
Als sich 2007 abzeichnete, dass die Immobilienblase in den USA platzen würde, war der Grundstein für eine globale Wirtschaftskrise gelegt. Unzählige Reportagen, Dokumentationen und Leitartikel später wissen wir, dass das Fehlen jeglicher Kontrollmechanismen eine der Hauptursachen war. Anstatt die Zeichen der Zeit zu lesen, wurde einfach weiter gehandelt und in Luftschlösser investiert, was zum Fall von Banken führte und zu Geldsummen, die schließlich vom Staat aufgefangen werden mussten. Nun, fast zwanzig Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, erleben wir, dass sich nicht viel geändert hat – zumindest nicht für jene, die die Krise eigentlich hätten verhindern können. Stattdessen gab es einzelne Sündenböcke, die an den Pranger gestellt wurden, oder groß angelegte Ablenkungsmanöver, die sich schnell neuen Schlagzeilen zuwandten. Der Fall Kweku Adobolis ist ein Beispiel für diese Taktiken – und seine Geschichte zeigt mehr als deutlich, warum ein ohnehin schon fehlerhaftes System vor allem gegen seine Teile vorgeht, bevor es die Schuld bei sich selbst sucht. Adoboli stand im Zentrum des „UBS-Rogue-Trader-Skandals“. Seitens seines damaligen Arbeitgebers, der Schweizer Bank UBS, wurde ihm vorgeworfen, durch unautorisierte Geschäfte rund 2 Milliarden US-Dollar Verlust verursacht zu haben. In einem langwierigen Prozess wurde seine Schuld festgestellt, sodass er für sieben Jahre ins Gefängnis musste und – als wäre dies nicht schon genug – schließlich nach Ghana abgeschoben wurde. Seine Geschichte ist jedoch nicht nur tragisch, sondern auch erhellend, wenn man sie vor dem Hintergrund der Frage nach individueller Schuld und dem Versagen eines Systems betrachtet. In ihrer Dokumentation The Narrative, die auf dem DOK.fest München 2026 zu sehen ist, erzählen die Regisseure Bernard Weber und Martin Schilt die faszinierende Geschichte Adobolis. Angefangen bei seiner Verhaftung zeigen sie teils durch Interviews mit ihm und seinen Freunden sowie durch nachgestellte Szenen, wie sich sein Leben durch den Prozess und die Verurteilung veränderte. Durch sein Schicksal wird der Zuschauer noch einmal an die Zeit der Wirtschaftskrise erinnert sowie an die Rolle des Einzelnen innerhalb eines Systems, das eine Zocker-Mentalität belohnt, solange diese ihm Profit und Macht einbringt. Wie der Titel schon andeutet, ist es auch eine Dokumentation über einen Mann, der versucht, die Kontrolle über das Narrativ seines Lebens wiederzugewinnen. Ein Zuschauer des eigenen Lebens Während der Interviews erleben wir Adoboli in verschiedenen emotionalen Stadien. Teils scheint er selbst nicht zu fassen, was ihm widerfahren ist, und er wischt sich den Schweiß von der Stirn oder blickt betreten zu Boden. Manchmal lacht er angesichts der Absurdität der Ereignisse oder über seine damalige Naivität, während er an anderer Stelle erschöpft wirkt – wie jemand, der schon alle Tränen vergossen hat. Er ist ein faszinierender Erzähler, weil er sich nicht vor der Schuldfrage scheut und sogar Beispiele dafür gibt, wie er sich schuldig gemacht hat. Der Unterschied ist jedoch, dass er dies zugibt und man ihm keine Worte in den Mund legt oder ein Bild von ihm erzeugt, das ihn als den einzig Schuldigen darstellt. Durch das Zusammenspiel von Interviews, nachgestellten Szenen und privaten Momenten erleben wir einen geläuterten Menschen, der keine Illusionen mehr über die Welt hat und die Kontrolle über sein Lebensnarrativ zurückgewinnen will. Adoboli erzählt, um wieder ins Leben zurückzukehren und die Fremdbestimmung abzulegen. Neben der persönlichen Ebene gibt es in The Narrative auch eine globale Perspektive. Journalisten und Autoren wie Afua Hirsch oder Sebastian Borger ordnen den Fall ein, bewerten ihn und eröffnen dem Zuschauer einen Blick auf UBS als Sinnbild für ein System, das kaum Kontrollen auferlegt und seine Mitglieder als Arbeiterbienen betrachtet, deren Arbeitskraft bis zur Erschöpfung ausgeschöpft wird. Die sich wiederholenden Aufnahmen aus der Londoner U-Bahn und den hektischen Straßen der britischen Metropole betonen das Tempo eines Lebens, das Adoboli nun hinter sich gelassen hat. Für das Privileg, die „Maschine zu fühlen“ und den Finanzmarkt mitgestalten zu können, erlebte er einen Kontrollverlust über seine Zeit, seine Arbeitskraft und schließlich über das Narrativ seines eigenen Lebens. OT: „The Narrative“ DOK.fest München 2026 Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: Schweiz
Jahr: 2026
Regie: Bernard Weber, Martin Schilt
Drehbuch: Bernard Weber, Martin Schilt, Ben Hopkins
Kamera: Sergio Cassini, Ramón Giger
Musik: Fabian Römer
Solothurner Filmtage 2026
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