
Étienne (Alexis Manenti) ist es gewohnt, als Lkw-Fahrer groß herumzukommen. Ständig ist er auf der Straße unterwegs, fährt dabei quer durch Europa. Anderen Menschen begegnet er unterwegs natürlich schon, gerade auch anderen Fahrern und Fahrerinnen. Sonderlich nahe kommt man sich dabei aber nicht, das will Étienne auch gar nicht. Das ändert sich erst, als er Bartosz (Julian Świeżewski) über den Weg läuft, einem polnischen Kollegen. Schnell fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, es kommt zu einem ersten sexuellen Kontakt. Doch dabei soll es nicht bleiben, die beiden versuchen, sich wiederzusehen und vielleicht etwas aufzubauen. Nur wie soll das funktionieren, wenn beide ständig unterwegs sind und es keinen gemeinsamen Ort gibt?
Ein Leben auf Distanz
Es gibt Berufe, für die man wohl geboren sein muss, um sie ausüben zu können. Dazu zählt auch der des Fernfahrers bzw. der Fernfahrerin. Nicht nur, dass man dauernd unterwegs ist und sich von der Idee eines geregelten Arbeitsalltags verabschieden muss. Im Gegensatz zu anderen Berufen, die mit solchen Transporten zu tun haben – beispielsweise im Flugzeug oder in einer Bahn – gibt es zudem kaum zwischenmenschliche Kontakte. Man kann da stundenlang unterwegs sein, ohne jemanden zu sehen oder zu sprechen. Flesh & Fuel zeigt diesen Beruf, gibt einem Einblicke in die Abläufe, vermittelt vor allem aber auch einen Eindruck, wie sich so etwas anfühlt. Immer wieder sind wir hier unterwegs, sehen nichts als die Straße, verlieren uns in Routinen.
Anders als aber etwa das englische Sozialdrama Sorry We Missed You, in dessen Mittelpunkt ein Kurierfahrer stand, ist der französische Film keine Abrechnung mit dem Kapitalismus und einem menschenverachtenden System. Étienne scheint auch nicht wirklich unter der Situation zu leiden. Zwar wird nicht ganz klar, ob der Protagonist schon immer ein eher unnahbarer Typ Mensch war oder ob er durch seine Arbeit so wurde. Aber er hat sich mit all dem arrangiert. Flesh & Fuel beobachtet dieses Leben nüchtern, ist immer nah dran an dem Protagonisten und doch aus einer gewissen Distanz heraus erzählt. Über weite Strecken könnte man dabei meinen, es mit einem Dokumentarfilm zu tun zu haben. Das wird nicht allen gefallen. Manchen könnte das Werk zu langweilig sein, zumal das hier sicher kein handlungsgetriebener Film ist. Zwischendurch passiert da nicht viel.
Liebe oder nicht?
Etwas aufgerüttelt wird das Geschehen durch die zweite Hauptfigur, wenn sich zwei Männer finden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Zwar sind Étienne und Bartosz von ihrer Art her unterschiedlich: Ersterer ist reservierter, der andere lebensfreudiger. Doch Flesh & Fuel lässt ihnen gar nicht die Gelegenheit wirklich herauszufinden, ob sie zueinander passen. Dafür reicht die gemeinsame Zeit nicht aus. Daraus hätte man ein großes tragisches Drama machen können über eine verpasste Chance und wie zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, sich doch verpassen. Regisseur und Co-Autor Pierre Le Gall hält sich jedoch auch in dieser Hinsicht zurück, bleibt hier ebenso wie bei dem etwas unbeholfenen Sex vor allem beobachtend.
Doch eben das macht den Film so sehenswert. Das naturalistische Drama, welches 2026 in der Semaine de la Critique in Cannes Weltpremiere feierte, gibt einen ungeschönten Einblick in das Leben zweier Menschen, deren Wege sich kreuzen. Flesh & Fuel ist kein Liebesfilm, bei dem das Publikum schmachten oder mitfiebern soll. Vielleicht spielt es nicht einmal eine wirkliche Rolle, ob die beiden ein Paar werden und den Umständen trotzen. Dass sie homosexuell sind, wird auch nicht weiter thematisiert. Das heißt aber nicht, dass Le Gall seine Figuren egal sind. Er begegnet ihnen mit viel Einfühlungsvermögen und zeigt uns die Welt aus ihrer Perspektive. Am Ende ist das hier keine besondere Geschichte, sondern ein bloßer Ausschnitt. Aber dieser ist so präzise und dabei auch stark gespielt von dem Duo, dass das eben doch ein besonderer Film ist, der nicht ohne Grund auf mehreren Festivals zu sehen war.
OT: „Du Fioul dans les artères“
Land: Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Pierre Le Gall
Drehbuch: Pierre Le Gall, Camille Perton, Martin Drouot
Musik: Paul Sabin
Kamera: Antoine Cormier
Besetzung: Alexis Manenti, Julian Świeżewski, Armindo Alves de Sa, Julie Duclos, Bernard Dereyne
Cannes 2026
Zurich Film Festival 2026
queerfilmfestival 2026
QFFM 2026
Internationales Filmfestival Mannheim Heidelberg 2026
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