
In seinem einflussreichen Werk El primer nueva corónica y buen gobierno, was grob übersetzt so viel wie „Die erste neue Chronik und gute Regierung“ bedeutet, beschreibt der Verfasser Felipe Guamán Poma de Ayala eine interessante Begegnung. Der Inka-Herrscher Huayna Cápac trifft darin auf einen Europäer namens Candía, wobei ihr Gespräch auch den Reichtum der Inka behandelt. Der Dialog steht sinnbildlich für Entwicklungen, die historisch, politisch und wirtschaftlich nachhaltige Folgen für Lateinamerika haben sollten. Denn was Candía im Anschluss an diese Begegnung in Spanien verbreitet haben soll, war das Bild eines Landes mit so reichen Schätzen, dass die Menschen buchstäblich auf Gold und Silber gingen. Als Huayna Cápac sein Gegenüber fragt, ob die Spanier dieses Gold essen würden, bejaht Candía dies, was die Gier der Eroberer auf beinahe absurde Weise verdeutlicht. Solche Geschichten und viele andere legten den Grundstein für das von Profit getriebene koloniale Streben europäischer Mächte, dessen Spuren bis heute in der Geografie, Geschichte, Politik und Kultur des Kontinents zu finden sind. Vergleichbar mit der Legende um die Goldstadt Eldorado ist jedoch auch diese Begegnung eher als Mythos zu betrachten, den Guamán Poma de Ayala als Spiegel der Gier der Eroberer und als Beginn einer Geschichte der Ausbeutung deutet.
Für Regisseur Jens Schanze (Plug & Pray) ist diese Stelle in Guamán Pomas Werk eine wichtige Inspiration für seine Dokumentation Materia Prima – New Energy. Old Powers?. Sein Film ist jedoch weniger eine historische Studie des Kolonialismus und seiner Folgen, sondern richtet den Blick auf die Gegenwart, in der Lateinamerika abermals zu einem wichtigen ökonomischen Dreh- und Angelpunkt geworden ist. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Energiewende sind die reichen Lithiumvorkommen von Ländern wie Bolivien äußerst gefragt und dürften zu den begehrtesten Ressourcen für viele Konzerne und Unternehmer gehören. In Materia Prima begleiten Schanze und sein Team Verhandlungen zwischen der staatlichen Lithiumgesellschaft YLB und europäischen Vertretern. Parallel zeigt er Menschen und Gemeinden, die eine neue Form der Ausbeutung befürchten, wie sie Guamán Poma in seinem bereits erwähnten Schreiben an den spanischen König kritisiert. Schanzes Film ist ein wichtiges und erhellendes Dokument darüber, wer von der Energiewende wirklich profitiert und inwiefern wir in Ländern wie Bolivien eine neue Form des wirtschaftlichen Kolonialismus beobachten können.
„Ich bete, dass nichts passiert.“
Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert war die bolivianische Stadt Potosí eine der reichsten Städte der Welt, und der nahe gelegene Cerro Rico wurde als Silberberg bekannt. Während eines Treffens mit Einheimischen erzählt ein europäisch aussehender Mann die Geschichte der Stadt und wirkt dabei fast schon wie ein Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler um sich versammelt hat. Wie seinen Begleitern geht es ihm nicht darum, den Zuhörern zu schmeicheln, sondern sie daran zu erinnern, welche potenzielle historische Bedeutung dieser wie auch anderen Begegnungen innewohnt. Da der Lithiumabbau in Europa mit erheblichen ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen verbunden ist, richtet sich der Blick auf Regionen wie Potosí, deren Rohstoffvorkommen nach Angaben der im Film zu Wort kommenden Fachleute möglicherweise für die nächsten tausend Jahre ausreichen könnten.
Parallel schauen wir auf das Leben von Menschen wie einem jungen Mann, der jeden Tag in einer eigentlich stillgelegten Mine arbeitet. Die Ressourcen seien vor vielen Jahren abgebaut worden, doch nun würden er und ein paar Kollegen alles fördern, was damals zurückgelassen wurde. Er lacht in die Kamera, während er zugleich sagt, er bete jeden Tag, dass nichts passiere. Die dunklen Schächte der Mine werden nicht mehr instand gehalten, und immer wieder kommt es zu kleineren Zwischenfällen. Der junge Mann ist zuversichtlich und lacht, doch der Zuschauer kommt nicht umhin, ein Gefühl der Unruhe zu empfinden.
Materia Prima liefert viele solcher kontrastierenden Sequenzen, die den moralischen Konflikt treffend definieren. Selbst wenn beide Momente im gleichen Jahr aufgenommen wurden, könnte die erste Szene den Beginn und die zweite das Ende eines Prozesses beschreiben, wie ihn Bolivien – ebenso wie viele andere Länder Lateinamerikas – bereits erfahren hat. Der eine lebt und arbeitet, umgeben von den Hinterlassenschaften der Kolonialzeit und jener Konzerne, die später die Kolonialherren ablösten, während in Gemeinden wie Potosí der Grundstein für ein neues Projekt gelegt wird. Schanzes Film klagt nicht an und verdammt auch nicht, sondern erinnert an eine Verantwortung, die weder vereinfacht noch ignoriert werden darf. Die dringend notwendige Energiewende darf nicht die ohnehin schon gravierenden wirtschaftlichen Ungleichheiten und die Mechanismen der Ausbeutung und des Profits weiter verstärken.
OT: „Materia Prima“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jens Schanze
Drehbuch: Jens Schanze
Musik: Atena Eshtiaghi
Kamera: Börres Weiffenbach
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