Mise’l (Blake Alec Miranda) hat schon vor langer Zeit seine ländliche Heimat hinter sich gelassen und lebt nun mit seinem Partner in der Stadt. Doch als es eines Tages in der Bar, in der er arbeitet, zu einem unheimlichen Vorfall kommt, ist für ihn klar, dass dies mit seiner Vergangenheit zusammenhängt und er sich dieser endlich stellen muss. Also kehrt er noch einmal zurück und stattet seinem jüngeren Bruder Antle (Forrest Goodluck) einen Besuch ab, der noch immer in der indigenen Gemeinschaft lebt, in der die beiden aufgewachsen sind. Und während Antle sich freut, endlich wieder Mise’l sehen zu können, scheut er davor zurück, dieser Reise in die Vergangenheit zu folgen. Erst als seine eigene Tochter ebenfalls in die Geschichte hineingezogen wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als an den Ort zurückzukehren, an dem das Unglück seinen Anfang nahm …
Der Horror des Traumas
Dass Horrorfilme mehr sein können als ein Mittel zum Zweck, um das Publikum zu erschrecken, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren hat es zahlreiche Beispiele dafür gegeben, wie das Genre genutzt wird, um entweder gesellschaftliche Themen aufzugreifen oder sich mit zutiefst menschlichen Gefühlen auseinanderzusetzen. Gerade erlittene Traumata sind eine dankbare Vorlage, um filmische Abgründe zu beschreiten. Der Babadook ist ein bekanntes Beispiel, wenn wir eine Mutter und ihren Sohn kennenlernen, die einen schweren Verlust überwinden müssen. Sehenswert ist zudem The Holy Boy, wo ein Jugendlicher den anderen Menschen aus seinem Dorf hilft, Schmerz und Trauer hinter sich zu lassen. Ganz so einfach wird es den beiden Brüdern in At the Place of Ghosts nicht gemacht. Dabei haben auch sie ihr Päckchen zu tragen.
Regisseur und Drehbuchautor Bretten Hannam lässt sich dabei recht viel Zeit, bis er sagt, was Sache ist. Zwar wird früh klar, dass es irgendwie um ein lang zurückliegendes Ereignis gehen muss. Um jemand oder etwas, das nach den beiden trachtet. At the Place of Ghosts ist über längere Strecke deshalb auch schon ein Mysteryfilm, bei dem das Publikum rätseln soll, was vorgefallen ist. Umgekehrt hält sich der Horroranteil in Grenzen. Zwar gibt es schon unheimliche Momente, auch nach dem stimmungsvollen Einstieg. Aber das ist nicht der Fokus. Tatsächlich kann man sich sogar darüber streiten, ob das hier überhaupt ein Horrorfilm ist. Denn auch wenn da anfangs diese bedrohliche Stimmung herrscht und angedeutet wird, dass das alles ganz böse enden könnte, streng genommen kommt da in dem gesamten Film keine einzige Situation, in der eine akute Gefahr herrscht.
Das könnte manchen zu wenig sein. Die zum Teil recht mäßigen Bewertungen im Internet haben sicherlich auch damit zu tun, dass da mit falschen Erwartungen hantiert wurde. Die im Titel erwähnten Geister, dazu Teilnahmen an Genrefestivals – klar denkt man dann an klassische Geistergeschichten wie etwa Bis das Blut gefriert. Doch Hannam geht es gar nicht darum. Stattdessen zeigt At the Place of Ghosts, wie zwei Menschen von ihrer Vergangenheit heimgesucht werden und wie einzelne Ereignisse einen das ganze Leben verfolgen können. Verknüpft wird dies mit einer indigenen Mythologie, die nicht klar unterscheidet zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Das mag als Idee nicht sehr originell sein, auch wenn die Auflösung, was genau da geschehen ist, überraschend kommt. Aber es ist effektiv umgesetzt. Das Fantasydrama, welches 2025 beim Toronto International Film Festival Weltpremiere hatte, ist ein ebenso tragisches wie tröstliches Werk, das zeigt, dass man manchmal erst in die Abgründe hinunter muss, um wieder nach oben kommen zu können. Das ist nicht nur wegen der emotionalen Aspekte sehenswert. At the Place of Ghosts ist zudem rein visuell ein überwältigend schönes Werk geworden. Wenn uns Hannam mit in die Wälder nimmt, die gleichzeitig real und unwirklich sind, dann haben die Augen eine Menge zu tun. So viel, dass es fast schon Verschwendung ist, den Film nicht auf der großen Leinwand zu sehen.
OT: „At the Place of Ghosts“
Land: Kanada, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Bretten Hannam
Drehbuch: Bretten Hannam
Musik: Jeremy Dutcher, Devon Bate
Kamera: Guy Godfree
Besetzung: Blake Alec Miranda, Forrest Goodluck
Toronto International Film Festival 2025
BFI London Film Festival 2025
Fantasy Filmfest 2026
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