
Mit seiner Idee, Troja durch eine List einzunehmen – die Männer versteckten sich im Bauch eines hohlen Holzpferdes – wurde der griechische König Odysseus (Matt Damon) zum Helden. Doch nach diesem Coup war ihm das Glück nicht hold. Viele Jahre sind seither vergangen, er und seine Männer irren noch immer auf dem Meer herum und müssen zahlreiche Gefahren bestehen bei dem Versuch, wieder nach Hause zu kommen. In der Zwischenzeit hat sich die Lage in seinem Heimatreich Ithaka zugespitzt. Denn während seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) noch immer daran festhalten, dass Odysseus eines Tages zurückkehrt, haben sich längst zahlreiche Freier dort versammelt. Antinous (Robert Pattinson) und mehrere Dutzend weiterer Männer spekulieren darauf, dass Penelope sich neu vermählen wird und dadurch der Thron neu besetzt werden kann …
Epische Adaption des Klassikers
Christopher Nolan ist zweifelsfrei eine der wenigen Regiegrößen, bei denen jeder neue Film ein Event ist. Dabei fällt auf, dass der britische Filmemacher bei seinen letzten Werken beständig zwischen futuristischen (Interstellar, Tenet) und historischen Stoffen (Dunkirk, Oppenheimer) hin und her wechselt. An der Gegenwart scheint er kein großes Interesse zu haben. Jetzt reist er sogar besonders weit in die Vergangenheit und nimmt sich in Die Odyssee eines der großen Epen der Weltliteratur an. Irgendwann zwischen dem 8. und 7. Jahrhundert entstanden, wird in insgesamt 24 Gesängen davon erzählt, wie der griechische König Odysseus nach dem Ende des Trojanischen Kriegs zehn Jahre umherirrte, bis er doch noch nach Hause fand. Das Werk ist so berühmt, dass diese Irrfahrt mit dem Namen des Protagonisten gleichgesetzt wurde, man also auch in anderen Kontexten von Odysseen spricht. Und natürlich hat es zahlreiche Adaptionen geben, die einen originalgetreuer, die anderen weniger. So ist es erst einige Monate her, dass mit Rückkehr nach Ithaka eine solche Adaption bei uns im Kino zu sehen war. Damals schlüpfte Ralph Fiennes in die Rolle des Königs.
Während diese multinationale europäische Fassung aber die Irrfahrt an sich ausblendete und nur von dem tragischen (und blutigen) Ende erzählte, da kennt Nolan mal wieder kein Halten. Zwar hat auch er es nicht geschafft, wirklich alle Ereignisse der Vorlage umzusetzen. Ein bisschen was fiel dann doch der Schere zum Opfer. Und das, was da ist, wird zum Teil sehr knapp geschildert, fast schon beiläufig. Aber es ist schon ambitioniert, was hier alles in einen Film gepackt wurde, weshalb Die Odyssee am Ende auch eine Laufzeit von knapp drei Stunden hat. Episch eben. Drei Stunden, in denen sehr viel passiert, schließlich müssen Jahre in Minuten umgewandelt werden. Und doch fällt auf, wie oft auch nichts passiert, und wie sich Nolan Zeit für Szenen nimmt, die auf den ersten Blick unwichtig sind. Gerade die ausufernden Konflikte und Intrigen auf Ithaka, während alle entweder auf den König warten oder auf dessen Nachfolge drängen, bringen die Geschichte kaum voran. Die Figurenzeichnung ebenso wenig. Zwar darf Telemachos etwas erwachsener und selbständiger werden, ist aber auch nach drei Stunden und jahrelangem Suchen ein halbes Kind.
Zwischen Blockbuster-Action und Kriegstrauma
Aber im Mittelpunkt steht nun einmal der verirrte König, nicht der Sohn, nicht die Frau, nicht die vielen anderen Figuren, die oftmals nur Stichwortgeber sind. Bemerkenswert dabei ist, wie Nolan diesen mit der Zeit immer mehr demontiert. So kennt man Odysseus eigentlich als Helden, der mit seiner List und seinem Mut zu einem Vorbild wurde. Die Odyssee hat den Mut, ihn zu einem Kriegstreiber zu demontieren, der vielleicht das Richtige wollte, dafür aber unzählige ins Verderben gestürzt hat und seither von seinen Erinnerungen heimgesucht wird. Ein gebrochener Mann, der erkennen muss, wie der vermeintliche Triumph in Wahrheit ein Desaster war. Der Film ist daher zwar schon noch ein Fantasyabenteuer, das von Zyklopen handelt, von Hexen und bizarren Monstern. Er ist aber vor allem auch ein Antikriegsdrama, welches Elend und Traumata aufzeigt, Empathie vor dem Feind zeigt und zugleich die eigene Seite in Frage stellt.
Das muss man sich erst einmal trauen in einer Welt, in der zunehmend schwarzweiß gedacht wird, ein „wir gegen die anderen“. Auch die besagten Lücken und die vielen langsamen Passagen zeigen, wie sehr Nolan dazu bereit ist, gegen Erwartungen zu arbeiten. Leider ist er dabei aber nicht durchgängig konsequent. So werden die Freier zu arroganten, selbstsüchtigen, teils feigen Geiern reduziert. Umgekehrt will Nolan auch nicht auf bewährte Blockbustermomente verzichten, zelebriert dann schon die Gewalt, solange die „Richtigen“ davon getroffen werden. Verlogen? Schon ein wenig. Wie so oft bei dem Regisseur ist das also alles nicht ganz so tiefgründig und konsequent, wie er das selbst glaubt. Man muss da des Öfteren ein Auge zudrücken. Oder besser noch: Man richtet dieses auf die Inszenierung. Denn zu sehen gibt es einiges. Wenn Die Odyssee sich auf die einzelnen Abenteuer stürzt, wird es trotz bekannter Geschichte spannend, manches davon wirkt wie aus einem Horrorfilm entnommen. Auch wenn man nicht mit allem glücklich sein muss, was gemacht und entschieden wurde, ist das hier das erwartete Event geworden, wofür sich eine Reise in die Kinos lohnt.
OT: „The Odyssey“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Vorlage: Homer
Musik: Ludwig Göransson
Kamera: Hoyte van Hoytema
Besetzung: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Samantha Morton, Zendaya, Charlize Theron, John Leguizamo, Himesh Patel, Mia Goth
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