© Neufilm

Susanne Kim [Interview]

Mit Becoming Kim richtet Regisseurin Susanne Kim die Kamera auf ihr eigenes Leben und ihre deutsch-koreanische Ehe. Die in Leipzig lebende Filmemacherin studierte Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig sowie am European Film College in Dänemark und realisierte anschließend mehrere Dokumentarfilme, die auf nationalen und internationalen Festivals sowie im Kino gezeigt wurden. Zu ihren bisherigen Arbeiten gehören White Box, Trockenschwimmen und Meine Wunderkammern. Charakteristisch für ihre Filme ist die Verbindung persönlicher Geschichten und interkultureller Perspektiven mit essayistischen und hybriden dokumentarischen Formen.

Auch Becoming Kim verbindet diese Ansätze miteinander und macht Kim zugleich zur Filmemacherin und Protagonistin ihrer eigenen Geschichte. Ausgehend von ihrer Ehe mit dem Südkoreaner Jeong Rae Kim beschäftigt sie sich mit kulturellen Unterschieden, familiären und gesellschaftlichen Rollenbildern sowie der Frage, wie sich Liebe und individuelle Selbstverwirklichung miteinander vereinbaren lassen. Dabei kombiniert sie beobachtende dokumentarische Aufnahmen mit bewusst inszenierten, teils humorvollen und poetischen Selbstporträts. Nach seiner Weltpremiere beim DOK.fest München im Mai 2026 startet Becoming Kim am 27. August 2026 in den deutschen Kinos.

Der Film beginnt mit einer Situation, die eigentlich wie der Anfang einer Trennung klingen könnte: Dein Mann geht nach Korea, während du mit deiner Tochter in Deutschland bleibst. Was hat dich damals stärker beschäftigt: die Situation eurer Ehe oder die Frage, warum eure Vorstellungen von Ehe und Familie so unterschiedlich geworden waren?

Man muss dazu sagen, dass mein Mann schon vorher sehr oft nicht da war. Er ist sehr viel unterwegs gewesen. Ich glaube, wir haben nie diese komplett herkömmliche Ehe geführt, und ich glaube, die wollten wir auch beide nicht führen. Aber es ändert sich natürlich sehr viel, wenn ein Kind dazukommt, und das war bei uns relativ bald der Fall.

Als ich den Film angefangen habe – so, wie ich es im Film auch erzähle –, war das eigentlich zunächst eine ganz lustige Situation. Er sagte mir, was er vorhatte, und ich habe gesagt: „Hör mal zu, dann können wir uns auch scheiden lassen.“ Im ersten Moment haben wir darüber eher gelacht. Aber ich habe das schon ernst gemeint. Hannah war zu diesem Zeitpunkt zwölf, und da ist die Abwesenheit des Vaters natürlich etwas anderes, als wenn sie drei Jahre alt wäre.

Ich glaube, dass sich einige Frauen so mit 45 oder 50 fragen: Welche Rollen habe ich eigentlich angenommen? Wie ist das alles gelaufen? Bei uns ist es natürlich noch einmal eine besondere Situation, weil wir eine binationale Familie sind und dadurch vielleicht unterschiedliche Erwartungshaltungen erfüllen sollen oder zumindest meinen, sie erfüllen zu müssen. Dieses Thema hat mich schon sehr lange umgetrieben. Aber tatsächlich einen Film über meine Familie zu machen, war ein sehr spontaner Impuls, denn als Regisseurin bin ich eigentlich gar nicht wahnsinnig gerne vor der Kamera.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass es nicht mehr nur um persönliche Probleme zwischen euch beiden geht, sondern vielleicht auch um kulturelle Unterschiede?

Dass du jetzt von „Problemen“ sprichst, ist eigentlich schon schön, weil das, glaube ich, sehr deutsch ist. Man sieht etwas, problematisiert es und versucht dann, das Problem zu lösen. Bei meinem Mann und, würde ich sagen, auch in koreanischen Familien ist die Haltung eher: Man entscheidet sich dafür, eine Familie zu haben, und dann ist man diese Familie. Dann problematisiert man sie nicht ständig.

Dass wir unterschiedliche Voraussetzungen haben, ist natürlich klar. Ich komme aus Ostdeutschland und bin ganz anders aufgewachsen. Er kommt aus einer sehr ländlichen Gegend bei Wonju. Aber wir haben das früher nicht so direkt diskutiert. Jüngere Paare machen das heute vielleicht stärker: Wie machen wir das mit der Kindererziehung? Wo kommst du her? Wo komme ich her?

In meiner Generation wurde das nicht so ausgehandelt. Am Ende rutscht man in bestimmte Dinge hinein. Mein Vater hätte wahrscheinlich auch gerne einen deutschen Schwiegersohn gehabt und seine Mutter gerne eine koreanische Schwiegertochter. Das macht natürlich vieles einfacher. Wenn man in einer interkulturellen Beziehung lebt, muss man eigentlich ziemlich viel ausdiskutieren und ansprechen. Mein Mann ist aber nicht so der Diskutierer. Und ich diskutiere sehr gerne. Ich glaube, da überschneiden sich kulturelle und persönliche Unterschiede.

Becoming Kim ist auch deshalb spannend, weil du versuchst herauszufinden: Was sind Konflikte zwischen Korea und Deutschland und was sind Dinge, die einfach zwei Menschen miteinander aushandeln müssen? Ist diese Grenze für dich heute klarer als zu Beginn des Films?

Ich bin ja schon eine ganze Weile verheiratet, und ich glaube, mit dieser Frage habe ich mich schon immer sehr stark beschäftigt. Vielleicht ist das sogar der größere Unterschied zwischen uns: Ich habe diesen deutschen Ansatz, dass wir alles erkennen und verstehen müssen.

Die Reaktion des koreanischen Teils meiner Familie war anders. Meine Schwiegermutter hat den Film gesehen und meinte danach, dass sie tief bewegt habe, wie sehr Hannah sich offensichtlich mit ihrem Vater und der Situation beschäftigt hat. Und da ist bei mir natürlich die Frage: Okay, was hast du denn die restlichen 17 Jahre gedacht?

Ich glaube, das ist ein Unterschied. Ich wollte mich schon immer stärker mit diesen Dingen beschäftigen und versuchen, mich hineinzudenken. In Korea ist es eher so, wie es auch im Film gesagt wird: Man ist eine Familie, und dann ist man eine Familie. Dieses analytische Denken kam eher von mir.

Was ich vielleicht stärker verstanden habe, ist, Dinge auch einfach sein zu lassen. Vielleicht auch einfach als Familie zusammenzusein. Das ist auch total wichtig. Man wird nicht alles lösen können. Das wird einfach nicht passieren. Gerade in einer binationalen Beziehung wird es immer Situationen geben, die sich nicht vollständig auflösen lassen.

Du sprichst im Zusammenhang mit dem Film auch über deine ostdeutsche Prägung. Dadurch entsteht neben Deutschland und Korea eigentlich noch ein dritter kultureller Bezugspunkt. Welche Rolle spielt Ostdeutschland für deine Vorstellung von Ehe, Familie und weiblicher Selbstständigkeit?

Zunächst bin ich mit einem Vater aufgewachsen, der sehr viel im Haushalt gemacht hat. Deshalb habe ich erst einmal gar nicht hinterfragt, dass das ein Thema sein könnte.

Und das Zweite ist, dass meine Vorstellung von Feminismus sehr stark davon geprägt war: Ich mache das alles selber, ich schaffe das schon. Ich arbeite natürlich, und das Kind schaffe ich auch noch irgendwie.

Vielleicht ist das auch manchmal ein Problem zwischen den Generationen. Dass man bei jüngeren Müttern denkt: Mein Gott, warum jammern die denn alle so? Das war doch alles gar kein Thema. Und dabei hinterfragt man nicht: Stimmt, vielleicht hat das auch etwas mit Frauensolidarität zu tun.

Dieses Denken – „Ich frage gar nicht, ich schaffe das schon“ – ist eigentlich nicht unbedingt der richtige Ansatz, wenn es um Feminismus geht. Das sehe ich heute auch selbstkritisch. Und ich glaube, ich habe auch erkannt, dass ich meine eigene Vorstellung von Feminismus selbst gar nicht vollständig erfülle.

Meine Schwiegermutter und ich haben, glaube ich, teilweise sehr parallele Umgangsweisen. Und diese patriarchale Prägung, aus der wir letztlich alle kommen, steckt bis heute viel stärker in unseren Köpfen, als wir vielleicht denken. Das ist unabhängig davon, ob wir über Korea oder Deutschland sprechen.

Ist deiner Schwiegermutter eigentlich aufgefallen, dass es zwischen euch bestimmte Parallelen gibt?

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sie sich darüber so detailliert Gedanken gemacht hat.

Es gibt ja diesen Moment im Film, in dem sie ungefähr sagt, sie wäre schon hundertmal geschieden, wenn sie ihren Ärger nicht für sich behalten hätte. Das war schon an mich gerichtet. Das war, glaube ich, nicht nur Selbstreflexion. Damit wollte sie mir schon etwas sagen: Ich habe das Leben ausgehalten. Das musst du auch, wenn du diese Familie zusammenhalten willst.

Hat dein Mann bestimmte Vorstellungen oder Verhaltensweisen von dir als typisch deutsch wahrgenommen, die du selbst vielleicht eher als ostdeutsch verstehst?

Ich weiß gar nicht, ob er bestimmte Sachen an mir besonders deutsch findet. Lustigerweise gibt es ja diese sogenannten deutschen Tugenden, Pünktlichkeit oder dass die Deutschen so viel arbeiten. Da würde ich sagen: Eigentlich toppen das die Koreaner*innen. Die arbeiten wesentlich mehr und sind sehr pünktlich.

Aber mein Mann sagt oft zu mir: „Das Problem ist…, ist der meist benutzte deutsche Satzanfang. Das ist vielleicht das, was er am deutschesten an mir findet: dass ich gerne alles problematisiere.

Eine Idee, die für Becoming Kim sehr wichtig ist, ist, dass Deutschland und Korea zwar unterschiedliche Geschichten darüber erzählen, warum Frauen bestimmte Aufgaben übernehmen, das Ergebnis aber manchmal erstaunlich ähnlich aussieht. Hat die Arbeit an dem Film deine Vorstellung davon verändert, wie universell patriarchale Strukturen eigentlich sind?

Nein, das habe ich eigentlich von Anfang an schon so gesehen. Mir liegt es auch völlig fern, da eine Wertung vorzunehmen und zum Beispiel das Leben meiner Schwiegermutter zu bewerten oder zu sagen: Das, was ich mache, ist wahnsinnig viel emanzipierter. Das war nicht der Sinn des Films. Es ging vielmehr darum, eine Annäherung herzustellen und sich miteinander zu verständigen.

Dass wir beim Dreh eine Übersetzerin hatten, war dabei sehr wichtig. Dadurch konnten meine Schwiegermutter und ich uns auch als Frauen austauschen. Ich glaube, dass diese Momente der Annäherung hoffentlich im Film zu spüren sind. Für uns beide war das eine gute Erfahrung. Diese Universalität patriarchaler Strukturen habe ich durch den Film aber nicht neu entdeckt. Das war mir vorher schon klar.

Kommt es trotzdem vor, dass du den Film einem westlichen Publikum zeigst und dort beispielsweise koreanische Geschlechterrollen kritisiert werden, ohne dass die Zuschauer ihre eigenen Rollenbilder genauso kritisch hinterfragen?

Tatsächlich ist mir das bisher nicht so vorgekommen.

Korea ist momentan ja auch sehr gehypt. Dadurch hat man teilweise einen Blick auf Korea, der mit dem tatsächlichen Korea gar nicht unbedingt so viel zu tun hat. Ich würde auch nicht behaupten, dass ich weiß, „was Korea ist“.

Gerade die Gegend, in der meine Schwiegermutter lebt, habe ich selbst erst durch den Film noch einmal anders kennengelernt. Selbst für Koreaner*innen ist das tiefste Provinz. Als meine koreanischen Koproduzentinnen dorthin gefahren sind, war das selbst für sie ein Abenteuer.

Natürlich ist die Generation meiner Schwiegermutter und auch die Dorfbevölkerung noch einmal etwas ganz anderes. Aber solche Unterschiede findet man in Deutschland genauso. Vielleicht ist der Unterschied manchmal stärker der zwischen Stadt und Land als unbedingt zwischen Korea und Deutschland.

Korea ist neben Japan einer der Bezugskulturen schlechthin – besonders bei jüngeren Menschen. Wie stehst du dazu?

Als ich mit meinem Mann zusammengekommen bin, war Japan, glaube ich, die absolute asiatische Bezugskultur. Damals hat sich kaum jemand für Korea interessiert. Das hat sich inzwischen verschoben. Korea ist sehr viel stärker in den Fokus gerückt.

Koreaner würden aber natürlich sagen, dass sie ganz anders als Japaner sind. Da gibt es ja auch diesen historischen Konflikt. Von der Mentalität her wird manchmal gesagt, Koreaner seien eher die Italiener Asiens – impulsiver und direkter. Natürlich gibt es Unterschiede. Aus der Sicht koreanischer Menschen bin ich wahrscheinlich extrem direkt. Auf der anderen Seite erlebt man in Korea, dass jemand, der dich kaum kennt, auf dich zukommt und sagt: „Du hast aber abgenommen“ oder „Du hast zugenommen.“ Das würde man in Deutschland eher nicht machen.

Die Frage, was zu privat oder zu persönlich ist, wird also unterschiedlich beantwortet. Aber am Ende geht es für mich darum, mit wie viel Neugier man aufeinander zugeht. Meine Erfahrung in Korea war eigentlich immer, dass die Menschen wahnsinnig offen sind, wenn man selbst offen ist.

Diese Gespräche mit deiner koreanischen Schwiegermutter waren in der Offenheit, wie wir sie in Becoming Kim sehen, vorher offenbar kaum möglich. Wann hast du gemerkt, dass die Kamera nicht mehr nur eure Familie dokumentiert, sondern selbst etwas innerhalb der Familie verändert?

Am Ende war das sogar ein bisschen meine Hoffnung oder die Intention des Films: dass sich dadurch etwas tut. Ich glaube, jeder, der Dokumentarfilme macht, hofft auch, dass sich etwas bewegt und nicht alles am selben Ort bleibt – auch emotional.

Ich habe relativ bald gemerkt, dass meine koreanische Schwiegermutter die Kamera tatsächlich nutzt, um mit ihrem Sohn zu kommunizieren. Viele Dinge sind innerhalb der Familie vielleicht kein Thema, aber sie hat sie mir erzählt. Dabei hatte ich das Gefühl, dass schon die Hoffnung dahintersteckte, dass das irgendwann bei ihrem Sohn landet.

Das intergenerationale Trauma unserer Familie ist in Korea in vielen Familien zu finden. Und ich glaube, dass man darüber eben nicht spricht.

Bei Sun Ja habe ich auch gemerkt, dass es nie den Moment gab, in dem sie es schwierig fand, gefilmt zu werden. Und sie hat es auch gut gut gefunden, als wir mit ihren Freundinnen im Dorf gedreht haben. Ich denke, sie ist mit dem Film zufrieden. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass sie sich vielleicht an den Performances stören würde, aber für sie war das alles okay.

Gibt es ein Beispiel für etwas, das sie vor der Kamera gesagt hat, das sie dir oder ihrem Sohn wahrscheinlich sonst nicht erzählt hätte?

Ich glaube schon: Den Verlust ihrer Söhne und ihres Mannes. Das bespricht sie mit meinem Mann nicht.

Hat sich deine Beziehung zu ihr durch den Film verändert?

Ja, ich glaube schon. Natürlich muss man auch sagen, dass inzwischen wieder einige Zeit vergangen ist. Aber durch den Film waren wir sehr viel häufiger in Korea. In dieser Zeit hat sich schon eine Annäherung bemerkbar gemacht, auch emotional. Das gilt auch für meine Tochter und ihre koreanische Oma.

Es entstand einfach das Gefühl, mehr voneinander zu wissen. Und ich glaube, meine Schwiegermutter fand es auch schön, dass ich Dinge von ihr wissen wollte – selbst wenn sie es manchmal vielleicht etwas anstrengend fand, dass ich immer wieder kam und sie etwas fragte. Ich kann mir vorstellen, dass sie manchmal dachte: „Was fragt sie mich denn jetzt schon wieder?“ Und als wir den fertigen Film gemeinsam gesehen haben, waren meine Schwiegereltern beziehungsweise meine koreanische Familie schon sehr berührt.

Du hast gerade schon deine Performances angesprochen, die teilweise sehr absurd und sehr humorvoll sind. Sind das Gefühle und Erfahrungen, bei denen du gemerkt hast: Das kann ich dokumentarisch gar nicht zeigen, dafür muss ich ein Bild erfinden? Oder entstand diese Ebene auch aus dem Bedürfnis heraus, Humor in den Film zu bringen?

In meinen Filmen arbeite ich eigentlich immer mit einer Ebene, die nicht rein beobachtend ist. Das finde ich spannend. Ich bin keine Regisseurin, die sich beispielsweise am Direct Cinema orientiert, weil ich denke: Es ist sowieso klar, dass es eine Kamera gibt, das will ich auch offen legen und damit spielen.

Und ich finde es wichtig, noch eine filmische Ebene zu haben, die noch mal eine andere Reflexionsmöglichkeit bietet.

In diesem Fall hatte ich wirklich diesen Traum von den Hühnern. Dann gab es die Idee mit diesem Chicken-Kostüm. Das war eigentlich das Erste, was da war. Dadurch wurde für mich klar, dass das eine Ebene des Films sein könnte.

Andere Performances mussten wir natürlich teilweise planen. Aber viele Sachen haben sich eher spontan aus der Situation ergeben. Ich wusste dann: Okay, das passt jetzt. Es war nicht so, dass ich zwanzig Performance-Ideen hatte und davon einige ausgewählt habe. Es waren relativ spontane Ideen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie eine bestimmte Emotion oder ein bestimmtes Gefühl transportieren und gleichzeitig auch lustig sind.

Dann haben meine Kamerafrau Emma Rosa Simon und ich vor Ort ein bisschen herumprobiert. Wir haben beispielsweise gedacht: Es könnte doch spannend sein, auf dieser Küchenzeile zu liegen. Ich wollte auch unbedingt etwas mit diesen Kittelschürzen machen, weil sie für mich eine Referenz an meine Oma sind. Von der Generation her verbinde ich meine Oma stärker mit meiner Schwiegermutter als beispielsweise meine Mutter, vielleicht auch wegen der Nachkriegsgeschichte. Und irgendwann haben wir gesagt: Stimmt, in diese Waschmaschine kann man ja auch reinsteigen.

Bei diesen Performances wird sehr stark mit Übertreibung gearbeitet. Du hast die Küchenschürzen schon erwähnt, dazu kommen Häkeln, Essen und viele andere traditionell weiblich konnotierte Bilder. Ist in dieser Übertreibung auch etwas Befreiendes?

Ich wollte tatsächlich ganz bewusst so richtige „Frauenkunst“ machen.

Ich hatte einmal ein Erlebnis mit dieser Vase, die ich in einer Sequenz auf den Berg trage. Die ist auch eine Hommage an die Küchenschürzen meiner Oma. Sie war Teil einer Ausstellung in Leipzig, die ebenfalls Becoming Kim hieß. Dort hatte ich Collagen und diese Vase ausgestellt. Die Vase ist einer koreanischen Celadon-Vase nachempfunden, und auf der Eröffnung kam ein Künstler auf mich zu und sagte: „Das ist ja schon Frauenkunst, was du da ausstellst.“ Ich dachte: Okay, umhäkelte Vase, Collagen, ist gleich Frauenkunst.

Persönliche, oder gar autobiografische Geschichten, ausufernde Formen, weiche Stoffe, das Häkeln, die Schürzen, Bilder im Spiegel, Früchte – diese ganzen Referenzen habe ich ganz bewusst gesucht. Weil „Frauenkunst“ teilweise immer noch abwertend verwendet wird, dachte ich: ich zelebriere in meinen Performances die Frauenkunst

Du hast einmal gesagt, dass du dich besonders verletzlich zeigen wolltest, weil du als Regisseurin letztlich die größte Macht über den Film besitzt. Du bestimmst unter anderem den Schnitt und die Gestaltung der Bilder. Aber kann in einem Film über eine Ehe überhaupt wirkliche Gleichberechtigung zwischen beiden Partnern entstehen? Schließlich entscheidest du als Regisseurin, welche Version der gemeinsamen Geschichte wir als Zuschauer sehen.

Das stimmt. Das habe ich so gesagt und auch so gemeint. Und weil uns das bewusst war, haben meine Editorin Marion Tuor und ich, großen Wert darauf gelegt, eine Balance in der Dramaturgie zu schaffen. Das wurde uns inzwischen auch von vielen bestätigt. Wir wollten, dass jede Figur in diesem Film möglichst gleichberechtigt vorkommt. Der Film war ja nicht als Abrechnung gedacht. Aber er ist eben aus meiner Perspektive erzählt.

Ich habe meinen Mann ganz am Anfang gefragt: „Hast du Lust, auch zu filmen?“ Er hat sofort gesagt: „Das ist dein Film, das machst du schon.“ Trotzdem haben wir versucht, möglichst viele Aspekte zu zeigen und jeden Charakter nachvollziehbar zu machen. Ich finde, man muss dabei immer zwischen der Privatperson und dem Charakter im Film unterscheiden. Uns war wichtig, dass jeder dieser Charaktere in seiner Verletzlichkeit und in dem, was er will, nachvollziehbar wird. Ich finde, das hat Marion im Schnitt sehr gut gebaut.

Hat Jeong Rae trotzdem jemals gesagt: „Diese Situation habe ich ganz anders erlebt“? Oder hatten er und eure Tochter Hannah ein Vetorecht?

Bei meiner Tochter war schon klar, dass sie nicht die Hauptfigur des Films werden sollte. Das war gewissermaßen unser Deal.

Natürlich habe ich mit ihr darüber gesprochen, welche Szenen vorkommen. Wir haben auch darauf geachtet, wie sie im Bild zu sehen ist. Trotzdem ist es natürlich immer schwierig, sich selbst zu sehen. Mir geht es ja genauso. Man denkt immer: „Oh Gott, wie sehe ich denn da schon wieder aus?“

Hannah hat mir auch gesagt: „Du hast dich wahnsinnig unvorteilhaft in diesem Film dargestellt. Das ist natürlich ihre Perspektive. Und ich verstehe das auch. Ich bin ihre Mutter. Sie sieht mich noch einmal anders als jemand, der mich überhaupt nicht kennt.

Becoming Kim wurde inzwischen sowohl einem koreanischen als auch einem deutschen Publikum gezeigt. Gab es bei den Reaktionen aus Korea etwas, das dich sehr überrascht hat oder wodurch du etwas am Film anders gesehen hast als beim Drehen oder Schneiden?

Inhaltlich gab es tatsächlich nichts, was mich völlig überrascht hätte.

Was mich aber wirklich überrascht hat, war, dass in Korea nach dem Film sehr viele junge Frauen auf mich zukamen. Sie wollten mit mir reden und haben gefragt: „Wann kommt der Film in Korea ins Kino? Ich muss mit meiner Mutter da hingehen.“ Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

In Deutschland würde ich sagen, dass die Zielgruppe eher Frauen im Midlife sind.

Meine koreanische Produzentin hat mir das so erklärt, dass ich für sie vielleicht eine Art Role Model bin – etwas, was ihre eigenen Mütter so vielleicht nicht machen würden. Ich habe auch viele Instagram-Nachrichten von jungen Koreanerinnen bekommen, teilweise richtig lange Texte. Ich dachte: Wahnsinn, dass die sich so viel Arbeit machen und dass sie der Film so bewegt hat.

In Deutschland wird eher sofort über Feminismus, Patriarchat und Rollenbilder gesprochen. In Korea fanden diese jungen Frauen vielleicht auch einfach gut, dass ich mir mit über 45 die Freiheit nehme, in eine Waschmaschine zu steigen.

Wenn du heute die Frau betrachtest, die am Anfang von Becoming Kim die Kamera auf sich selbst und ihre Familie richtet: Verstehst du diese Frau heute besser? Oder gibt es etwas, das du ihr heute gerne sagen würdest?

Als ich angefangen habe, den Film zu machen, war Corona. Ich glaube, ich war damals schon ein bisschen lost. Aber ich glaube, das waren wir alle. Dann kommt noch diese Situation dazu, dass dein Mann sagt: „Ich mache jetzt in Wonju einen Grill auf. Mal sehen, wie das wird.“ Und dann ist er 8.000 Kilometer weit weg.

Da habe ich mich gefragt: Okay, wo ist jetzt eigentlich der Lebensplan? Was passiert jetzt?

Das hat sich inzwischen natürlich wieder verändert. Ich habe jetzt auch keine wahnsinnig weitreichenden Pläne. Aber dieses Gefühl von Anbindung ist wieder stärker da. Man hat wieder Pfeiler, an denen man andocken kann.

Ich weiß auch gar nicht, ob ich dieser Frau von damals etwas mitgeben würde. Ich glaube tatsächlich, dass es für mich in diesem Moment einfach wichtig war, diesen Film zu machen – vielleicht auch, um genau diese Situation für mich selbst zu erforschen. Und ich hoffe, dass diese vermeintlich komplette Ehrlichkeit, dieses Sich-ein-bisschen-nackig-Machen und vielleicht auch diese gewissen Fremdscham-Momente dazu führen, dass andere Frauen, die ähnlich gestrickt sind oder gerade selbst nicht so richtig wissen, wo sie stehen, sich darin wiederfinden können. Vielleicht Frauen, die ebenfalls mittelalt sind und sagen: Vielleicht ist es gerade dran, darüber zu reden.

Es geht auch um die Frage: Was kommuniziert man? Was spricht man aus? Und wie ehrlich ist man – vielleicht gerade auch Frauen untereinander? Das sind die Gedanken, die ich dazu habe.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.



(Anzeige)