
Es gibt kaum etwas Nervigeres als eine Fliege während dem Einschlafen im Zimmer zu haben. So ergeht es auch Olga (Teresita Sánchez). Die ältere Frau wohnt alleine in einem Wohnblock im Großstadtdschungel von Mexiko-Stadt und wird von allerlei Dingen im Alltag gestört: vom Summen der Eintagsfliegen, vom Stöhnen einer Nachbarin beim Sex und von den steigenden Preisen für Essen und einer Nageloperation. Die finanzielle Situation ist für Olga so schwierig, dass sie ein Zimmer ihrer Wohnung untervermieten muss. Sie erlaubt Tulio (Hugo Ramírez) einzuziehen, dessen Frau im Krankenhaus nebenan eine Chemotherapie durchführen muss. Olga empfängt ihn alles andere als freundlich. Heimlich schmuggelt er nachts seinen 9-jährigen Sohn Cristian (Bastian Escobar) in das Zimmer, damit die mürrische Vermieterin davon nichts mitbekommt.
Die sozialen Umstände des Vater-Sohn-Duos scheinen noch schwieriger zu sein: Bevor die beiden bei Olga einziehen, schmieren sie sich auf der Straße Sandwiches, pinkeln in öffentlichen Parks und geben ihr Geld für Medikamente, Essen und Plastikspielzeuge aus. Der Film suggeriert, dass sie ihr Zuhause verloren haben. Das restliche Geld steckt Tulio in die Chemotherapie seiner Frau. Um wieder Geld zu verdienen, verschwindet der Vater für ein paar Tage zum Arbeiten. Zurück bleibt Cristian mit Olga, die lieber Sudoku am Computer spielen will, als sich um den kleinen Jungen zu kümmern.
Der unterschiedliche Blick von Kindern und Erwachsenen
Der Film Moscas – Fliegen und andere Gäste von Fernando Eimbcke, der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde, ist eine minimalistische Filmperle ganz in der Tradition des italienischen Neorealismus. Wie in dem berühmten Klassiker Fahrraddiebe von Vittorio De Sica, in dem ein Vater mit seinem Sohn auf den Straßen im Rom der Nachkriegszeit versucht zu überleben, ist auch hier die Ausgangslage prekär. Doch der Vater ist in Moscas nur anfangs präsent.
Der Film konzentriert sich auf die Kinderperspektive von Cristian und auf die Sicht der erwachsenen Olga. Während er mit staunenden und fragenden Augen auf die Welt schaut, ist die ältere Frau eher verbittert, frustriert und einsam. Cristian spielt wahnsinnig gerne auf dem Handy oder an einem Spielautomaten und rennt alleine durch die Nachbarschaft und zur Klinik. Nur die Welt der Erwachsenen bleibt für ihn rätselhaft. Warum dürfen Kinder nicht ins Krankenhaus? Warum darf er seine kranke Mutter nicht besuchen?
Leise Lakonie und große Gegensätze
Olga beäugt den kleinen Rabauken misstrauisch, wie er seine Tage in ihrer Wohnung verbringt. Entweder er nervt sie, wenn er mit dem Ball gegen die Wand wirft, oder wenn er heimlich eine zerquetschte Banane hinter dem Bett versteckt. Die Frau und der Junge sind wahrlich zwei charakterliche Gegensätze, die eine leise lakonische Situationskomik ergeben. Teresita Sánchez und Bastian Escobar spielen dieses unfreiwillige Gegensatzpaar wunderbar. Die Bilder sind dezent in schwarz-weiß gehalten. Man denkt auch an Roma von Alfonso Cuarón, wo ein Kindermädchen sich um eine siebenköpfige Familie im Mexiko der 70er kümmert.
Die Bildsprache von Moscas ist trotzdem ein wenig anders. Die Kamera von María Secco bleibt meist statistisch. Die Erwachsenen sind aus der Sicht von Cristian angeschnitten. Die Welt erscheint für ihn riesig und unüberschaubar zu sein. Und für Olga ist die Welt isoliert und klein, nicht größer als ihr enges Apartment und der enge Bildraum. Natürlich nähert sich das Gegensatzpaar nach einer Weile an. In der schwierigen wirtschaftlichen Lage und im Schmerz sind sich die beiden näher als sie zunächst denken.
Eine Ode an die Menschlichkeit
Es gehört zur Stärke des Films, dass die beiden Figuren ohne sentimentale Musik in kleinen Gesten zeigen, dass sie füreinander da sind. Cristian holt ihr ein paar Getränke, als sie Kreislaufprobleme bekommt. Und Olga hilft ihm im Gegenzug beim Zocken und am Ende sogar mit einem gefälschten Pass fürs Krankenhaus. Damit ist Moscas eine kleine Ode an die Menschlichkeit, wie man sie heute selten im Kino findet.
OT: „Moscas“
Land: Mexiko
Jahr: 2026
Regie: Fernando Eimbcke
Drehbuch: Fernando Eimbcke, Vanesa Garnica
Kamera: María Secco
Besetzung: Teresita Sánchez, Bastian Escobar, Hugo Ramírez
Berlinale 2026
Cannes 2026
Toronto International Film Festival 2026
Zurich Film Festival 2026
San Sebastian 2026
BFI London Film Festival 2026
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