
Der vierzehnjährige Daniel (Martin Loeb) lebt bei seiner Großmutter in einer kleinen französischen Gemeinde. Kurz nachdem er auf eine weiterführende Schule gewechselt ist, holt ihn seine Mutter (Ingrid Caven) zu sich nach Narbonne, einer Stadt im Südwesten Frankreichs. Dort lebt sie mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Landarbeiter José (Jacques Romain). Von einem Tag auf den anderen muss Daniel daher sein bisheriges Leben hinter sich lassen. Eigentlich gefällt ihm das überhaupt nicht, doch gegenüber seiner Mutter traut er sich weder zu widersprechen noch darum zu bitten, bei seiner Großmutter bleiben zu dürfen.
Die Umstellung ist für Daniel jedoch noch viel gravierender. Bereits nach wenigen Tagen eröffnet ihm seine Mutter, dass sie kein Geld habe, um ihn weiterhin zur Schule zu schicken, und er stattdessen arbeiten gehen müsse. Durch José bekommt Daniel eine Stelle als Mechaniker, doch die Arbeit langweilt ihn zunehmend.
Mehr noch als die eintönige Arbeit belastet Daniel jedoch, dass er kaum Freunde hat und sich von den anderen Menschen isoliert fühlt. Als er versucht, Kontakt zu Gleichaltrigen aufzunehmen, macht er seine ersten Erfahrungen mit dem Rauchen, mit Alkohol und natürlich mit dem anderen Geschlecht.
Eine schreckliche Zeit, durch die man hindurch muss.
Diskutiert man das Werk Jean Eustaches, erscheint Die Mama und die Hure wie ein Schlüsselwerk zum Verständnis des Filmemachers, aber auch der Generation nach der Nouvelle Vague. So zutreffend diese Einschätzung auch sein mag, ließe sie sich ebenso auf seinen nächsten Film Meine kleinen Geliebten übertragen. Nach den gemischten Reaktionen auf Die Mama und die Hure, der wegen seiner Perspektive auf Sexualität, Beziehungen und die 68er-Bewegung sogar als Skandalfilm galt, wollte Eustache mit Meine kleinen Geliebten nach eigener Aussage einen „Kinderfilm“ machen. Anders als die Produktionen aus dem Hause Walt Disney sollte sein Film jedoch deutlich mehr Tiefgang besitzen, wie er selbst erklärte.
Meine kleinen Geliebten ist allerdings kein Kinderfilm im traditionellen Sinne, sondern vielmehr ein Film über Kindheit und Jugend sowie den beginnenden Verlust von Unschuld. Zugleich bildet er eine zwingende Ergänzung zu Die Mama und die Hure, wenn man bedenkt, dass der dort gezeigte Prozess der Ernüchterung und Desillusionierung hier seinen Ausgangspunkt findet. Daniel ist Eustaches Gegenentwurf zu François Truffauts Antoine Doinel aus Sie küssten und sie schlugen ihn. Während Doinel zumindest bis zu einem gewissen Grad an Träume und Ideale glaubt, beobachten wir bei Daniel bereits den beginnenden Auflösungsprozess eben dieser Vorstellungen.
Jean Eustache hat die Kindheit einmal als eine Phase beschrieben, durch die man hindurch müsse. Er verglich sie mit dem Militärdienst und nannte sie „schrecklich“. Auch wenn man sich später nostalgisch an die schönen Momente erinnert, bleibt der Eindruck einer Zeit der Entbehrung, der Unfreiheit und des Verlusts der Unschuld. Der von Martin Loeb gespielte Daniel durchläuft die unterschiedlichen Stationen des Erwachsenwerdens, vor allem aber erlebt er den ständigen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung. Eigentlich möchte er lieber bei seiner Großmutter auf dem Land bleiben, doch der Wille seiner Mutter ist stärker. Auch die Schule möchte er nicht verlassen, weil er dort Freunde findet und etwas für sein späteres Leben lernen kann, doch erneut muss er sich dem Willen seiner Mutter beugen. Eustache erzählt von einem fremdbestimmten Leben, in dem der Protagonist mehr als einmal die sprichwörtliche Faust in der Tasche machen muss und schweigend mit ansehen muss, wie andere über seine Zukunft entscheiden. Später – in der Werkstatt oder im Café – wird diese Fremdbestimmung sein Leben prägen und den Grundstein für die Suche nach Idealen legen, die letztlich wiederum von anderen vorgegeben werden. Ob sie ihn tatsächlich glücklich machen, bleibt in Meine kleinen Geliebten ebenso fraglich wie später in Die Mama und die Hure.
„So musste man es also machen.“
Die emotionale und existenzielle Misere des Helden wird besonders deutlich, wenn man seine Beziehungen und seine Erfahrungen mit Sexualität betrachtet. Jean-Pierre Léauds Figur in Die Mama und die Hure muss sich zwischen zwei Frauen entscheiden, wobei seine Unentschlossenheit ihn dazu bringt, zwei Beziehungen gleichzeitig zu führen – keine davon mit Erfolg. Martin Loebs Daniel hingegen ist keineswegs unentschlossen, sondern bleibt aus Scham und Unerfahrenheit untätig. Auch die Sexualität erscheint als ein Lebensbereich, dessen Regeln von Instanzen bestimmt werden, die vermeintlich besser wissen, wie sie zu funktionieren hat, und sie als eine Art Kampf begreifen. Entsprechend irritierend und verstörend schildert Eustache Daniels erste Begegnungen mit Sexualität, etwa wenn in einem Zugabteil ihm gegenüber zwei Jungen und ein Mädchen miteinander Heavy Petting betreiben. Ebenso wenig wirkt der Anblick seiner Mutter und Josés, die sich eng umschlungen küssen, erotisch oder romantisch.
Bezeichnend für das Verständnis von Sexualität, das Meine kleinen Geliebten vermittelt, ist das bereits erwähnte Bild des Kampfes. „Greif sofort an. Sonst verlierst du“, erklärt ein Gleichaltriger Daniel die Liebe, die immer mehr zu einem Konkurrenzkampf wird. Dennoch bewahrt sich der junge Mann seine Illusionen zumindest teilweise. Ein schönes Mädchen möchte er lieber aus der Distanz betrachten, während zugleich der Einfluss jener Vorbilder spürbar wird, die ihn immer wieder dazu auffordern, „anzugreifen“.
Im Gegensatz zu den eher spröden Bildern von Die Mama und die Hure verfolgt Meine kleinen Geliebten einen anderen visuellen Ansatz. Kameramann Néstor Almendros und Regisseur Jean Eustache wechseln zwischen der klaustrophobischen Enge und Dunkelheit der Wohnung von Daniels Mutter und José sowie der romantischen Schönheit der südfranzösischen Landschaft, die besonders im letzten Drittel des Films immer wieder zur Geltung kommt. Diese Bildgestaltung unterstreicht die innere Zerrissenheit des jungen Helden zwischen Ideal und Realität – einem Konflikt, der sich wohl erst sehr viel später in seiner Entwicklung entscheiden wird.
OT: „Mes petites amoureuses“
Land: Frankreich
Jahr 1974
Regie: Jean Eustache
Drehbuch: Jean Eustache
Musik: Charles Trenet
Kamera: Néstor Almendros
Besetzung: Martin Loeb, Jacqueline Dufranne, Ingrid Caven, Dionys Mascolo, Henri Martinez, Maurice Pialat, Caroline Loeb
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)






