Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
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Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf

Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
„Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf “ // Deutschland-Start: 10. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Der Dokumentarfilm Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf begleitet Albrecht Weinberg in den letzten Jahren seines Lebens im ostfriesischen Leer, wohin der Auschwitz-Überlebende nach Jahrzehnten im amerikanischen Exil zurückgekehrt ist. Er lebt dort mit Gerda Dänekas zusammen, seiner früheren Pflegerin und heutigen engsten Vertrauten, und erzählt – ausgehend von der Gegenwart – von seiner Kindheit, der Deportation, Auschwitz, Zwangsarbeit und der Befreiung. Zwischen Schulbesuchen, Reisen zu ehemaligen Lagern und einer aufwühlenden Begegnung mit einem früheren Wehrmachtssoldaten zeigt der Film immer wieder auch den Alltag von Weinberg und Dänekas: gemeinsame Unternehmungen, ihre Gespräche und ihr von einem gemeinsamen Humor getragener Umgang miteinander. Am Ende steht ein Porträt, das durch Weinbergs Tod kurz nach der Uraufführung des Filmes unfreiwillig zu ei er Art Vermächtnis wurde.

Vom Fernsehporträt zum Kinovermächtnis

Ganz neu ist die Begegnung mit Albrecht Weinberg für Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel nicht. Schon 2024 hatten die beiden ihn für die ZDF-Reihe 37° porträtiert, unter dem sprechenden Titel Die Nummer auf meinem Arm. Wer diese knapp halbstündige Fernsehdokumentation kennt, erkennt im Kinofilm vieles wieder – Weinbergs Wohnzimmer, die Besuche im Gymnasium seiner Heimatstadt Rhauderfehn, das mittlerweile seinen Namen trägt, und auch das lakonische Understatement, mit dem er von den furchtbaren Dingen erzählt, die ihm in Deutschland widerfahren sind, erzählt.

Und doch ist der Kinofilm mehr als eine verlängerte Fassung der Fernsehepisode. Man spürt in fast jeder Einstellung, dass hier zwei sehr unterschiedliche Blicke zusammenkommen: Balci, seit Jahren als Journalistin und Regisseurin an gesellschaftlichen Konfliktlinien interessiert (unter anderem mit Der Jungfrauenwahn), bringt das dialogische, menschenzugewandte Erzählen mit; Denzel, seit 2010 offizieller Fotograf der Bundesregierung und mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet, steuert den fotojournalistischen Blick bei – jene Ruhe und Genauigkeit, mit der ein einzelnes Gesicht, eine leere Landschaft oder einfach ein Stuhl zum Bedeutungsträger werden können. Aus dieser Kombination entsteht ein Film, der auffällig viel beobachtet und gerade dadurch auffällig viel erzählt.

Die Nummer auf seinem Arm

Der Titel der Fernsehdoku ist auch für Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf Programm, und er führt direkt zu jener Zahl, das auch den Film trägt: die Nummer 116927, die Weinberg bei seiner Ankunft in Auschwitz in seinen Unterarm eingebrannt wurde. Immer wieder, sagt er, komme er morgens beim Waschen nicht an ihr vorbei – ein Blick auf die verblassende Tätowierung, und schon seien die Erinnerungen wieder da, ungefragt, ungefiltert, jeden einzelnen Tag. Genauso beiläufig, aber ebenso eindringlich schildert er eine Kindheitserinnerung, die der Film mehrfach aufgreift: wie der Platz vor der elterlichen Wohnung in Leer zum Adolf-Hitler-Platz umbenannt wurde und dort die Hitlerjugend zu Appellen antrat, bei denen judenfeindliche Lieder gesungen wurden. Es sind solche Details – nicht die großen historischen Daten, sondern der Blick aus dem Kinderzimmerfenster –, die begreifbar machen, wie früh und wie alltäglich die Ausgrenzung während der Zeit des Nationalsozialismus begann.

Und doch ist es nicht nur das Grauen, von dem Weinberg berichtet, das sich in die Hirne der Zuschauerinnen und Zuschauer festbeißt, sondern der Mensch, der davon erzählt. Weinberg, mit über hundert Jahren fast blind und körperlich gebrechlich, ist im Gespräch von einer Wachheit, Offenheit und einem Witz, die einen fast vergessen lassen, was er durchlitten hat – bis der nächste Satz wieder daran erinnert. Diese Spannung zwischen physischem Verfall und geistiger Präsenz, zwischen erschütterndem Inhalt und erstaunlich leichtem Ton, trägt den gesamten Film.

Haltung bis zum Ende

Balci und Denzel interessieren sich dabei ausdrücklich nicht nur für die Vergangenheit, sondern für das, was Zeitzeugenschaft heute noch bedeutet – und was es bedeutet, wenn sie bald niemand mehr aus erster Hand leisten kann. Die Schulbesuche, bei denen Jugendliche sich mit der Nummer auf seinem Arm fotografieren lassen und Nähe zu ihm suchen, sind anrührend, aber auch ambivalent: Wird Erinnerung hier weitergegeben – oder droht sie zum Ritual zu erstarren? Der Film stellt diese Frage, ohne sie endgültig zu beantworten, und genau darin liegt seine Stärke. Bemerkenswert ist zugleich, wie unmittelbar politisch Weinbergs Haltung bis zuletzt blieb: Dass er sein Bundesverdienstkreuz 2025 aus Sorge über die politische Entwicklung zurückgab, nachdem im Deutschen Bundestag ein Entschließungsantrag der CDU/CSU-Fraktion zur Migrationspolitik mit Stimmen der AfD angenommen sorten war, kommt im Film zwar selbst nicht vor – ist aber ein starkes politisches Statement.

Formal bleibt der Film konsequent zurückhaltend. Es gibt keinen erklärenden Kommentar, kaum Regie im klassischen Sinn – Co-Regisseurin Balci selbst hat gesagt, Weinberg und Dänekas hätten vor der Kamera einfach „funktioniert“. Historische Orte werden oft aus der Distanz gezeigt, mitunter aus der Vogelperspektive, während echte Nähe erst entsteht, wenn Weinberg mit Menschen spricht oder in Gedanken versinkt. Besonders gelungen ist, wie der Film mit Landschaft umgeht: Ein Waldweg, ein verschneites Feld, ein auf den ersten Blick harmloser Ort verlieren ihre Idylle in dem Moment, in dem Weinbergs Stimme erzählt, was dort geschah. Erinnerung wird so nicht illustriert, sondern der Landschaft buchstäblich eingeschrieben.

Das Ende einer Ära

Dass Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf dabei nie zum reinen Gedenkfilm gerinnt, liegt wesentlich an Gerda Dänekas. Als ehemalige Pflegerin und später eine Art Lebensgefährtin im nicht-erotischen Sinn, ist sie mehr als eine Nebenfigur: Sie schafft den Alltag, in dem Weinberg überhaupt leben kann, vermittelt zwischen ihm und der Öffentlichkeit und wird nun nach seinem Tod zur Trägerin seiner Erinnerung. Die stillen, oft komischen Szenen zwischen den beiden – Hilfe beim Anziehen, ein kleiner Scherz am Rande– verhindern, dass Weinberg auf sein Schicksal reduziert wird, und geben dem Film sein menschliches Gegengewicht zur Geschichte.

Und dass Albrecht Weinberg die Uraufführung am 7. März 2026 noch selbst erleben konnte – an seinem 101. Geburtstag in Leer, in der Stadt, aus der seine Familie einst vertrieben wurde –, gibt dem Film im Nachhinein eine fast unheimliche Dimension. Nur wenige Wochen später, am 12. Mai 2026, starb er. Albrecht Weinberg- Es ist immer in meinem Kopf ist damit vermutlich eines der letzten filmischen Dokumente eines noch lebenden Holocaust-Überlebenden überhaupt – ein Umstand, der über die Qualitäten des Films selbst hinausweist und ihn zu einem historischen Zeugnis eigener Art macht. Man verlässt das Kino nicht nur berührt von einem außergewöhnlichen Menschen, sondern auch mit der leisen Ahnung, gerade eine Ära enden gesehen zu haben.

Credits

OT: „Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Güner Yasemin Balci, Jesco Denzel
Buch: Güner Yasemin Balci, Jesco Denzel
Musik: Peer Kleinschmidt, Jan Frederik Vogt
Kamera:
Jesco Denzel, Bernd Hermes

Bilder

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Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
fazit
„Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf“ ist ein zurückhaltendes, eindringliches Porträt, das persönliche Erinnerung und Gegenwart miteinander verbindet. Getragen von Weinbergs geistiger Präsenz und seinem besonderen Humor, wird der Film zugleich zum berührenden Vermächtnis eines Holocaust-Überlebenden und zum Dokument einer zu Ende gehenden Ära.
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