Kritik

Sorry We Missed You

„Sorry We Missed You“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (Kino)

Seit der Finanzkrise von 2008 kämpft sich Familie Turner nur noch mühsam durchs Leben. Während Abbie (Debbie Honeywood) als Pflegekraft alte Menschen betreut und so den ganzen Tag unterwegs ist, hangelt sich Ricky (Kris Hitchen) von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten. Doch das soll jetzt endlich ein Ende haben, als Franchisenehmer will er in Zukunft Pakete ausliefern und auf diese Weise den Berg Schulden abtragen. Tatsächlich kommt endlich wieder etwas Geld ins Haus. Dafür ist der Job hart, Ricky ist kaum noch zu Hause, immer häufiger sind die beiden Kinder Seb (Rhys Stone) und Liza (Katie Proctor) auf sich allein gestellt. Dabei könnte vor allem der rebellierende Seb gerade ein bisschen mehr Halt gebrauchen …

Seit mehr als fünf Jahrzehnten steht Ken Loach (Ich, Daniel Blake) nun schon hinter der Kamera und hat sich in der Zeit als die Stimme schlechthin etabliert, welche Leben und Leid der kleinen Leute in Großbritannien aufzeigt. Die Themen scheinen ihm dabei auch nicht auszugehen. Obwohl der englische Regisseur eigentlich schon 2014 seinen Rücktritt ankündigte, filmt er munter weiter, mehr als 50 Spiel- und Dokumentarfilme hat er inzwischen im Kasten. Der ungebremste Eifer ist verständlich. Die schon früh von ihm beobachteten sozialen Missstände werden ja nicht weniger, die Schere zwischen arm und reich hingegen immer größer – zumal es mittlerweile auch die erodierende Mittelschicht erwischt hat.

Zwei Berufe zum Abgewöhnen
Sorry We Missed You erzählt von so einer Mittelschicht-Familie, bei der alles eigentlich ganz normal lief, bis die Umstände sich radikal veränderten. Dass die Finanzkrise vor allem die einfachen Menschen traf, weniger die gut abgesicherten Machthaber da oben, das ist hinlänglich bekannt. Viele wurden in eine Abwärtsspirale hineingezogen, aus der sie kaum mehr herausfanden. Bei den Turners bedeutete das: der Traum vom Eigenheim ist geplatzt, die Schulden steigen, Arbeit wird immer weniger. Das ist alles klassisches Loach-Material. Sein neuer Film veranschaulicht diese allgemeine Misere, indem er zwei Berufe genauer vorstellt, die besonders anfällig sind für Ausbeutung: Pflege und Pakete.

Dass es um den ersten nicht gut bestellt ist, das hat sich auch in Deutschland rumgesprochen. Immer wieder wird betont, dass dieser harte, unterbezahlte und dabei so wichtige Bereich dringend aufgewertet werden muss. Mehr Augen dürfte hingegen der Einblick in die Paketdienstbranche öffnen. Deren Fahrer werden zu Buhmännern, die Waren nicht pünktlich austragen, verschlampen, für sich behalten oder zu faul sind, auch mal ein paar Stufen zu gehen. Sorry We Missed You zeigt nun, wie schwierig die Arbeitsbedingungen sind, wie unwürdig: Der Zeitrahmen ist pro Auslieferung so knapp bemessen, dass nicht einmal Zeit für einen Toilettengang reicht, schon nach zwei Minuten Pause der elektronische Helfer nervös zu piepen anfängt.

Der unspektakuläre Einstieg in die Katastrophe
Loach nimmt sich ausführlich Zeit dafür, beide Berufe vorzustellen, anhand vieler kleiner unzusammenhängender Szenen. Mal findet Ricky keinen Parkplatz oder gerät in einen Konflikt mit einem Kunden, bei den Abbie-Episoden menschelt es hingegen sehr, wenn wir eine Reihe von Einzelschicksalen zu sehen bekommen, von alten Leuten, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Das hat weniger einen Spannungsbogen, dient eher dazu, einen möglichst realistischen Einblick in den Alltag der Familie Turner zu geben. Erst später eskaliert das Sozialdrama, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 Weltpremiere hatte. Ein Problem führt zum nächsten, es tauchen auch immer mehr auf, bis die Familie vor den Augen des Publikums zunehmend implodiert. Denn das ist etwas, das Sorry We Missed You von früheren Werken von Loach unterscheidet: Er scheint den Glauben verloren zu haben, dass es noch einmal besser wird, es fehlt die versöhnliche Note.

Das ist hart, sehr hart sogar. Wer sich Sorry We Missed You anschaut, braucht anschließend eine ganze Weile, um sich wieder zu sammeln. Ob Loach so weit hätte gehen müssen, darüber kann man sich streiten. Die Eskalation wirkt zum Schluss hin zu kalkuliert, als ginge es eben nicht mehr um das tägliche Leben, sondern um das Statement. Das ist dafür umso lauter und stärker, der neueste Film der Regielegende ist eine mitreißende Anklage gegen den Kapitalismus, gegen eine untätige Politik, aber auch gegen eine Bevölkerung, die sich zunehmend abschottet und denen alles egal ist, was anderen geschieht. Einer der schockierendsten Momente ist dann auch nicht, wenn es bei Familie Turner mal wieder knallt, sondern wenn Rickys Chef Maloney (Ross Brewster) aufzeigt, dass nicht er die sklavenähnlichen Bedingungen geschaffen hat. Es sind vielmehr die Menschen da draußen, denen selbst jede Menschlichkeit abhandengekommen ist. Damit ist das Sozialdrama nicht nur eine Anklage an die Leute da oben, sondern eine Erinnerung daran, dass eine bessere Welt manchmal an der eigenen Haustür beginnt.

Credits

OT: „Sorry We Missed You“
Land: UK, Frankreich, Belgien
Jahr: 2019
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Musik: George Fenton
Kamera: Robbie Ryan
Besetzung: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster

Bilder

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Sorry We Missed You
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Sorry We Missed You
„Sorry We Missed You“ ist einerseits ein klassische Ken Loach, wenn wir einer verschuldeten Mittelklasse-Familie zusehen, wie sie um ihr Überleben kämpft. Doch inzwischen scheint die Regielegende jeglichen Optimismus verloren zu haben: Sein etwas stark eskalierendes Sozialdrama ist ein Rundumschlag gegen eine Welt, in der nichts mehr gerecht ist und sich niemand mehr für den anderen interessiert.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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