Everything Everywhere All At Once
© Leonine

Everything Everywhere All At Once

Everything Everywhere All At Once
„Everything Everywhere All At Once“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino) // 12. August 2022 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

So richtig toll läuft es bei Evelyn Wang (Michelle Yeoh) nicht gerade. Die Ehe mit ihrem Mann Waymond (Ke Huy Quan) kriselt schon seit Längerem. Zu ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu) findet sie keinen Draht mehr. Ihrem eigenen Vater (James Hong) konnte sie es ohnehin nie recht machen. Und dann auch noch das: Der Waschsalon der Familie bringt mehr Ärger als Geld, vor allem mit der Steuerbehörde. Wenn sie nicht irgendwie ihre Sachbearbeiterin Deirdre Beaubeirdra (Jamie Lee Curtis) auf ihre Seite ziehen kann, drohen sie alles zu verlieren, was sie sich im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Dass ihr Mann auf dem Weg zur Behörde plötzlich so komische Sachen von sich gibt und davon faselt, dass sie die Welt retten muss, kann sie daher absolut nicht gebrauchen. Doch dann stellt sie fest, dass hinter dem vermeintlichen Unsinn mehr steckt, als sie ahnte, und diese Welt einige Überraschungen für sie bereithält. Unter anderem die, dass sie nicht die einzige ist …

Parallelwelten mal anders

Ehre, wem Ehre gebührt: Mit ihrem Spielfilmdebüt Swiss Army Man schufen Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die zuvor vor allem als Regisseure von Musikvideos auf sich aufmerksam gemacht hatten, einen der seltsamsten Hollywood-Filme der 2010er. Die Art und Weise, wie sie aus dem morbiden Survivaltrip eines Mannes und einer Leiche, die sein bester Freund wird, eine warmherzige Selbstfindung machten, das muss man erst einmal schaffen. Umso größer war die Neugierde, was sie nach der exzentrischen Tragikomödie wohl als nächstes angehen würden. Die Wartezeit auf eine Antwort war lang, ganze sechs Jahre haben wir auf Everything Everywhere All At Once warten müssen. Doch sie war jede einzelne Minute wert. Mit der Geschichte um eine Frau, die plötzlich durch mehrere Parallelwelten stolpert, haben sie ein Werk geschaffen, das seinesgleichen sucht und inmitten eines tristen Jahres zu den schönsten Erfahrungen, die man in einem Kino machen kann.

Dabei ist das Konzept solcher Parallelwelten natürlich keines, das irgendwie neu wäre. Das Science-Fiction-Genre hat immer mal wieder auf dieses zurückgegriffen. Derzeit ist es vor allem der Bereich der Comic-Adaption, der sogenannte Multiversen für sich zu nutzen versucht, indem plötzlich alle Publikumslieblinge zusammen auf der Leinwand zu sehen sind, obwohl das eigentlich keinen Sinn ergibt. Spider-Man: No Way Home wurde dank dieser geballten Ladung Fanservice zum Milliardenerfolg. Mit Doctor Stange in the Multiverse of Madness und The Flash soll die Geldquelle noch ein bisschen mehr sprudeln. Das birgt schon ein wenig die Gefahr der Übersättigung. Ob Everything Everywhere All At Once gerade richtig oder falsch in die Kinos kommt, darüber kann man sich streiten. So oder so: Wirklich vergleichen kann man das Zweitwerk der Daniels nicht mit den Blockbuster-Varianten.

Ein Leben, viele verschiedene Möglichkeiten

Zum einen geht es hier nicht darum, verschiedene Figuren zusammenzuführen. Parallelwelten bedeutet hier vielmehr, dass es zahlreiche Versionen ein und derselben Figur gibt. Tatsächlich ist das Ensemble vergleichsweise klein. Der Film konzentriert sich vielmehr auf die Familienmitglieder und welche Wege sie in den verschiedenen Welten so eingeschlagen haben. Das ist dann auch eines der zentralen Themen in Everything Everywhere All At Once: Evelyn muss sich angesichts einer wenig beglückenden Gegenwart mit der Frage auseinandersetzen, was alles schief gegangen ist und was besser hätte laufen können. In bester was-wäre-wenn-Manier rast der Film durch Alternativszenarien, in denen die Protagonistin andere Entscheidungen getroffen und damit völlig andere Ergebnisse erzielt hat. Das bedeutet klar auch ein Bedauern, wenn die anderen Welten zumindest auf den ersten Blick so viel cooler und interessanter sind, aus der unscheinbaren Hausfrau sehr viel mehr wurde.

Diese Nachdenklichkeit wird jedoch mit einem wahnsinnigen Gute-Laune-Trip verknüpft. Nicht nur dass diese anderen Welten teilweise völlig bescheuert sind und plötzlich alles, wirklich alles möglich ist. Durch die Vermischung der verschiedenen Welten stolpert unsere Heldin wider Willen in eine absurde Situation nach der anderen. Zudem darf die frühere Martial-Arts-Ikone Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) auch richtig aktiv werden: Everything Everywhere All At Once spart nicht an Actionszenen. Die sind von der gleichen Absurdität wie die Welt und die Geschichte, wenn das Konzept von Waffen ständig neu geschrieben wird. Sie sind aber kein bloßer Quatsch, sondern Ausdruck echter Kampffertigkeit, wie man sie in US-amerikanischen Filmen heutzutage leider kaum noch sieht. Auch wenn hier und da natürlich tricktechnisch nachgeholfen wurde und das hier kaum als „echter“ Kampf durchgehen würde: Da wurde mit deutlich mehr Körperlichkeit und Liebe zur Kampfkunst gearbeitet – so wie der Film allgemein immer wieder eine Verneigung vor anderen Filmen darstellt.

Die Schönheit des Scheiterns

Da gibt es viel zu bewundern, viel zu schauen und zu staunen. Es gibt aber vor allem viel zu fühlen. Wo andere Filmschaffende den Irrsinn zum Selbstzweck machen, da ist er hier das Gerüst für eine Geschichte, die emotionaler kaum sein könnte. Vor allem die Beziehung zwischen Mutter und Tochter entfaltet mit der Zeit eine Wucht, neben der viele tatsächliche Dramen ganz klein und unpersönlich wirken. Themen wie Sinnkrisen bis hin zur Depression und das Gefühl, völlig im Leben versagt zu haben, die Angst vor Schmerzen und die Sehnsucht nach einer Welt, in der man nicht mehr Erwartungen entsprechen muss – der Kampf durch die Welten bedeutet einen Kampf mit sich selbst und den eigenen Abgründen. Dass dieser nicht immer erfolgreich ist, das werden die meisten insgeheim zugeben. Muss er aber auch nicht, so Kwan und Scheinert. Unterstützt von einem fabelhaften Ensemble, bei dem neben Yeoh auch Stephanie Hsu, Ke Huy Quan (Die Goonies) und Jamie Lee Curtis (Halloween) Glanzauftritte haben, machen sie Mut, sich all dem zu stellen, vor dem wir sonst gern davonlaufen. Zeigen die Schönheit des Scheiterns. Die kunterbunte Achterfahrt Everything Everywhere All At Once ist ein Film, den man sich anschaut, wenn nichts mehr in der Welt Sinn ergibt, weil er einen daran erinnert, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Credits

OT: „Everything Everywhere All At Once“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Musik: Son Lux
Kamera: Larkin Seiple
Besetzung: Michelle Yeoh, Stephanie Hsu, Ke Huy Quan, James Hong, Jamie Lee Curtis, Tallie Medel

Bilder

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Everything Everywhere All At Once
Fazit
„Everything Everywhere All At Once“ nimmt das im Science-Fiction-Bereich beliebte Konzept der Parallelwelt und macht daraus einen der schönsten und menschlichsten Filme, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Einfallsreiche Actionszenen und aberwitzige Szenarien treffen auf eine emotionale Geschichte über die Bedeutung von Familie, existenzielle Selbstzweifel bis hin zu Depressionen und darüber, was es heißt ein Mensch zu sein in einer Welt, die keinen Sinn ergibt – und auch nicht ergeben muss.
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