Slanted erzählt die Geschichte von Joan Huang (Shirley Chen), deren Eltern aus China in die USA ausgewandert sind. Während die Familie das kulturelle Erbe hochhält, tut Joan alles dafür, um sich anzupassen. Tatsächlich wünscht sie sich schon seit ihrer Kindheit nichts mehr, als so auszusehen wie alle anderen. Denn nur so hat sie eine Chance, zur Ballkönigin gewählt zu werden. Zumindest ist es das, was sie glaubt. Aber das geht natürlich nicht. Oder vielleicht doch? Zufällig erfährt sie von einer Operation, die das möglich machen soll. Nur hat das alles seinen Preis. Nachdem die Horrorkomödie 2025 auf dem Fantasy Filmfest Deutschlandpremiere feierte, ist sie seit dem 25. Juni 2026 auch fürs Heimkino erhältlich. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns mit Regisseurin und Drehbuchautorin Amy Wang zu unterhalten. Im Interview zu ihrem Debütfilm spricht sie über die Sehnsucht nach Anerkennung, Rassismus und die Balance aus Anpassung und Selbstaufgabe.
Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Slanted verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?
Das war 2021. Ich war damals spazieren, als mir ein Artikel über eine Schießerei in einem Spa in Atlanta in den Sinn gekommen ist, bei dem zehn asiatisch-amerikanische Frauen getötet wurden. Ich lebe inzwischen seit sechs, sieben Jahren in den USA und das war das erste Mal, dass ich mich hier nicht sicher fühlte. Ich musste auch an meine Zeit in Australien denken, wo ich als Teenagerin lebte, und wie es war, mich als Außenseiterin zu fühlen. Immer wieder fragte ich mich, ob mein Leben leichter wäre, wenn ich eine echte Australierin wäre. Das Konzept des Films ist also aus meinen eigenen Gefühlen heraus entstanden und dem Wunsch, sie in eine Geschichte zu packen.
Du beschreibst in dem Film, wie es sich damals für dich angefühlt hat. Denkst du, dass sich die Situation seither verbessert hat?
Wenn du älter wirst, lernst du, dich selbst mehr zu lieben und dich in deiner Haut wohler zu fühlen. Auf der persönlichen Ebene hat sich also viel verbessert. Im Hinblick auf die Gesellschaft ist das aber so eine Sache. In mancher Hinsicht hat sich sicherlich einiges getan. Aber wenn du dir die Rhetorik rund um COVID 19 anschaust und das mit dem China-Vrius. Das war etwa zu der Zeit, als ich meine Idee entwickelt habe, und das hat sicher zu meiner Angst beigetragen. Obwohl der Film von einer Zeit erzählt, die zehn, 15, 20 Jahre zurückliegt, ist das Thema noch immer relevant.
Du hast davon gesprochen, wie du dich als Privatmensch als Außenseiterin gefühlt hast. Gilt das auch für deine Arbeit als Filmemacherin?
Ja und nein. Ich bin definitiv jemand, der sich vieler Sachen bewusst ist. Aber wenn ich in einer Situation bin, in der ich übergangen oder zurückgewiesen werde, ist mein erster Instinkt, die Schuld bei mir selbst zu suchen und nicht bei der Gesellschaft. Was kann ich tun, damit es beim nächsten Mal klappt? Wie kann ich mich selbst verbessern? Da kann es schon vorkommen, dass ich mal den Sexismus oder den Rassismus übersehe. Grundsätzlich fühle ich mich aber schon sehr unterstützt. Es ist ein großes Glück, von meiner Arbeit als Drehbuchautorin leben zu können, und jetzt auch meinen Film gedreht zu haben. Für jemanden wie mich, der wirklich niemand kannte, als er nach Amerika gekommen ist, und dessen Eltern nichts mit der Filmindustrie zu tun haben, ist das schon ziemlich cool.
Warum wolltest du überhaupt Filme machen?
Als ich zwölf oder 13 war, habe ich festgestellt, wie sehr ich es liebe zu schauspielern. Ich war aber nicht besonders gut darin. Dafür habe ich mir sehr viele Filme angesehen. Ich bin ein Einzelkind und meine Eltern haben viel gearbeitet. Also habe ich mir die Zeit mit Filmen vertrieben und habe viel ferngesehen. Dabei liebte ich es, welche Gefühle das in mir weckte. Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal Fight Club geschaut habe. Ich muss damals so 15 gewesen sein und war völlig überwältig. Der Film war düster und lustig und eine wirkliche Herausforderung. Danach habe ich angefangen, eigene Kurzfilme zu drehen.
Dann lass uns über deinen Film sprechen. Du behandelst in Slanted sehr ernste Themen, die für viele Genres in Frage gekommen wären. Warum hast du dich für diese Mischung aus Body Horror und Komödie entschieden?
Die Idee des Films ist ja, dass dieser Wunsch, den ich als Teenagerin hatte, in Erfüllung geht. Das ist so absurd, dass ich schnell in diese satirische Richtung gegangen bin. Die Komödie war also von Anfang an da. Und was den Body Horror angeht, das hat für mich einfach Sinn ergeben. Dass Joan nun weiß ist, da war klar, dass da noch etwas kommen muss. Dass das irgendwie anders laufen muss, als sie sich das vorgestellt hat. Irgendetwas Furchtbares musste also passieren. Und da kam ich darauf, dass ihr Gesicht abfällt, weil es in ihr diesen Kampf zwischen zwei Identitäten gibt. Ich war immer ein großer Fan von David Cronenberg, Das Ding aus einer anderen Welt war immer einer meiner Favoriten. Oder auch Die Fliege, die ganzen Klassiker eben. Wahrscheinlich hat mich das beim Body Horror beeinflusst.
Und wie schwierig war es für dich, die richtige Balance aus komisch und furchteinflößend zu finden?
Das war tatsächlich nicht einfach. Mit meinem Kameramann habe ich ein System entwickelt, eine Skala, die von eins bis fünf ging. Eins war sehr naturalistisch wie bei Andrea Arnold, fünf dann völlig over the top, wie etwa bei Sorry to Bother You von Boots Riley. Wir haben dann bei jeder Szene festgelegt, wo sie auf der Skala ist. Soll das jetzt eher naturalistisch oder verrückt sein? Wir haben dann darauf geachtet, dass wir nicht direkt von einer eins zu einer fünf gesprungen sind, sondern uns immer nur eine Stufe weiterbewegt haben.
In den letzten Jahren hat es eine Reihe von Body-Horror-Filmen von Frauen gegeben, wie etwa The Substance. Denkst du, dass das Zufall ist? Oder sind wir uns nur mehr bewusst?
Das weiß ich gar nicht so genau. Aber ich finde es cool, dass so viele Regisseurinnen gibt, die dieses Werkzeug des Body Horrors für sich nutzen können. Ein Teil davon hat sicher mit weiblicher Wut zu tun. Historisch waren es immer die Männer, die ihre Geschichten erzählten. Und die eben auch von Männern erzählten. Deswegen finde ich es sehr aufregend, dass es jetzt so viele Filmemacherinnen gibt. Da gab es dieses Bedürfnis, eigene Geschichten zu erzählen, das so lange unterdrückt wurde und das jetzt explosionsartig seinen Weg sucht. Und das ist glaube ich wichtig für Body Horror, diese Wut und diese Lust, uns selbst auszudrücken.
Kommen wir zu deiner Geschichte zurück: Joan versucht, jemand anderes zu werden, was ganz offensichtlich der falsche Weg ist. Aber ist das nicht ein Stück weit normal, dass wir versuchen, uns dem anzupassen, was uns umgibt? Wo zieht man die Grenze zwischen einer normalen Anpassung und einer Selbstaufgabe?
Das ist eine großartige Frage. Ich denke, dass das eine Balance ist, die alle für sich selbst finden müssen. Denn das fühlt sich für alle anders an und es hängt auch immer davon ab, in welcher Phase man gerade ist. Ich war sieben, als ich mit meiner Familie nach Australien ausgewandert bin. Damals ging das sehr schnell für mich mit der Anpassung, sowohl was die Sprache angeht als auch die Gesellschaft. Jeder muss für sich einen Weg finden glücklich zu sein. Das gilt gerade auch für Menschen, die eine gemischte Ethnie haben. Die vielleicht nicht schwarz genug sind, um als schwarz durchzugehen, aber auch nicht weiß genug. Das ist es auch, was der Vater im Film sagt: „Du musst dein eigenes Amerika entdecken.“ Manchen gelingt das früher, vielleicht in ihren Zwanzigern. Andere brauchen dafür länger.
Was ist denn die Alternative, wenn man in einer Situation ist, in der man diskriminiert wird, und man nicht zu jemand anderem werden soll?
Das hängt auch von der Situation ab. Wenn mir das in der Öffentlichkeit passiert und mein Mann da ist oder meine Freunde, dann werde ich natürlich von ihnen unterstützt. Dann wirst du vielleicht auch von anderen unterstützt, die gerade da sind und mitbekommen, was passiert. Ich selbst versuche immer, mit anderen zu sprechen und sie vielleicht davon zu überzeugen, dass das falsch ist, was sie tun. Wenn jemand etwas Rassistisches sagt, weiß ich ja noch nicht, ob die Person tatsächlich rassistisch ist oder einfach nicht weiß, was sie da sagt. Du kannst natürlich nicht alle erziehen. Zumindest aber will ich sie damit konfrontieren. Das war nicht immer so, früher hätte ich mich das nicht getraut. Auch das ist wohl etwas, das mit dem Alter kommt.
Slanted war dein erster Film. Wie war die Erfahrung für dich?
Es war großartig! Natürlich war es auch eine Herausforderung, da wir kein großes Budget hatten. Wir mussten auch sehr schnell sein. Aber ich hatte ein tolles Team. Mir war es wichtig, mit einer asiatisch-amerikanischen Crew zu arbeiten, quer durch alle Gewerke hindurch: Kamera, Kostüme, Schnitt.
Und wie war das beim Cast? Wonach hast du gesucht, gerade bei deinen beiden Protagonistinnen?
Wir haben zuerst Shirley Chen verpflichtet, die die chinesische Joan spielt. Für die weiße Version war es wichtig, jemanden zu finden, der als dieselbe Person durchgehen könnte. Dass sie sich ähnlich bewegen, selbst wenn sie anders aussehen. Dafür haben wir sehr viel geprobt. Bei Mckenna Grace war ich schon immer ein großer Fan und wir haben uns zum Essen getroffen. Dabei wurde für mich schnell klar, dass sie die richtige ist.
Und nun meine letzte Frage: Wie geht es bei dir weiter, nachdem dein erster Film im Kasten ist?
Mein nächster Film soll Crescendo heißen und ist im Milieu von konkurrierenden Klavierspielern angesiedelt. Es ist ein psychosexueller Thriller, eine Art Mischung aus Black Swan, Amadeus und Alles über Eva. Ein Film, der viel mit Neid und Selbstsabotage arbeitet. Die Geschichte soll davon handeln, wie jemand in diesem Umfeld zusammenbricht.
Vielen Dank für das Interview!
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