Le lycéen Winter Boy
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Der Gymnasiast

„Der Gymnasiast“ // Deutschland-Start: 30. März 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Für den 17-jährigen Lucas (Paul Kircher) bricht eine Welt zusammen, als eines Tages sein Vater an den Folgen eines Autounfalls verstirbt. Zwar versucht die Familie sich gegenseitig zu trösten. Doch das will alles nicht so wirklich funktionieren, seine Mutter Isabelle (Juliette Binoche) und sein älterer Bruder Quentin (Vincent Lacoste) haben ebenso zu kämpfen wie er. Und so zieht er erst einmal zu Quentin nach Paris, wo er auf andere Gedanken kommen soll. Einfach ist das Zusammenleben der beiden nicht, immer wieder geraten sie aneinander. Doch Lucas will bleiben, versucht das Leben neu zu entdecken, will genießen und Spaß haben. Außerdem ist da auch noch Lilio (Erwan Kepoa Falé), ein Bekannter seines Bruders, der deutlich älter ist als er, für den er aber bald starke Gefühle entwickelt …

Tod, Trauer und Konflikte in all ihrer Hässlichkeit

Zuletzt schien sich Christophe Honoré besonders für humorvolle Stoffe begeistern zu können. So drehte er die originelle Fantasykomödie Zimmer 212 – In einer magischen Nacht, in der die Figuren jüngeren Ausgaben von sich selbst begegnen. Im Anschluss kam Guermantes über eine geplante Theateraufführung, bei der alle im Ensemble fiktionalisierte Versionen ihrer selbst spielten – eine Art satirische Mockumentary, die sich mit den Eitelkeiten der Theaterwelt befasst. Umso stärker fällt der Kontrast zu seinem neuesten Werk Der Gymnasiast aus. Zu lachen gibt es hier nichts. Stattdessen legt der französische Regisseur und Drehbuchautor ein Drama vor, das nicht nur seinen Figuren einiges abverlangt. Auch die Zuschauer und Zuschauerinnen dürfen im Anschluss erst einmal emotional durch den Wind sein – und mittendrin natürlich auch.

Dass ein Film, der mit dem Tod eines geliebten Menschen beginnt, nicht unbedingt Feel-Good-Qualitäten hat, das ist keine Überraschung. Honoré weiß auch, wie er diese traurige Situation zu nutzen hat, um beim Publikum Reaktionen zu erzeugen. Bemerkenswert ist dabei aber, dass er auf plumpe Manipulation verzichten kann. Er geht lieber direkt zum Angriff über und seine Figuren von ihrer hässlichsten Seite. Hier werden Schmerzen nicht langsam an die Oberfläche gelassen. Stattdessen kommt es in Der Gymnasiast zu einer Reihe von Explosionen und Konfrontationen. Die Art und Weise, wie er das Essen mit der erweiterten Familie langsam eskalieren lässt, ist ebenso sehenswert wie spätere Konflikte zwischen den zwei Brüdern. Vor allem Quentin kann mit seinem jüngeren Bruder wenig anfangen, ist oft genug von diesem einfach genervt.

Lebensbejahend und exzessiv

Doch inmitten dieser harten Momente gibt es auch immer wieder solche der Hoffnung und des kleinen Glücks. So ist eine der bewegendsten Szenen in Der Gymnasiast, wie Isabelle und ihre beiden Jungs bei einem Lied von Orchestral Manoeuvres in the Dark zueinander finden und man flüchtig den Eindruck hat, alles würde wieder gut werden. Aber auch die Zeit in Paris hat solche Augenblicke, in denen sich die zwei Brüder nahe sind und die jahrelange Gemeinschaft eine Vertrautheit geschaffen hat, von der sie täglich zehren. Das ist wundervoll gespielt. Vincent Lacoste, mit dem Honoré schon mehrfach zusammengearbeitet hat, gibt den großen Bruder, der zwischen Fürsorglichkeit und harscher Kälte wechselt. Doch es ist der Film von Neuentdeckung Paul Kircher, der den Spagat zwischen Abgrund und Lebensfreude meistert, und dessen Figur Sex und Liebe nach dem Tod sucht – und dabei sich selbst.

Zuweilen sind die Situationen, die Honoré sich für seinen jungen Protagonisten ausdenkt, schon recht überzogen. Mit einer alltäglichen Coming-of-Age-Geschichte hat es der Filmemacher dann letztendlich doch nicht so wirklich. Aber das tut dem positiven Eindruck keinen Abbruch. Auch wenn das Drama, das auf dem Toronto International Film Festival 2022 Premiere feierte, zu Exzess und Exzentrik neigt, hat es doch deutlich mehr über das Leben zu sagen als so manch vermeintlich realistischer Film. Vor allem hat er einiges darüber zu sagen, was es bedeutet, sich als Mensch durch diese Welt zu schlagen, an dieser zu verzweifeln und zugleich in ihr etwas zu finden, für den sich der ganze Zirkus lohnt. Ein Film, der das Leben feiert, selbst wenn der Tod immer mitfährt.

Credits

OT: „Le lycéen“
Land: Frankreich
Jahr: 2022
Regie: Christophe Honoré
Drehbuch: Christophe Honoré
Musik: Yoshihiro Hanno
Kamera: Rémy Chevrin
Besetzung: Paul Kircher, Juliette Binoche, Vincent Lacoste, Erwan Kepoa Falé, Adrien Casse, Christophe Honoré, Anne Kessler

Bilder

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Der Gymnasiast
fazit
„Der Gymnasiast“ ist ein sehenswertes Drama um eine Familie, die mit dem Tod des Vaters umzugehen lernen muss, und zugleich Coming of Age, wenn der jüngere Sohn das Leben, Sex und Liebe für sich neu entdeckt. Das wechselt zwischen rührend und hart, schön und hässlich, und ist gerade auch für das Ensemble sehenswert, welches sich kopfüber in die jeweiligen Rollen stürzt.
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