
Der Intellektuelle Alexandre (Jean-Pierre Léaud) lebt gemeinsam mit der Boutique-Inhaberin Marie (Bernadette Lafont) in einem kleinen Apartment mitten in Paris. Obwohl die beiden nach außen hin wie ein Paar wirken, ist Alexandre rastlos: Er trauert der Beziehung zu der Studentin Gilberte (Isabelle Weingarten) hinterher und ist in den Straßen von Paris stets auf der Suche nach neuen Abenteuern. Marie gewährt Alexandre diese Freiheit, weil sie ihn nicht verlieren will und hofft, dass er letztlich zu ihr zurückkehrt.
Auf einem seiner Streifzüge durch die Pariser Cafés begegnet Alexandre Veronika (Françoise Lebrun), einer Krankenschwester, mit der er sich zu einem weiteren Treffen verabredet. Obwohl die junge Frau eine sehr liberale Auffassung von Beziehungen hat, stört dies Alexandre keineswegs – ganz im Gegenteil. Da er sich nämlich zwischen ihr und Marie nicht entscheiden kann, beginnt er gleichzeitig Beziehungen mit beiden Frauen. Anfangs scheint dieses Arrangement zu funktionieren, doch mit der Zeit stellen Eifersucht und die eigenen Prinzipien die Ménage-à-trois auf die Probe. Alexandres Unwillen, sich zu binden, verschärft die Situation zusätzlich.
Die Stimmung nach 1968
Der Einfluss Jean Eustaches auf den unabhängigen Film ist immens. Filmemacher wie Richard Linklater oder Jim Jarmusch geben in Interviews offen zu, dass Filme wie Die Mama und die Hure ihre eigenen Werke inspiriert haben. Kurioserweise waren Eustaches Filme lange Zeit nur schwer zu beschaffen, sodass die Preise für VHS-Kassetten von Die Mama und die Hure teils astronomische Höhen erreichten. In den vergangenen Jahren hat sich dies jedoch geändert. Nachdem einige seiner Werke restauriert wurden, ist der Film inzwischen nicht nur auf zahlreichen Heimkinoveröffentlichungen erhältlich, sondern erlebt nun auch Kinoauswertungen wie aktuell in Deutschland.
Insbesondere Die Mama und die Hure gilt als bedeutendes Werk des französischen Kinos sowie als Abgesang auf die politisch und gesellschaftlich stürmischen 1960er Jahre. Inspiriert von eigenen Erfahrungen und Begegnungen zieht Eustache Bilanz über eine Epoche, die von kultureller Revolution sowie intellektuellen Debatten über Beziehungen, Sexualität und Lebensführung geprägt war und zu einer Vielzahl neuer Lebensentwürfe führte. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen fällt Eustaches Blick auf diese Entwicklung jedoch ausgesprochen ernüchternd und desillusioniert aus, vor allem wenn er einige dieser Lebensmodelle kritisch auf den Prüfstand stellt.
Diese Ernüchterung spiegelt sich auch in der Ästhetik von Die Mama und die Hure wider. Oberflächlich betrachtet könnte man die langen Einstellungen und Dialoge dem Slow Cinema zurechnen, wie es viele Texte über den Film auch tun. Im Falle Eustaches besitzt diese Langsamkeit jedoch Methode, denn sie schafft eine bewusste Distanz zwischen Zuschauer und Figuren. Dies beginnt bereits mit der ersten längeren Unterhaltung zwischen Alexandre und Gilberte, der er vor ihrer Vorlesung an der Universität auflauert, nur um sie mit einer Flut intellektueller Exkurse über Beziehungen, Ehe und Sexualität zu konfrontieren. Gilberte kommt dabei kaum zu Wort, wirkt sichtlich überfordert und unwohl, und alles, was sie zur Unterhaltung beiträgt, wird unmittelbar in Alexandres zunehmend konfusen Monolog aufgenommen. Selbst als sie ihm gesteht, inzwischen einen neuen Freund zu haben und diesen sogar heiraten zu wollen, beendet Alexandre das Gespräch nicht. Stattdessen betrachtet er diese Nachricht lediglich als weitere intellektuelle Herausforderung, die sich mit neuen pseudo-philosophischen Behauptungen überwinden lässt.
Alexandres Bemerkung, Gilberte könne ihren Freund ruhig heiraten und ihn sogar zur Hochzeit einladen, bildet schließlich die Pointe dieser langen Szene, bei der sich der Zuschauer vermutlich ebenso unwohl fühlt wie Gilberte selbst. Eustache präsentiert die Vielfalt der Lebensentwürfe als ein kompliziertes, sich widersprechendes Netz von Möglichkeiten. Alexandres Aussagen wirken häufig wie aus philosophischen Büchern auswendig gelernte Phrasen. Sie mögen intelligent und geschliffen klingen, verlieren jedoch mit der Zeit ihre Substanz. Alexandre scheint selbst kaum noch an sie zu glauben, doch sein Selbstverständnis als Intellektueller erlaubt es ihm nicht, einfach aufzuhören. Eustache zeigt ihn – ebenso wie viele der anderen Figuren – zunehmend als eine Art Automat, der ideologisch und intellektuell aufgeladene Floskeln reproduziert.
Emotion und Intellekt
Noch interessanter wird Eustaches Blick auf den Film, wenn man die Frauenfiguren betrachtet. Marie und Veronika stehen sinnbildlich für zwei weibliche Stereotype, die trotz der gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er Jahre fortbestehen. Während Marie fürsorglich ist und für Alexandre beinahe die Rolle einer Mutter übernimmt, erscheint Veronika aufgrund ihrer liberalen Ansichten als die titelgebende „Hure“. Die eine wird zunehmend emotional abhängig von Alexandre, während die andere immer stärker zwischen Tradition, gesellschaftlichen Erwartungen und ihren eigenen Prinzipien schwankt. Dabei lässt sich kaum sagen, ob diese Vorstellungen tatsächlich verinnerlicht wurden oder ebenso leer sind wie Alexandres philosophische Exkurse. Besonders deutlich wird dieser Konflikt im berühmten Schlussmonolog Veronikas, der mit den intellektuellen Bestrebungen abrechnet, die Rolle der Frau neu zu definieren, letztlich jedoch lediglich einen weiteren Katalog von Erwartungen, Stereotypen und Neurosen hervorgebracht haben.
Diese Widersprüche beschränken sich keineswegs auf Beziehungen und Sexualität. Alexandre möchte kultiviert und vornehm erscheinen, greift jedoch lieber gemeinsam mit einem Freund zu einer Flasche Jack Daniel’s, als sich den angebotenen edlen Spirituosen zuzuwenden. Er beklagt sich darüber, dass Menschen unehrlich seien und anderen etwas vorspielten, während er selbst innerhalb einer einzigen Unterhaltung kaum einen klaren Gedankengang aufrechterhalten kann. Jean-Pierre Léaud spielt Alexandre überzeugend als einen Menschen voller Widersprüche. Ebenso eindrucksvoll verkörpern Bernadette Lafont und Françoise Lebrun zwei Frauen, die von der Vielzahl der Möglichkeiten regelrecht überwältigt werden.
Eustache geht es in Die Mama und die Hure keineswegs um die Rückkehr zu einem einfachen, konservativen oder gar konformen Leben. Vielmehr zeigt sein Film jene Kehrseite der Medaille, die im meist positiven Konsens über die 68er-Bewegung häufig verloren geht. Eustache beschreibt ein Paradoxon: Vor lauter Wegweisern haben viele Menschen die Orientierung verloren. Fatal wird dies vor allem dann, wenn sie sich auf Lebensentwürfe versteifen, die bereits in ihren Grundannahmen zum Scheitern verurteilt sind.
OT: „La Maman et la Putain“
Land: Frankreich
Regie: Jean Eustache
Drehbuch: Jean Eustache
Kamera: Pierre Lhomme
Besetzung: Jean-Pierre Léaud, Bernadette Lafont, Françoise Lebrun, Isabelle Weingarten
Internationale Filmspiele von Cannes 1973
Berlinale 1973
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