Inhalt / Kritik

Bloody Nose Empty Pockets

„Bloody Nose, Empty Pockets“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2021 (Kino)

Der Dokumentarfilm Bloody Nose, Empty Pockets der beiden Brüder Bill und Turner Ross begleitet die letzten 24 Stunden der Spelunke „Roaring 20s“ in Las Vegas. Die Kundschaft des Ladens setzt sich zusammen aus sympathisch-abgehalfterten Gestalten, die angesichts der bevorstehenden Schließung in Erinnerungen schwelgen und zugleich einer unsicheren Zukunft entgegenblicken. Mit einer großen Sympathie für die Protagonist*innen setzt der Film so der Kneipe und ihren Stammgästen ein filmisches Denkmal.

Die – für einen Dokumentarfilm – ungewöhnlich elaborierte Credit-Sequenz von Bloody Nose, Empty Pockets kommt sowohl visuell als auch durch den begleitenden Popsong daher wie der Vorspann einer TV-Soap aus den 70ern. Das ist mehr als passend, denn auch viele Stammgäste des „Roaring 20s“ machen den Eindruck, als säßen sie seit ca. 1975 ununterbrochen auf demselben Barhocker. Die Kneipe ist, wie alle guten Kneipen, eine quasi hermetisch abgedichtete Zeitkapsel. Die Außenwelt dringt, wenn überhaupt, nur mittels des durchgängig laufenden Fernsehers über der Theke durch; auf der Mattscheibe wechseln sich hirnzermarternde Gameshows mit Schwarz-Weiß-Hollywoodklassikern wie Misfits – Nicht Gesellschaftsfähig (1961) ab. Gerade dieser Titel ist geradezu programmatisch für den Lebenslauf der allermeisten Gäste des „Roaring 20s“.

Anlaufstelle für Außenseiter

Die Stammkundschaft besteht nämlich aus einer bunten Mischung von Außenseiter*innen. Es ist dabei (bis zum Schluss) ganz schwer zu sagen, ob es sich bei den gescheiterten Existenzen nun um verschrobene, aber liebenswerte „Originale“ handelt oder doch einfach um kaputte, abgehalfterte Alkoholiker*innen. Vermutlich stimmt einfach beides. Die Schließung der Bar steht unmittelbar bevor und alle Anwesenden sind ob dieser Perspektive natürlich besonders aufgekratzt. Der Film beginnt mit seiner Chronik der Ereignisse um 11 Uhr vormittags am letzten Tag der Bar. Zu dieser Uhrzeit sind nur die wirklich Hartgesottenen bereits vor Ort. So etwa der vielleicht 55-jährige Michael, der doch recht illusionslos auf sein bisheriges Leben zurückblickt: Er sei stolz darauf, kein Alkoholiker geworden zu sein, bevor er scheiterte, sondern erst danach. („I ruined my life sober. And then I came to you.“) Solche von Galgenhumor geprägten, tragikomischen Bonmots sind typisch für den Film und werden im Minutentakt rausgehauen. Als Antwort auf seinen Monolog erhält Michael vom abgeklärten Barkeeper entsprechend lakonisch die Replik: „Even Keith Richards wonders why you’re still alive.“

Für einige Stammgäste, wie etwa Michael, ist das „20s“ mehr als nur das sprichwörtliche zweite Wohnzimmer. Es ist das erste Wohnzimmer – und manchmal auch noch Küche und Schlafzimmer. Indes strahlt der Dokumentarfilm eine große Wärme und auch Sympathie für seine Protagonist*innen aus. Sie werden hier in keinster Weise vorgeführt oder ausgenutzt. Das gilt selbst für den Starkstromalkoholiker (© Heinz Strunk) Ira. Ira ist, zumindest an diesem Vormittag, ein völliges Wrack, bekommt aber plötzlich und unerwartet einen Anruf seines Chefs, der ihm bedeutet, dass er sofort zur Arbeit müsse. Nun weiß man wirklich nicht, ob man angesichts der Absurdität der Szene weinen oder lachen soll. Schicksalsergeben torkelt Ira von dannen. Ob er jemals an seinem Arbeitsplatz angekommen ist bzw. ob es diesen überhaupt gibt, wird für ewig ein Rätsel bleiben.

Achterbahn der Gefühle

Sanftmütige Zeug*innen dieser aberwitzigen Situationen sind die abgebrühte Barkeeperin, die nicht nur ihren jugendlichen Sohn, sondern auch eine ganze Horde Betrunkener im Zaum halten muss. Ihr kongenialer Gegenpart ist der unverwüstliche, bärtige Barkeeper, der stets gute Miene zum bösen Spiel macht. Und als der Bar-Barde später Crying von Roy Orbison auf der Akustikgitarre zum Besten gibt, haben nicht nur die Stammgäste Tränen in den Augen. Überhaupt ist der Film (so abgenutzt die Formulierung auch sein mag) eine Achterbahn der Gefühle, in der sich besoffene Rührung und falsche Nostalgie mit alkoholinduzierter Aggression, aber auch mit echter Liebe und Zuneigung in atemberaubenden Tempo die sprichwörtliche Klinke in die Hand geben.

Tatsächlich wirkt das Ganze wie eine WG bzw. wie eine perfekt gecastete Sitcom aus verschrobenen Exzentriker*innen. Da wäre etwa die ehemalige Sängerin Rikki, die trotz aller Rückschläge weder ihren Stolz noch ihre Würde verloren hat. Oder aber der (Vietnam-)Kriegsveteran, der von Flashbacks gequält wird und für den die Bar ist der einzige Ort ist, an dem er sich annähernd heimisch fühlt („This is home and you are my family.“). Mit diesem Gefühl ist er keineswegs allein. Im Gegenteil; die Bar füllt sich nach und nach und jeder Neuankömmling wird von den bereits Anwesenden gefeiert wie ein Star. Selbst ein paar junge Leute sind dabei; Gott weiß, wie und warum es sie an diesen Ort verschlagen hat. So gibt Michael, der quasi zum Inventar der Kneipe gehört, ihnen auch sogleich einen eindrücklichen Rat: „You gotta get out of here.“

„It was fun while it lasted“

Und in der Tat verstehen sich die Stammgäste bei aller internen Solidarität und aller Freude über die Anlaufstelle, die sie hier gefunden haben, in erster Linie als warnende Beispiele. Formulierungen wie „I’ve been here to long.“ sind immer wieder zu hören und für einige scheint die Schließung der Bar auch einen Neuanfang zu bedeuten – oder zumindest die Hoffnung auf einen solchen. Assoziationen zum Werk Heinz Strunks und insbesondere zu Der Goldene Handschuh werden wach; auch hier schaffen es die tragischen Held*innen nicht, dem ewigen Teufelskreis des Suffs zu entkommen. Erstaunlich an Bloody Nose, Empty Pockets ist indes, wie natürlich alles wirkt, obwohl die ganze Zeit eine Kamera anwesend ist. Die Tatsache, dass man hier einen Film schaut, hat man auch als Zuschauer*in praktisch sofort vergessen. Es wirkt, als wäre man nicht nur selbst in der Bar, sondern als sei man dort auch schon immer gewesen.

Irgendwann, spät nach Mitternacht, gibt es dann draußen vor der Bar – man hat zu diesem Zeitpunkt beinahe vergessen, dass es ja auch noch eine Welt da draußen gibt – noch ein letztes Feuerwerk und einen letzten Tanz vor der unausweichlichen Ernüchterung und Katerstimmung. Einzig Michael bleibt in der Bar zurück. Er ist in diesem Moment nicht nur allein im Raum, sondern der einzige Mensch auf der ganzen Welt. Das Ende (sowohl des Films als auch des „20s“) ist kein lauter Knall, sondern ein stiller Abschied.

Credits

OT: „Bloody Nose, Empty Pockets“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Bill Ross IV, Turner Ross
Musik: Casey Wayne McAllister
Kamera: Bill Ross IV, Turner Ross
Mitwirkende: Michael Martin, Cheryl Fink, Shay Walker, John Nerichow, Lowell Landes

Bilder

Trailer

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Bloody Nose, Empty Pockets
„Bloody Nose, Empty Pockets“ zeigt, wie kraftvoll ein Dokumentarfilm sein kann, wenn er sich ganz auf die Stärke seines Sujets und seiner Protagonist*innen verlässt. So gerät der letzte Tag im Leben der Bar „Roaring 20s“ zum Zeitdokument, das die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen abdeckt. Am Ende des Films fühlt man sich wie nach einer langen, verrückten und durchzechten Nacht mit alten Freund*innen.
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Über den Autor

Eine Antwort

  1. Dorothee

    Nur Schade, dass die Bar Roaring 20th weder in Las Vegas noch geschlossen ist. Und alle Leute in der Bar gecastet sind. Sehr seltsam für eine Dokumentation, oder nicht?

    Antworten

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