(„Manchester by the Sea“ directed by Kenneth Lonergan, 2016)

„Manchester by the Sea“ läuft ab 19. Januar im Kino

Lee Chandler (Casey Affleck) führt ein unspektakuläres Leben als Handwerker in Boston, als ihn eine schockierende Nachricht erreicht: Sein Bruder Joe (Kyle Chandler) ist plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Zurück in seiner kleinen Heimatstadt Manchester muss er jedoch feststellen, dass dies nicht die einzige Überraschung ist, die auf ihn wartet. Ausgerechnet er soll sich laute dem Willen des Verstorbenen in Zukunft um dessen 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) kümmern. Begeistert ist Lee nicht darüber. Zum einen, weil der Langzeitsingle es nicht gewohnt ist, für jemand anderen die Verantwortung zu übernehmen. Außerdem führt der Aufenthalt in Manchester dazu, dass er sich lange zurückliegenden Geschichten stellen muss – darunter seiner gescheiterten Ehe mit Randi (Michelle Williams).

Ob kürzlich bei den Golden Globe Awards oder im Februar bei den Oscars, wenn es um die großen Favoriten geht, werden immer dieselben drei Titel genannt: La La Land, Moonlight und eben Manchester by the Sea. Dabei hat Letzterer den Nachteil, dass ihm auf den ersten Blick das Besondere fehlt. Während die Konkurrenz mit nostalgischen Musicalnummern bzw. einer Geschichte über einen heranwachsenden farbigen Homosexuellen über genügend Alleinstellungsmerkmale verfügt, fehlen die hier. Der Tod eines Angehörigen wird zum Anlass, sich mit der gemeinsamen wie eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das hat man nun wirklich schon oft genug gesehen. Aber vielleicht eben doch nicht, denn wenn einen das Trauerdrama hier eines lehrt, dann ist es, dass es oft nicht auf das große Ganze, sondern die Details ankommt, die einen Film zu etwas Besonderem machen.

Regisseur und Drehbuchautor Kenneth Lonergan, der hier seinen dritten Spielfilm abliefert, vermeidet es dann auch, Ausgangssituation oder Personen groß vorstellen zu wollen. Was hier los ist, wer mit wem zu tun hat, warum Lees Ehe gescheitert ist, das wird erst nach und nach verraten, oft in Form von Flashbacks. Manchmal sind es auch Gespräche oder Bruchstücke davon, die verraten, was hier gespielt wird. Das könnte man als billigen Trick betrachten, um die simple wie altbekannte Geschichte zu verstecken. Und doch schafft es Manchester by the Sea auf diese Weise hervorragend, einem allmählich und ganz natürlich die Figuren näherzubringen, sie zu echten Menschen werden zu lassen.

So sehen wir Lee anfangs während seiner Arbeit als Hausmeister, die oft undankbar ist, mit komischen wie auch unangenehmen Situationen. Doch beides nimmt der ruhige, phlegmatisch veranlagte junge Mann hin, ohne auf das eine oder andere großartig zu reagieren. Affleck brilliert hier als ein Mensch, der in seinem Leben verlorengegangen ist, kein wirkliches Ziel mehr vor Augen hat, nicht mehr die Kraft hat, große Konflikte auszutragen. Allgemein hat Lonergan für sein Drama eine hervorragende Besetzung gefunden, bis in die kleinste Nebenrolle wirkt Manchester by the Sea tatsächlich so, als wäre es ein Film, der direkt dem Leben entnommen ist. Lucas Hedges darf als Filmsohn beispielsweise sehr viel mehr sein als nur eine dramaturgische Funktion, sondern eine echte Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen.

Mehr als zwei Stunden lang dürfen wir ihm und seinem Ersatzvater folgen, bei alltäglichen Situationen dabei sein, die auf die Handlung keinen Einfluss haben und doch wichtig sind, um ein rundes Bild der Geschehnisse zu erhalten. Die kleinen wie großen Verletzungen, Hoffnungen und Träume herauszuarbeiten. Wenn es bei diesem Meisterwerk der Beiläufigkeit eines zu bemängeln gibt, dann dass es dieses Prinzip in zweifacher Hinsicht unnötig aufgibt. Zum einen wird zum Ende hin die Geschichte doch deutlich dramatischer, als es der Rest des Films ist. Deutlich dramatischer auch, als es notwendig gewesen wäre. Und dann wäre da noch die komplett unpassende Musik, die so aufdringlich und überlebensgroß ist, als hätte man versehentlich ein Kostümdrama eingeschaltet. Warum man sich nicht auch hier in seiner zurückgenommenen Weise treu blieb, ist ebenso unverständlich wie bedauerlich. Letztendlich sind diese zwei kleines Mankos aber zu vernachlässigen: Manchester by the Sea ist großes Schauspielkino, gerade weil es keines sein will, zeigt auf eine überwältigende und manchmal sehr schmerzhafte Art, was es heißt ein Mensch zu sein, zu lieben, zu leiden, zu lachen.

Manchester by the Sea
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Manchester by the Sea
Der späte Hang zu Drama und die aufdringliche Musik einmal außen vor gelassen, ist „Manchester by the Sea“ ein hervorragendes und umwerfend gespieltes Trauerdrama, das gerade durch seine zurückgenommene Beiläufigkeit und die fein herausgearbeiteten Figuren begeistert.
9von 10

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