
Nina (Ruby Commey) und Angie (Thelma Buabeng) sind beste Freundinnen, die sich mit ihren Kindern und ihren je eigenen Sorgen durchs Leben schlagen. Während Nina sich Geld zusammengespart hat, um gemeinsam mit ihrer Tochter Maya (Sannrae Rehnström) ihren Mann Marc (Timo Jacobs) zu verlassen, fehlt Angie das Geld für die Klassenfahrt ihrer Tochter Rahel (Joy Ewulu). Nachdem sich Nina zunächst weigert, Angie das Geld zu leihen, bittet diese in einer Hamburger Bankfiliale um einen Kleinkredit über 300 Euro – ausgerechnet dort, wo Marc arbeitet. Der weist die Bitte brüsk zurück, die Situation eskaliert, ein Missverständnis nimmt seinen Lauf: Plötzlich gelten die beiden Frauen als Bankräuberinnen, da Nina mittlerweile auch in der Bank ist, um Angie das Geld doch noch zu leihen. Die Polizei rückt an, weil sie eine Geiselnahme vermutet. Doch was von außen wie ein Überfall aussieht, legt etwas ganz anderes frei: private Abhängigkeiten, verdeckte Gewalt und die Frage, was das alles eigentlich soll.
Wenn ein Kleinkredit zur Geiselnahme wird
Regisseurin, Autorin und Produzentin Sheri Hagen wagt sich mit Billie spürbar weiter ins Genrekino vor als mit ihren bisherigen Arbeiten. Nach dem leisen Episodenfilm Auf den zweiten Blick (2012) und dem kammerspielartigen Fenster Blau (2016) ist dies nun eine Art Bankraub-Thriller – nur dass es nicht um Profi-Gangster und keine große Beute geht, sondern um einen Kleinkredit von 300 Euro. Aus so einem alltäglichen, fast banalen Geldproblem entwickelt Hagen ein Kammerspiel, das häusliche Gewalt, Rassismus und Klassismus verhandelt, ohne sich dabei auf Teufel kaum raus realistisch wirken zu wollen. Die Bankfiliale, in der fast die gesamte Handlung spielt, wird dabei zur Miniaturgesellschaft: Angestellte, Geiseln, Polizei und die beiden Freundinnen und ihre Töchter bilden ein Figurenensemble, an dem sich Klassen- und Machtverhältnisse geradezu modellhaft ablesen lassen.
Plausibilität ist hier Nebensache
Eines vorweg: Billie hat handfeste Schwächen. Der Film ist überfrachtet, springt tonal zwischen Tragik und Klamauk hin und her und manche Drehbuchwendung ist eindeutig eine zu viel. Wer stringente Plausibilität sucht, wird hier häufig enttäuscht.
Und trotzdem: Genau dieser Mut, unrealistisch zu sein, ist ein großes Plus des Films. Hagen erzählt die ernsten Themen, die sie anschneidet, eben nicht als dröges Sozialdrama, sondern als Genrefilm, der seine eigene Unwahrscheinlichkeit zum Stilmittel macht. Nahezu jede Figur ist auf ihre Weise grotesk gezeichnet – vielleicht mit Ausnahme der beiden Kinder der Protagonistinnen, aber selbst das bleibt fraglich. Am deutlichsten zeigt sich das an den Polizeifiguren: Der Kripo-Beamte (Patrick Abozen) ist psychisch instabil, weil seine Frau ihn gerade verlässt, während die Einsatzleiterin der uniformierten Kollegen (Anne Schäfer) als überzeichnet toughe Chefin auftritt. Dazu kommen absurde Volten, wie man sie im deutschen Film selten sieht – etwa der Weg, den die Pistole in die Bank nimmt, oder die Forderungen, die Angie im Verlauf an die Polizei stellt. Nicht jede Pointe sitzt, aber insgesamt kann man dem Film eine ordentliche Portion Humor attestieren.
Lachen, bevor es wehtut
Gerade dieser Kunstgriff – das Lachen als Vehikel für den Schmerz, wie Regisseurin Hagen ihre eigene Erzählweise beschreibt – dürfte die ernsten Inhalte letztlich wirkungsvoller ans Publikum bringen, als es ein bierernstes Sozialdrama vermocht hätte. Häusliche Gewalt, Rassismus, Klassismus: All das bleibt im Gedächtnis, gerade weil der Film diese Themen nicht mit erhobenem Zeigefinger verhandelt, sondern in eine zunehmend absurde Groteske einbettet, die trotzdem nah an den Figuren bleibt.
Getragen wird das Ganze von einem spielfreudigen Ensemble – allen voran Ruby Commey als Nina, die sich glaubwürdig vom stillen Zentrum einer Freundschaft zu einer Frau entwickelt, die ihre Gewalterfahrung benennt, und Timo Jacobs, der Marc jenseits plumper Bösewicht-Klischees eine echte Bedrohlichkeit verleiht. Thelma Buabeng gibt der impulsiveren Angie genau die Portion Verzweiflung mit, die ihre komischeren Momente nicht ins Alberne kippen lässt. Auch handwerklich hat der Film einiges zu bieten: eine unmittelbare, fast dokumentarisch wirkende Kamera, die in wenigen Szenen aber auch ins Ungenaue driftet und ein schmissiger Jazz-Soundtrack, der dem Kammerspiel einen improvisatorischen Drive verleiht, ohne dessen Enge zu verleugnen.
Über die eingangs genannten Defizite – die Überfrachtung, die wechselhafte Tonlage, die überzogenen Wendungen – ließe sich also womöglich sogar hinwegsehen, hätte der Film ein wenig früher geendet. Denn ausgerechnet im Finale, wenn sich der Konflikt zwischen Nina und Marc zuspitzt, überdreht Hagen die Symbolik so sehr, dass der positive Gesamteindruck spürbar leidet. Was bis dahin funktioniert hat, kippt am Ende in Überzeichnung – ein Schluss, der lieber ein paar Minuten früher gekommen wäre.
OT: „Billie“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Sheri Hagen
Buch: Sheri Hagen, Zoe Magdalena, Paula Redlefsen
Musik: Ralf Petter
Kamera: Cal Ola
Besetzung: Ruby Commey, Thelma Buabeng, Timo Jacobs, Sannrae Rehnström, Joy Ewulu, Nele Rosetz, Imke Büchel, Adam Bousdoukas, Dennis Palamy Sisavatdy, Roxana Safarabadi, Harun Yildirim, Patrick Abozon, Anne Schäfer, Maurice Pawlewski, Rona Özkan, Junis Marlon
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)






