© Studiocanal / Arthaus

Darling (1965)

„Darling“ // Deutschland-Start: 4. März 1966 (Kino) // 19. Juni 2025 (DVD/ Blu-ray)

Inhalt / Kritik

Im London der 1960er Jahre träumt das Fotomodell Diana Scott (Julie Christie) von einer großen Karriere. Als sie eines Tages von dem Journalisten Robert Gold (Dirk Bogarde) auf der Straße interviewt wird, entwickelt sich aus der Zufallsbegegnung schnell eine sehr innige Beziehung. Da beide verheiratet sind, finden ihre ersten Treffen noch im Geheimen statt, doch schon bald ist ihnen das nicht mehr genug. Schließlich verlässt Robert seine Frau und seine zwei Kinder und zieht mit Diana in ein geräumiges Apartment mitten in der Hauptstadt. Während er weiter seiner Arbeit nachgeht, findet Diana durch ihre Tätigkeit als Model Zugang zur Kunst- und Filmwelt der Stadt und kann sogar eine kleine Rolle in einem Kinofilm ergattern.

Bei einem Vorsprechen für eine Werbekampagne trifft sie auf den erfolgreichen Werbefachmann Miles Brand (Laurence Harvey). Das schnelle und luxuriöse Leben des wohlhabenden Mannes ist für Diana sehr verlockend, sodass sie immer weniger Zeit mit Robert verbringt – was schließlich zum Zerwürfnis zwischen den beiden führt.

Doch auch die Beziehung zu Miles hält nicht das, was sie verspricht. Beim Dreh eines Werbespots in Italien lernt Diana den Witwer Cesare della Romita (José Luis de Vilallonga) kennen, der ein Leben führt, wie es die junge Frau bislang noch nicht erlebt hat. Aus Liebe zu ihr macht der italienische Prinz ihr ein verlockendes Angebot, das von ihr jedoch eine Entscheidung verlangt, die für Diana endgültig sein könnte.

London zwischen Kitchen Sink und Swinging Sixties

Darling ist einer der bekanntesten britischen Filme der 1960er-Jahre und zugleich ein Porträt dieser Zeit. Für Regisseur John Schlesinger bedeutete das Werk nach Nur ein Hauch Glückseligkeit und Geliebter Spinner zugleich eine künstlerische Weiterentwicklung, waren beide Filme doch eher Sozialdramen. Mit Darling eroberte er sich nicht nur ein internationales Publikum, sondern schuf ein Gesellschaftspanorama, das auch über die Grenzen der britischen Metropole hinaus sehr gut funktioniert. Wie später in Asphalt-Cowboy zeigt Schlesinger die Gegenkultur dieser Zeit, doch genauso ihre Grenzen und Widersprüche. Dabei spielen nicht zuletzt die Konsumgesellschaft und der damit einhergehende Materialismus eine wichtige Rolle, trugen diese doch dazu bei, dass sich Lebensentwürfe veränderten. In einem Meer der Möglichkeiten, das diese neue Zeit schuf, fanden sich Schlesingers Figuren, allen voran Diana Scott, in einem Paradoxon wieder – einem Gefängnis der Freiheit.

Es gibt gleich zwei Sequenzen, die treffend einen Eindruck vom Lebensgefühl des Swinging Londons vermitteln. Nach einer ausgelassenen Feier, die bis in die frühen Morgenstunden andauerte, sind Diana und Miles noch immer aufgekratzt und kommen nicht zur Ruhe. Während die meisten Bürger der Stadt noch schlafen, rasen sie mit einem von Miles’ zahlreichen Sportwagen durch die verlassenen Straßen. Diana sitzt am Steuer und lacht ausgelassen, wohingegen Miles sich nicht so recht entscheiden kann, ob er ebenfalls lachen oder Angst um sein Leben haben soll, weil die beiden nur knapp einen Poller verfehlen.

Später scheint es, als hätten sich die Seiten getauscht. Bei einem Treffen in einem Pariser Apartment kommt es zu einem eigentümlichen Schauspiel, in das Diana zunächst gegen ihren Willen hineingerissen wird. Zu den Klängen der Musik müssen die Anwesenden tanzen und sich ausziehen. Stoppt die Musik, müssen sie sich als jemand anderes im Raum ausgeben. Als jemand Fremdes eine Parodie auf Diana spielt, lachen alle. Doch Scott rächt sich, indem sie beim nächsten Stopp Miles parodiert.

Die Ausgelassenheit und das Bizarre, das Tempo und der Konsum gehen in Darling quasi fließend ineinander über. Da Diana auch die Erzählerin der Geschichte ist, werden wir als Zuschauer – wie sie im Pariser Apartment – hineingerissen in einen fast atemlosen Strudel der Eindrücke, der zeitweise wie das Durchblättern eines Lifestyle-Magazins wirkt. Die sozialen Schichten, in denen sich Diana und ihre diversen Begleiter bewegen, lehnen nichts ab – sie sind bestenfalls zunächst irritiert, denn schon wenige Minuten später ist das vermeintlich Bizarre in den Stream of Consciousness dieser Zeit aufgenommen worden. Man kann bisweilen gerade noch ein Unglück verhindern, doch manchmal geht eben auch etwas schief – wie die Beziehungen, die in die Brüche gehen. Dann geht es aber auch schon weiter.

Darling zeigt eine Gesellschaft und eine Zeit, die wie ein zu schnell fahrendes Karussell wirken. Der Rausch zieht einen mit und man lacht wie Diana in der ersten Szene, doch nach einer Weile wird es ermüdend – oder gar gefährlich für einen selbst.

Das Unglück der Freiheit

Es fällt dem Zuschauer nicht schwer, eine Protagonistin wie Diana zu verurteilen – genauso wie die Herren, mit denen sie zusammen ist. Derartige moralische Vereinfachungen finden bei Schlesinger jedoch nicht statt, schon allein, weil sie weder den Kern der Geschichte noch den der Person selbst erfassen. Moral ist generell ein Wert, der fehl am Platz ist in einer Zeit, in der Plakate für die Hungerhilfe mit einer recht vage betitelten Werbung für die „ideale Frau“ („ideal woman“) überdeckt werden. Auf einer Spendengala für einen ähnlichen Zweck kümmern sich als Kammerdiener verkleidete dunkelhäutige Jungen um das leibliche Wohl der Gäste, die vor ihren Augen mit Geldscheinen wedeln oder sich die Wurst ihrer Häppchen in den Mund schieben. Moralische Werte von einer solchen Welt zu erwarten, ist eine Sackgasse, wie uns Schlesinger vor Augen führt.

Stattdessen zeigt Darling die totale Freiheit – nicht nur die moralische. Männer wie Frauen sind von den Zwängen befreit, die sie sonst in Ketten legen. Während zu Beginn noch Werte wie Familie und Ehe im Raum stehen, verabschieden wir uns schon bald von diesen. Julie Christie spielt eine junge Frau, die sich dieser Freiheit bewusst ist – was ihr mehr und mehr zum Verhängnis wird. Die Welt der Superlative, wie sie die Werbung immer wieder zeigt, offenbart Möglichkeiten und Begehrlichkeiten, zwischen denen sie nicht auswählen will – sie will gleich alles haben. Christie spielt Diana Scott als eine Frau, die – wie sie es von der Werbung gelernt hat – ein Image hegt und pflegt, doch schon bald merkt, dass dieses Narrativ ihr Entscheidungen abverlangt und damit zum Gegenteil von Freiheit wird. John Schlesinger bringt in Darling das Dilemma der Freiheit treffend zum Ausdruck.

Credits

OT: Darling
Land:
UK
Jahr:
1965
Regie:
John Schlesinger
Drehbuch: Frederic Raphael
Kamera: Kenneth Higgins
Musik: John Dankworth
Besetzung: Julie Christie, Dirk Bogarde, Laurence Harvey, José Luis Villalonga, Roland Curram, Basil Henson

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes (2025)

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Darling (1965)
fazit
"Darling" ist ein faszinierendes und bisweilen bitteres Porträt des Swinging London und der neuen Freiheiten der 1960er-Jahre. John Schlesinger zeigt eine Gesellschaft im Rausch der Möglichkeiten, in der Konsum, sexuelle Befreiung und sozialer Aufstieg jedoch neue Abhängigkeiten hervorbringen. Getragen von einer großartigen Julie Christie wird Dianas Geschichte so zum tragischen Beispiel für das Paradoxon einer Freiheit, die immer neue Möglichkeiten verspricht, den Menschen aber zugleich permanent zu Entscheidungen zwingt.
Leserwertung0 Bewertungen
0
9
von 10