
1978 in einem Vorort von Nantes: Der große Tag ist gekommen für Jacques (Paul Kircher) und Martine (Malou Khebizi), die sich das Ja-Wort geben wollen. Zu dem Zweck ist die ganze Familie zusammengekommen, selbst Leute, die eigentlich niemand dabeihaben will. Aber auch bei den geladenen Gästen kommt es immer wieder zu Irritationen, wenn sie versuchen, sich mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen oder alte Wunden mit sich herumtragen, die niemand thematisieren möchte. Während die Leute mal mehr mal weniger feiern, kommt es zu einer Reihe von schmerzhaften bis brutalen Konfrontationen – und einer Nachricht, welche ganz Frankreich erschüttert …
Plötzlich bei einer Hochzeit zu Gast
Es gibt einige Anlässe und Ereignisse, die quasi wie dafür gemacht sind, um in Filmen Geschichten über viele Figuren und ihre Beziehungen zu erzählen. Da sind Geburtstage und Weihnachten, die immer ein guter Vorwand sind, um Leute zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammen sein wollen. Und auch Hochzeiten eignen sich sehr gut für solche Filme. Dieses Jahr gab es so unterschiedliche Werke wie My Mother’s Wedding, Something Very Bad Is Going to Happen und Das Drama – Noch einmal auf Anfang, bei denen jeweils eine Hochzeit im Mittelpunkt stand. Mit Orange-Flavoured Wedding kommt ein weiterer Film heraus, der mit einem solchen Szenario arbeitet und dem Publikum die unterschiedlichsten Menschen vorstellt.
Wobei das mit dem „Vorstellen“ so eine Sache ist. Regisseur und Drehbuchautor Christophe Honoré (Der Gymnasiast, Zimmer 212 – In einer magischen Nacht) verzichtet darauf, die Zuschauer und Zuschauerinnen behutsam einzuführen und ihnen aufzuzeigen, mit wem man es da genau zu tun hat. Stattdessen fängt er seinen Film quasi mittendrin an, wirft alle mitten ins Geschehen und überlässt es dem Publikum, aus allem schlau zu werden. Das wird manchen nicht gefallen, man braucht bei Orange-Flavoured Wedding schon eine Weile, um einigermaßen den Überblick zu gewinnen, wer da wer ist und wer mit wem zusammenhängt. Und manches bleibt auch über den Abspann hinaus eher unklar, wenn Honoré sich mit Anspielungen und Nebensätzen begnügt, aus denen man sich die Informationen zusammenklauben muss.
Sehenswert und stark gespielt
Aber es bedeutet auch mehr Authentizität. Obwohl der Film vollgepackt ist mit bekannten Darstellern und Darstellerinnen, von denen einige auch in vorangegangenen Werken von Honoré zu sehen waren, hat man hier nicht das Gefühl, einen fiktionalen Film zu sehen. Stattdessen wirkt Orange-Flavoured Wedding so, als habe jemand bei einer tatsächlichen Hochzeit die Kamera mitlaufen lassen. Das zeigt sich auch an den Dialogen: Die Figuren sprechen wie Menschen, die sich seit Jahren kennen und nicht erst Kontexte geben müssen. So wie man eben mit jemandem aus dem eigenen Umfeld spricht. Das funktioniert auch dank des besagten Ensembles sehr gut, welches sowohl in den ruhigen Momenten überzeugt wie in den sehr emotionalen, wenn die Gefühle hochkochen und man kurz davorsteht, die Polizei rufen zu müssen.
Während das Drama, das 2026 in Cannes Weltpremiere feierte, bei diesen persönlichen Szenen Eindruck hinterlässt, ist das zeitliche Setting ein bisschen beliebig. So nutzt Honoré dieses, um von einem Ereignis zu sprechen, welches sicherlich schockierend war, letztendlich aber kaum Einflüsse auf das Geschehen hat. Man hätte dieses auch weglassen und die Geschichte zwei Jahrzehnte nach vorne verlegen können, ohne dass es einen Unterschied gemacht hätte. Da hätte man sich schon ein bisschen mehr erhoffen dürfen. Dennoch ist Orange-Flavoured Wedding erneut ein sehenswerter Film des Regisseurs geworden, der mit seinen Werken vor allem bei den Figuren überzeugt. Man muss diese hier nicht mögen. Tatsächlich sind da einige dabei, mit denen man im wahren Leben eher weniger Zeit verbringen möchte. Aber aus sicherer Distanz ist die Geschichte um eine dysfunktionale Familie, die sich mal stützt und mal bekämpft, spannend geworden.
OT: „Mariage au goût d’orange“
Land: Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Christophe Honoré
Drehbuch: Christophe Honoré
Kamera: Jeanne Lapoirie
Besetzung: Adèle Exarchopoulos, Vincent Lacoste, Paul Kircher, Alban Lenoir, Nadia Tereszkiewicz, Malou Khebizi
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