
In einer Gasse der Altstadt von Palermo betreiben Massimo Milani und Gino Campanella einen kleinen Laden für Lederwaren. Doch wer das Geschäft namens Quir betritt, will nicht unbedingt etwas kaufen. Hier wird geredet, gestritten, gelacht und manchmal auch Trost gesucht. Massimo und Gino sind seit Jahrzehnten ein Paar und für viele Menschen ihres Umfelds wichtige Bezugspersonen. Zu den Besuchern gehören der Sänger und Bühnenkünstler Ernesto Tomasini, die junge trans Frau Vivian Bellina und Charly Abbadessa, der auf ein langes Leben zwischen Italien und den USA zurückblickt. Dokumentarfilmer Nicola Bellucci begleitet sie in seinem Film Quir – A Palermo Love Story im Laden und darüber hinaus, lässt sie aus ihrem Alltag erzählen und gibt ihnen Raum für musikalische und theatrale Auftritte. Nach und nach entsteht ein Bild von Beziehungen, Erinnerungen, Verlusten und der Suche nach einem selbstbestimmten Leben.
Die leisen Töne hinter dem lauten Auftritt
Massimo Milani ist laut, schlagfertig und nimmt kein Blatt vor den Mund. Gino dagegen ist der ruhigere von beiden. Was allerdings nicht bedeutet, dass er seinem Partner alles durchgehen lässt. Wenn er widerspricht, dann ohne großes Theater, aber durchaus bestimmt. Solche Momente erzählen mehr über ihre Beziehung als jede Liebeserklärung. Die beiden sind einander vertraut, und hinter den kleinen Reibereien steckt jede Menge Zuneigung.
Bellucci reduziert sie nicht auf ihre Bedeutung für die queere Bewegung Italiens. Ihr Engagement spielt eine Rolle, aber zuerst zeigt er zwei Menschen mit Eigenheiten und einer gemeinsamen Geschichte. Der kleine Laden ist dafür ein idealer Schauplatz. Allerdings bildet nicht das Geschäft das eigentliche Zentrum des Films, sondern das Paar, das diesen Ort mit Leben füllt.
Ein klassischer Spannungsbogen entsteht daraus nicht. Wozu auch? Der Film funktioniert nicht über die Frage, was als Nächstes passieren wird. Interessanter ist, wer als Nächstes zur Tür hereinkommt – und was sich hinter dessen Auftreten verbirgt.
Mehr als ein großer Auftritt
Ernesto Tomasini ist auf der Bühne eine Erscheinung, im Privaten aber auch ein Sohn, der sich um seine Mutter kümmert. Vivian Bellina sucht ihren Weg in einer Umgebung, in der sie nicht immer auf Verständnis stößt. Und Charly Abbadessa bringt mit seinen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten einen ganz anderen Ton in den Film. Bellucci gesteht jedem von ihnen ein eigenes Kapitel zu, ohne dass die Erzählung dadurch in voneinander getrennte Kurzporträts zerfällt. Die Geschichten ergänzen sich, erzählen auf unterschiedliche Weise von ähnlichen Sehnsüchten und Ängsten.
Besonders schön ist, dass der Regisseur die Lust seiner Figuren an der Selbstdarstellung nicht einfach nur abfilmt. Gesang, theatralische Gesten und bewusst inszenierte Bilder werden zu einem Teil ihrer Porträts. Das fügt sich mühelos in die Alltagsszenen. Gerade wenn die Menschen eine Rolle spielen, erfährt man besonders viel über sie. Die Inszenierung verdeckt hier nichts, sie legt etwas frei.
Auch die Montage findet für dieses Nebeneinander aus Gesprächen, Begegnungen und Auftritten einen geschmeidigen Rhythmus. Die Kamera lässt den Gesichtern ebenso Raum wie dem bunten, manchmal überbordenden Treiben ringsum. Das ist ein Film, der sich gerne Zeit für seine Menschen nimmt, ohne ihnen ständig eine Bedeutung aufzuzwingen.
Ein ziemlich politisches Vergnügen
Ein Film über queeres Leben auf Sizilien könnte vor allem von Diskriminierung und Ablehnung erzählen. Beides wird nicht verschwiegen, bestimmt aber eben nicht alles. Quir interessiert sich genauso für Witz, Eigensinn, Zärtlichkeit und die Freude daran, sich von anderen keine Lebensweise vorschreiben zu lassen. Das Politische ergibt sich daraus von selbst: Wer sein Leben selbst bestimmt und anderen dabei hilft, setzt bereits ein Zeichen.
Das heißt nicht, dass Bellucci seine Protagonisten oder Palermo romantisiert. Verletzlichkeit, Einsamkeit, Alter und Abschied gehören selbstverständlich zu diesen Biografien. Gerade das Nebeneinander von ausgelassenen und stillen Momenten bewahrt den Film vor dem Eindruck einer allzu fröhlichen Werbebroschüre für Toleranz. Vielleicht bleibt das große gesellschaftliche Panorama hinter diesen sehr persönlichen Geschichten ein wenig zurück. Doch ausgerechnet ihre Nähe verleiht dem Film seine Überzeugungskraft. Am Ende hat man nicht nur liebenswerte Menschen kennengelernt, sondern auch etwas darüber erfahren, wie Gemeinschaft entsteht und was es kosten kann, sich selbst treu zu bleiben.
OT: „Quir“
Land: Schweiz
Jahr: 2024
Regie: Nicola Bellucci
Drehbuch: Nicola Bellucci
Musik: Roberto Lobbe Procaccini
Kamera: Pierre Mennel
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