
Für Lore (Magdalena Laubisch) bricht eine Welt zusammen, als ihre Mutter nach einem langen Krebsleiden stirbt. Erschwerend kommt hinzu, dass diese den Wunsch geäußert hatte, dass sich Lore um die Trauerfeier kümmern soll. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als in die alte Heimat zu fahren und sich der Sache anzunehmen. Dabei muss sie nicht nur mit der eigenen Trauer kämpfen, sondern auch mit familiären Konflikten, die nie wirklich gelöst wurden. Dass die Tote zuvor bestimmte, keine Beerdigung zu wollen, ist einer von vielen Streitpunkten. Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, hat die Corona-Pandemie die Welt fest im Griff, was mit zahlreichen Bestimmungen einhergeht. Wie soll Lore das nur alles ganz allein schaffen?
Ein leiser Tod
Es ist ein Szenario, welches sich in vielen Filmen findet: Ein Mensch stirbt, was die Hauptfigur dazu verleitet, in die alte Heimat zu fahren, wo sie sich dann mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss. Ein bekanntes Beispiel ist Manchester by the Sea, wo der Protagonist den Tod des Bruders verkraften und sich um dessen Sohn kümmern muss. Aber auch Im August in Osage County und Misericordia greifen auf dieses Szenario zurück. Insofern wäre es ein Leichtes, den deutschen Beitrag Sechswochenamt voreilig abzutun als einen unter vielen abzutun, wenn eine junge Frau nach dem Tod der Mutter zu kämpfen. Doch es gibt eine Reihe Punkte, die diesen von ähnlich gelagerten Filmen abheben und dadurch auch sehenswert machen.
Schon die erste Szene hinterlässt Eindruck. Diese handelt davon, wie Lore die letzten Minuten mit der Mutter erlebt. Da ist keine tränenreiche Szene, gibt es keine bewegenden Abschlussworte. Man hört lediglich die alte Frau atmen – bis sie es nicht mehr tut. So leise und unspektakulär der Auftakt ist, geht es auch im Anschluss weiter. Das heißt nicht, dass Sechswochenamt frei ist von Streitigkeiten. Von denen gibt es einige. Da ist die abwesende Schwester, die sich nicht mit der Geschichte befassen mag. Da ist die Großmutter, die sehr feste Ansichten davon hat, wie alles zu laufen hat. Und auch andere halten mit ihren Meinungen nicht hinter dem Berg. Einige Konflikte werden dabei fein herausgearbeitet, andere bleiben ein wenig vage. Regisseurin und Drehbuchautorin Jacqueline Jansen verzichtet bei ihrem fiktionalen Debüt auf Einleitungen oder Erklärungen.
Sehenswerte Beobachtungen
Ganz so extrem wie bei Orange-Flavoured Wedding kürzlich ist das nicht, was auch an der geringeren Zahl an Figuren liegt. Man hat bei Sechswochenamt nicht den Eindruck, den Stammbaum studieren zu müssen, um der Geschichte folgen zu können. Das Prinzip ist aber ähnlich. Man wird hier mitten ins Geschehen geworfen. Jansen hat zudem einen ähnlichen Stil, der stärker beobachtend als erzählend ist. Und zu beobachten gibt es einiges. Da sind nicht nur die Familienbeziehungen, die oft schwierig sind. Der Film ist zudem das Porträt eines ländlichen Lebens, wenn Lore bei ihrem Versuch, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, den verschiedensten Leuten begegnet. Und dann ist da noch die Sache mit der Corona-Pandemie. Diese wird zwar nicht übermäßig thematisiert, ist aber ein wirkungsvolles Setting, wenn es darum geht, von Einsamkeit zu sprechen, ebenso von Egoismus.
Dass das alles so glaubwürdig erscheint, liegt zum einen daran, dass die Filmemacherin eigene Erfahrungen in dem Drama verarbeitet. Der Film, der auf dem Filmfest München 2025 Premiere hatte, wirkt gleichzeitig sehr universell und doch spezifisch. Aber auch die Darstellung von Magdalena Laubisch (Die Nichte des Polizisten) hat einen großen Anteil daran, dass das Ergebnis so sehenswert geworden ist. Zwar gibt sich Sechswochenamt auch bei ihrer Figur etwas schmallippig, vieles erfährt man nur beiläufig, da bleiben reihenweise Fragen offen. Hinzu kommt eine gewisse Passivität. Dennoch ist Lore eine interessante Figur geworden, die einem nahegeht mit ihrem Versuch, das Richtige zu tun – selbst wenn ihr andere das Leben schwermachen.
OT: „Sechswochenamt“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Jacqueline Jansen
Drehbuch: Jacqueline Jansen
Musik: Anna Kühlein
Kamera: Markus Ott
Besetzung: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, Olga Prokot, Suzanne Ziellenbach, Marc Fischer
Filmfest München 2025
Max Ophüls Preis 2026
achtung berlin 2026
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