Kritik

Ju On The Grudge

„Ju-on: The Grudge“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2004 (DVD)

Eigentlich hatte Sozialarbeiterin Rika (Megumi Okina) nur nach der älteren Sachie (Chikako Isomura) schauen wollen, zur Sicherheit überprüfen, ob bei ihr alles in Ordnung ist. Doch schon beim Betreten des Hauses sieht es nicht wirklich danach aus. Vom Rest der Familie gibt es keine Spur, überall liegt Müll herum. Sachie selbst scheint ebenfalls nicht in der besten Verfassung zu sein, starrt teilnahmslos vor sich hin, nimmt Rika kaum wahr. Doch das Schlimmste steht ihr erst noch bevor, als sie auf einmal eine dunkle Gestalt wahrnimmt. Und sie wird nicht die letzte sein, die es mit der unheimlichen Erscheinung zu tun bekommt …

Nachdem Ende der 90er Ringu bereits weltweit für Aufsehen und diverse Schreckmomente gesorgt hatte, trug das 2002 erschienene Ju-on: The Grudge maßgeblich dazu bei, dass Japan vorübergehend zu einer der Horrorhochburgen schlechthin wurde – die Geburtsstunde des J-Horrors. Dabei einte die beiden Filme nicht nur die Herkunft. In beiden stand eine unheimlich dreinblickende Frau im Mittelpunkt, welche als Rachegeist die Lebenden terrorisiert. Beide verband zudem, dass sie nicht sehr wählerisch waren, wer denn nun sterben muss. Eigentlich konnte es jeden treffen, der das Pech hatte, mit der Geschichte in Berührung zu kommen.

Das Grauen wartet überall
Im Fall von Ju-on: The Grudge ist dies sogar noch ausgeprägter. War der Fluch beim direkten Kollegen noch mit einer bestimmten Tat verbunden, das Abspielen eines Videobandes, da ist er hier deutlich ansteckender. Es reicht, einen Schritt in das verfluchte Haus zu setzen, das wir anfangs kennenlernen. Das Perfide daran: Die dunkle Gestalt, deren Hintergründe wir nach und nach erfahren, kann im Anschluss überall auftreten. Anders als beim klassischen Haunted House Horror, wie etwa bei Bis das Blut gefriert, ist der Schrecken nicht an einen Ort gebunden. Er hat auch sonst keine physische Verbindung, wie man es bei verfluchten Gegenständen im Stil von Annabelle sieht. Das bedeutet im Umkehrschluss: Es gibt keine Möglichkeit, dem Fluch zu entkommen.

Die unheimliche Atmosphäre von Ju-on: The Grudge ist dann auch maßgeblich durch dieses Gefühl der Willkürlichkeit bestimmt. Es spielt hier keine Rolle, ob man am Ort des Grauens ist, bei der Arbeit oder daheim, selbst intimste Orte wie eine Toilette, die Dusche oder das eigene Bett können zur Todesfalle werden. Und wenn man nicht einmal dort seine Ruhe findet, wo denn dann? Hinzu kommt, dass die Opfer des Rachegeistes hier sich nur in den seltensten Fällen etwas zuschulden haben kommen lassen. Sie werden nicht für böse Taten bestraft, teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall. Es kann hier wirklich jeden erwischen.

Ein zeitloser Albtraum
Regisseur und Drehbuchautor Takashi Shimizu, der zuvor auch schon die beiden vorangegangenen Direct-to-Video-Filme von Ju-on inszeniert hatte, verstärkt dieses Gefühl durch eine unerwartete Erzählstruktur. Klar, im Horrorgenre wird gerne mal mit Flashbacks gearbeitet, um die Hintergründe eines aktuellen Albtraums zu beleuchten. Ju-on: The Grudge verabschiedet sich jedoch gleich ganz von einem Anspruch der Chronologie. Rikas Begegnung mit dem Haus steht zwar am Anfang des Films, danach wird aber munter durch die Zeit gesprungen, etwa um zu erklären, warum außer Sachie niemand mehr im Haus ist. Rika ist auch keine Protagonistin im dem Sinn, sondern nur eine Figur von vielen, die alle mit der Sache zusammenhängen.

Das ist anfangs ein wenig verwirrend, verhindert zudem, dass man eine tatsächliche Verbindung zu jemandem aufbaut. Anders als etwa die Figuren in Ju-on: Origins hat hier niemand eine wirkliche Hintergrundgeschichte. Vielmehr müssen nur Funktionen erfüllt werden, entweder die des Opfers oder die des Ermittlers, wenn das Geheimnis mit der Zeit gelüftet wird. Von der Auflösung sollte man sich dabei nicht so wahnsinnig viel versprechen. Inhaltlich hat der Film ohnehin eher weniger zu bieten, abgesehen von einem gegenwärtigen Gefühl der Isolation, welches sich mitten in der Stadt einstellt. Aber es ist doch ein effektiver, kleiner Horrorfilm, der mit minimalen Mitteln geschickt mit Ängsten arbeitet und nicht ohne Grund zahlreiche Nachfolger, sowohl japanische wie auch US-amerikanische, nach sich zog.

Credits

OT: „Juon“
Land: Japan
Jahr: 2002
Regie: Takashi Shimizu
Drehbuch: Takashi Shimizu
Musik: Shiro Sato
Kamera: Tokusho Kikumura
Besetzung: Megumi Okina, Misaki Ito, Takashi Matsuyama, Yui Ichikawa, Takako Fuji, Yuya Ozeki, Misa Uehara

Bilder

Trailer

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Ju-on: The Grudge
„Ju-on: The Grudge“ wurde 2002 zu einem der wichtigsten Vertreter der J-Horror-Welle, ist aber auch heute noch sehenswert. Vor allem die Willkürlichkeit des Rachegeists und das Fehlen jeglicher Sicherheit sorgen dafür, dass man sich nach wie vor gut gruseln kann. Auch die nicht-chronologische Erzählstruktur, welche auf eindeutige Protagonisten verzichtet, ist spannend gelöst.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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