. Das Gefühl, nicht ganz allein mit dem zu sein.
Wie sieht es mit Filmen und Serien aus? Können sie zu einem Wandel beitragen?
Absolut, ja! Wir leben in einer Zeit, in der das Medienumfeld zunehmend fragmentiert ist. Die Popkultur kann da eine große Rolle spielen, ein Narrativ zu etablieren. In den USA gibt es den Ausdruck „designated driver“, also der Mensch, der in einer Gruppe der Fahrer ist und deshalb nichts trinkt. In den USA gab es ein großes Problem mit Alkohol am Steuer. Also sind die Politiker zu den Autoren der Sitcom Cheers gegangen und haben sie gebeten, das in die Serie zu integrieren. Das haben sie auch gemacht und so dazu beigetragen, dass die Menschen davon gehört haben. Und das hat wirklich geholfen, das Konzept zu etablieren den Alkoholkonsum zu reduzieren. Will & Grace hat dazu beigetragen, dass Konservative Homosexualität anders sehen. Ein aktuelles Beispiel ist Adolescence. Die Menschen sind Geschichtenerzähler und brauchen auch selbst Geschichten. Du kannst noch so sehr die Fakten wiedergeben. Wenn du die Herzen der Menschen nicht erreichst, dann bringt das nichts.
Als Schauspieler bist du selbst ein Geschichtenerzähler. Weshalb wolltest du einer werden?
Gute Frage. Wahrscheinlich wollte ich meine Familie beeindrucken. In meiner Familie arbeiten sie alle in dem Bereich. Mein Großvater war Schauspieler und Regisseur, mein Vater ist Regisseur, meine Mutter ist Schauspielerin. Mein Großvater war immer mein Held. Ich wollte wohl das Gefühl haben, so gut wie sie zu sein. Schauspielen macht aber auch jede Menge Spaß, wenn du mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeitest und eine spannende Geschichte erzählst. Ein anderer Faktor war sicher auch, dass ich als Teenager eher unbeholfen war. Und ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht doch jemand mit mir ausgeht, als ich gemerkt habe, dass das Schauspielen etwas ist, in dem ich gut bin.
Und wie sieht es mit deinem Einsatz für die Umwelt aus? Ist das auch etwas, das durch deine Familie vorgegeben wurde?
Zum Teil natürlich. Wobei es gar nicht so sehr die Umweltsachen sind, mit denen man meinen Großonkel David Attenborough verbindet, die für mich der Einstiegspunkt waren. Mein Zugang waren mehr die Menschenrechte. Die Apartheid zum Beispiel. Mein Großvater hatte einen Film über Steve Biko gedreht, der in Südafrika gegen die Apartheid gekämpft hat. Ich habe einen Artikel von Desmond Tutu gelesen, vermutlich so vor zwölf Jahren, der den Klimawandel mit der Apartheid in Verbindung gebracht hat. Denn es sind die ärmsten der Menschen, die unter dem Klimawandel besonders zu leiden haben, obwohl sie am wenigsten zu ihm beigetragen haben. Ich will zu der Lösung beitragen, so gut ich es eben kann.
Kommen wir noch einmal zu James zurück. Er macht im Laufe der Serie eine Reihe besonderer Erfahrungen. Was machen die mit ihm?
James trifft am Anfang eine Entscheidung, die falsch ist. Und er muss lernen, mit dieser Entscheidung zu leben. Ich will nicht zu viel spoilern, aber er baut auch eine Verbindung zu der Person auf, die er entführt hat, und erkennt dabei, wie viel er von dem weitergibt, was er selbst erfahren hat. Wie sehr er durch das Trauma geprägt ist, das von einer Generation zur nächsten gegeben wird. Um auf deine Frage zurückzukommen, wie weit ich gehen würde: Er erkennt, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt und es das Richtige ist, das Kind zu beschützen.
Und wie sieht es bei dir aus? Was hast du durch die Serie gelernt?
Mein Französisch ist besser geworden. Was mir auch gut gefallen hat, war, wie kollaborativ die Arbeit an der Serie war. Es gab dort weniger Hierarchien als bei den US-amerikanischen und britischen Produktionen, die ich bisher gemacht habe. Ich habe also gelernt, wie viel schöner so ein Dreh sein kann. Und ich habe gelernt, worüber wir schon gesprochen haben: Wir müssen lernen, anders über die ernsten Themen zu sprechen. Wenn du anderen dauernd Angst machen willst, wirst du sie vielleicht kurzzeitig animieren können. Aber du riskierst, dass sie fatalistisch werden und irgendwann einfach abschalten. Viel besser ist es, wenn du sie bestärkst und zeigst, dass wir wirklich etwas verändern können.
Letzte Frage: Jetzt, da Phoenix abgeschlossen ist, wie geht es bei dir weiter? An welchen Projekten arbeitest du?
Ich konzentriere mich gerade Vollzeit auf Green Rider, wovon ich dir vorhin schon erzählt habe. Wir haben da schon an über 50 Produktionen und mit Leuten wie Eddie Redmayne, Olivia Colman, Bella Ramsey und Benedict Cumberbatch gearbeitet. Bislang waren das überwiegend Serien. Aber jetzt haben wir die Chance, das noch größer zu machen und an richtigen Blockbustern mitzuwirken. Wenn wir es schaffen, da zu zeigen, dass es möglich ist, nachhaltig zu arbeiten, dann könnten wir wirklich etwas bewegen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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