
Airi (Moeka Hoshi) verfügt über eine ganz besondere Gabe: Sie kann mit den Toten kommunizieren. Dieses Talent benutzt sie nicht nur, um sich regelmäßig mit ihrer verstorbenen Schwester (Kurumi Inagaki) zu unterhalten. Sie setzt dieses auch ein, um Geistern, die noch immer im Reich der Lebenden herumirren, den Weg ins Jenseits zu weisen. Als sie in ein abgelegenes Gasthaus gerufen wird, wo immer wieder ein entstellter, blutverschmierter Mann herumläuft, sieht das für sie nach einem ganz normalen Auftrag aus. Doch schon bald merkt sie, dass da etwas nicht stimmt. Was auch immer Airi versucht, sie schafft es nicht, den Mann zu erreichen und ihn zu bewegen. Wer ist dieser Fremde? Und was ist ihm Grauenvolles zugestoßen?
Zurück in Japan
Es gab eine kurze Phase um die Jahrtausendwende, da schauten Horrorfans aus aller Welt nach Japan. Vor allem Ring (1998) um ein todbringendes Video und Ju-on: The Grudge (2002), wo ein Rachegeist sein Unwesen treibt, machten J-Horror international zu einem Phänomen. Beide wurden auch für den US-Markt noch einmal neu verfilmt. Inzwischen ist von diesem Ruhm nicht mehr viel übrig, wenngleich noch immer interessante Genrebeiträge in dem fernöstlichen Land produziert werden. Ein solcher ist Never After Dark. Mit einer kleinen Einschränkung: Während die Geschichte in Japan spielt und das Ensemble rein japanisch ist, ist Regisseur und Drehbuchautor Dave Boyle US-Amerikaner. Allerdings einer, der seit inzwischen zwanzig Jahren Filme auf der asiatischen Insel dreht und selbst Japanisch studiert hat, also genügend Kenntnisse mitbringt.
Wobei die Geschichte an und für sich überall spielen könnte. Und zu jeder Zeit. Tatsächlich beginnt Never After Dark sehr klassisch, wenn ein Medium damit beauftragt wird, einen herumirrenden Geist aus dem Gasthaus zu vertreiben. Das klingt erst einmal nicht sonderlich originell. Wenn dann auch noch ein abgelegenes Haus im Wald als Schauplatz ausgewählt wird, darf man sich endgültig fragen, ob es noch generischer geht und ob es diesen Film braucht. Boyle lässt sich auch gut Zeit, bis er mal zur Sache kommt. Für ein bisschen Abwechslung sorgt, dass die Protagonistin auch mit ihrer eigenen Schwester spricht, die sie immer wieder in Spiegeln sieht. Außerdem ist das Setting schon recht reizvoll, weshalb man sich das Ganze dann doch weiterhin anschaut.
Spannende Wendung
Der Film legt dabei einen größeren Wert auf die Figuren, verwickelt diese in Gespräche, ohne dass es zu nennenswerten tatsächlichen Schreckmomenten kommt. Dann und wann taucht der besagte Mann auf, der furchtbar entstellt ist. Insofern ist da schon eine Spannung da, was denn seine Geschichte ist. Das ist auch mit einem gewissen Mystery-Faktor verbunden, wenn unklar ist, warum dieser Geist so anders ist als andere, zumindest laut der Aussage des Mediums und der Schwester. Die Antwort ist tatsächlich überraschend und schafft es augenblicklich, Never After Dark in eine andere Richtung zu schieben und den Film nach einem gemächlichen, unauffälligen Start eine eigene Identität zu geben.
Viel mehr sollte man darüber nicht wissen. Der Horrorfilm, der auf dem South by Southwest Festival 2026 Weltpremiere hatte, lebt schon von dieser Wendung, zumal diese auch mit einer Fokusverschiebung einhergeht. Plötzlich geht es dann doch richtig zur Sache, der bis zu dem Zeitpunkt recht ruhige Film wird dann zu einem verzweifelten Kampf gegen das Böse. Zu einer Renaissance des J-Horrors wird Never After Dark eher nicht führen, dafür ist der Rest des Films nicht prägnant genug. Da ist auch nicht viel, was man sich abschauen könnte. Aber es ist eben ein spannender Film, bei dem man später tatsächlich mitfiebert, obwohl man eigentlich weiß, wie das alles ausgehen muss. Insofern wäre es dem Genrebeitrag zu wünschen, dass er zumindest die Zielgruppe erreicht. Denn die wird auf jeden Fall ihre Freude damit haben.
OT: „Never After Dark“
Land: Japan
Jahr: 2026
Regie: Dave Boyle
Drehbuch: Dave Boyle
Musik: Jonathan Snipes
Kamera: Patrick Ouziel
Besetzung: Moeka Hoshi, Kurumi Inagaki, Kento Kaku, Tae Kimura
SXSW 2026
Fantasy Filmfest 2026
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