Bekannt, aber doch anders: In Berlin Alexanderplatz nimmt Regisseur und Co-Autor Burhan Qurbani das berühmte Buch von Alfred Döblin, verlegt es jedoch in die Gegenwart und macht aus dem urdeutschen Franz Biberkopf den Flüchtling Francis (Welket Bungué). Der begegnet eines Tages dem Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch), der ihm ein besseres Leben verspricht, sofern er für ihn arbeitet. Francis lässt sich darauf ein und wird dadurch in die verführerische, böse Welt Reinholds hineingezogen, verliert in dieser dafür zunehmend den Halt. Nachdem das Drama auf der Berlinale 2020 Weltpremiere hatte, läuft es am 16. Juli 2020 im Kino an. Das haben wir zum Anlass genommen, um mit dem Filmemacher über sein Werk und die damit verbundenen Herausforderungen zu reden, aber auch eine Welt, die von Rassismus und Vorurteilen geprägt ist.

Seit deinem letzten Film Wir sind jung. Wir sind stark. sind mehr als fünf Jahre vergangen. Warum hat es so lange gedauert, bis wir etwas Neues von dir sehen durften? Hast du parallel noch an etwas anderem gearbeitet?
Ich habe während dieser Zeit tatsächlich nur an Berlin Alexanderplatz gearbeitet und muss gestehen, ein extrem schlechter Multitasker zu sein. Ich hatte das Glück und die Möglichkeit, wirklich sehr intensiv an dem Buch zu arbeiten, weil das auch einfach ein Monster ist, das gebändigt werden will. Tatsächlich haben wir schon vor Wir sind jung. Wir sind stark daran gearbeitet. Die Arbeit an dem Buch ging auch bis zum letzten Drehtag, weil wir eine Balance finden mussten: Wie können wir gleichzeitig der literarischen Vorlage gerecht werden und uns doch davon freischwimmen? Und wie kriegen wir das in Spielfilmlänge hin, selbst wenn der Film Überlänge hat? Das ist bei so einem Stoff nicht einfach, zumal die Erwartungen von außen auch so hoch sind. Man liest das Buch immer mit dem Zuschauer im Hinterkopf, der das Buch gelesen und im Zweifel die Adaption von Fassbinder gesehen hat. Davon mussten wir uns lösen und nicht Döblins Wahrheit oder die von Fassbinder suchen, sondern unsere eigene.

Und wie lief es mit der Besetzung?
Den richtigen Cast zu finden war auch nicht einfach, stimmt. Es war mir zwar relativ schnell klar, dass ich mit Jella Haase arbeiten will. Dann kam Albrecht Schuch dazu. Doch danach hat es lange gedauert, bis wir Welket Bungué gefunden haben, weil wir wussten: Der Film steht und fällt mit der Besetzung von Franz Biberkopf. Zwei Jahre lang hat unsere Casterin Suse Marquardt überall gesucht, um den perfekten Schauspieler zu finden. Zuerst haben wir noch den Ansatz verfolgt, mit einem Laienschauspieler zu arbeiten, um möglichst authentisch zu bleiben. Aber das konnten wir keinem antun, durch so viele Gefühle zu gehen, wie es die Rolle erfordert, ohne dafür ausgebildet zu sein. Da hätte es eine psychologische Betreuung gebraucht. Am Ende sind wir ganz zufällig auf Welket gestoßen, weil sein Film Joaquim im Wettbewerb der Berlinale lief. Er entsprach zwar nicht meinem Bild, das ich von Franz hatte, weil ich möglichst nahe am Buch bleiben wollte: ein grober Mann in seinen 40ern. Dafür hat er aber diesen Funken mitgebracht, den wir gesucht haben. Eine Energie, die man noch durch die Kamera spürte.

Warum wolltest du das Buch überhaupt verfilmen, wenn du schon sagst, dass es ein Monster ist und diese ganzen Vergleiche provoziert? Was macht es für dich so aktuell, dass du das alles auf dich genommen hast?
Karrieremäßig habe ich das damals schon als suizidal empfunden, mich mit einer solchen Vorlage in den Ring zu begeben. Das war sehr gefährlich, weil man damit grandios scheitern kann. Aber ich habe dieses Buch ein Leben lang mit mir herumgetragen. Mit 16/17 habe ich es das erste Mal gelesen, später habe ich mein Abitur dazu gemacht und das komplett gegen die Wand gefahren. Es war immer mehr eine Hass- als eine Liebesbeziehung. Aber wenn man in seiner psychosexuellen Prägezeit eine derart intensive Erfahrung mit einem Buch hat, dann bleibt einem das. Gleichzeitig bin ich für mein Studium nach Berlin gezogen und relativ früh bei der Hasenheide gelandet. Dort habe ich immer wieder diese Communities von Schwarzen im Park gesehen. Auf der einen Seite habe ich mich gefragt, wer diese Jungs sind und warum sie dort Drogen verkaufen. Auf der anderen Seite hat mich geärgert, dass für viele dieses Bild des schwarzen Drogendealers im Park etwas sein wird, das sie ihr Leben lang mit der Hautfarbe verbinden werden. Deswegen wollte ich einen Film machen, der diese Jungs rausholt aus dieser stigmatisierten Anonymität. Es sollte aber kein normales Sozialdrama um Flüchtlinge werden, das wäre zu leicht untergegangen. Irgendwann hat es Klick gemacht: Was wenn Franz Biberkopf einer dieser Jungs wäre? Wenn wir ein Buch nehmen, das ein wichtiger Teil des Bildungsbürgerskanons ist, und es mit einem der Jungs besetzen, dann kann man das nicht ignorieren. Dann musst du dich damit auseinandersetzen, mit diesen Rollen und der Stigmatisierung.

Francis scheitert dabei, sich von dieser Stigmatisierung zu lösen und landet dann doch in der Kriminalität. Haben Flüchtlinge überhaupt die Chance, dieses normale, schöne Leben zu führen, das er sucht?
Ich bin selbst das Kind von Flüchtlingen, die es geschafft haben. Es geht also schon. Das ist auch etwas, das ich der Gesellschaft zugutehalten muss: Meine Eltern sind innerhalb von einer Generation von zwei Menschen, die mit zwei Koffern am Frankfurter Flughafen gelandet sind, in die Mittelschicht gekommen. Da waren vielleicht auch glückliche Umstände dabei, die das möglich gemacht haben. Und natürlich gibt es strukturellen Rassismus, der Menschen in die Situation von Francis hineindrängen kann, vor allem, da er ein „illegaler“ Flüchtling ist. Ohne Pass und ohne Nation hat er nur wenig Möglichkeiten. Da ist es schon verführerisch, wenn jemand wie Reinhold ins Heim kommt und dir den deutschen Traum verkauft: Auto, Wohnung, Freundin, Job. Es geht also vor allem um die Verführbarkeit in der Situation der Ausweglosigkeit.

Daran anschließend die Frage: Muss man böse sein, um sich in dieser Welt behaupten zu können?
Das ist ja die große Aussage von Reinhold, der zu Francis sagt: Du kannst nicht gut sein in einer Welt, die böse ist. Mit Albrecht hatte ich die Abmachung getroffen, dass seine Figur in dem Film nie lügt. Das was Reinhold sagt, ist eine Version der Wahrheit. In einer Welt, die amoralisch und korrupt ist, ebenso amoralisch und korrupt sein zu müssen, das ist ein Modell. Das andere Modell ist das von Mieze: „Ich sehe dich. Ich liebe dich. Ich verzeihe dir. Du kannst bei mir ankommen.“ Das sind die beiden entgegengesetzten Kräfte des Films. Meine eigene Antwort auf deine Frage ist, dass man nicht böse sein muss, um in einer bösen Welt zu überstehen. Es ist aber sicher der einfachere Weg.

Berlin Alexanderplatz 2020

Eine unheilvolle Begegnung Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch) nimmt den Flüchtling Francis (Welket Bungué) unter seine Fittiche (© 2019 eOne Germany)

Francis lässt sich zu diesem Bösen dann auch verführen. Und doch ist es schwierig, ihn als bösen Menschen zu sehen. Was macht in deinen Augen einen bösen Menschen aus: Was er tut oder was er denkt?
Das ist eine Frage, über die viel gestritten wird. Ich bin glaube ich auch nicht Philosoph genug, um das mit einer Endgültigkeit beantworten zu können. Sehen kann ich natürlich nur das Handeln. Wenn sich Nike beispielsweise der Black Lives Matter Bewegung annimmt und etwas tut, dann weiß ich natürlich, dass da ein Profitgedanke dahintersteckt. Aber es führt doch zu etwas Gutem. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die keine Wut und keinen Rassismus in sich haben, die aber nichts dagegen tun. Wer bin ich, da zu beurteilen, wer jetzt davon gut ist und wer nicht?

Als wir uns vor fünf Jahren getroffen haben, um über Wir sind jung. Wir sind stark zu reden, hatten wir auch schon die Themen Flüchtlinge und Rassismus. Frustriert es dich, dass wir fünf Jahre später praktisch dasselbe Gespräch wieder führen könnten?
Es ist tatsächlich eher ein Ansporn weiterzumachen. Solange das Thema ein aktuelles ist, muss man es eben bearbeiten. Wenn ich die Möglichkeit habe, über Filme und Geschichtenerzählen mitzuhelfen und eine Sensibilität zu erzeugen, den Menschen auch die Gelegenheit zu geben, in eine Welt hineinzuschauen, die sie nicht kennen, dann nutze ich die. Vielleicht ist das Problem, das wir mit Rassismus in unserer Gesellschaft haben, nicht die Tatsache, dass wir alle Rassisten sind, sondern dass wir nicht genug Empathie und Einblick haben in Welten, die wir nicht kennen. Meine Aufgabe als Filmemacher sehe ich deshalb auch darin, diesen Perspektivwechsel zu ermöglichen, neugierig zu machen und Fragen zu stellen, damit das Publikum mit einem neuen Blick aus dem Kino kommt.

Du hast Black Lives Matter schon angesprochen, derzeit wird auf der ganzen Welt wieder sehr stark über Rassismus gesprochen und die Notwendigkeit, dass sich etwas ändert. Hast du das Gefühl, dass sich dieses Mal etwas ändern wird?
Die Menschen haben gerade durch Covid 19 etwas kollektiv erlebt, das sie weltweit betroffen hat, als eine gemeinsame Erfahrung, wie es sie vorher in dem Umfang nicht gegeben hat: Isolation, Angst, aber auch Solidarität. Und ich glaube schon, dass das den Blick für den anderen geweitet hat. Diese Solidarität, die ich derzeit überall spüre, und die globale Bewegung machen mir Hoffnung, dass diese erfahrene Grundsensibilisierung sich jetzt auch weiterträgt. Ich habe noch nie so bewusst konsumiert, wie im Moment, egal ob nun Mediencontent oder Nahrung. Und ich hoffe, dass wir nicht so schnell wieder in diese Bequemlichkeit des Alltags zurück verfallen werden. Es dürfte auch das erste Mal sein, dass die Digital Natives, also die Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, diese Verbindung für sich nutzen und spüren. Und das lässt mich positiv in die Zukunft blicken.

Burhan Qurbani 2

© Malik Vitthal

Zur Person
Burhan Qurbani ist ein deutsch-afghanischer Filmregisseur und Drehbuchautor. 2010 kam sein erster Film Shahada über drei Menschen mit Migrationshintergrund in die Kinos. 2015 folgte sein zweites Werk Wir sind jung. Wir sind stark über die Anschläge aus dem Sommer 1992 auf ein Asylantenwohnheim in Rostock auf. Sein dritter Film Berlin Alexanderplatz, eine freie Adaption des gleichnamigen Buches, lief im Wettbewerb der Berlinale 2020.



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Burhan Qurbani [Interview 2020]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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