
Where the Waves Took Her begleitet die Hebamme Anne-Katrin Klotzsch bei ihrem ersten Einsatz an Bord der Humanity 1, die zu SOS Humanity gehört, einer deutschen NGO die Seenotrettung im Mittelmeer organisiert. Zwischen Sizilien und der libyschen Küste wartet die Crew auf Rettungseinsätze, versorgt Gerettete medizinisch und begleitet vor allem Frauen, Schwangere und Kinder – bis zur Ankunft im Hafen von Crotone, wo die geflüchteten Menschen das Schiff wieder verlassen. Parallel dazu erzählen mehrere Frauen von ihrer Flucht, von Gewalt und Verlust – in eigens gestalteten Studio-Sequenzen, in denen Wasser über den Boden fließt und Wellen an die Wand projiziert werden.
Fürsorge statt Heldentum
Regisseurin Jana Stallein, die selbst 2019 an einer Seenotrettung beteiligt war und seither immer wieder über Migration, Grenzräume und unsichtbare Gewalt gearbeitet hat, liefert mit Where the Waves Took Her einen Film ab, der sich bewusst von der klassischen Rettungsreportage absetzt. Statt Statistiken, Experteninterviews oder politischer Einordnung setzt sie auf körperliche Erfahrung und Fürsorgearbeit – und macht damit aus einem geopolitischen Thema einen sehr konkreten, physischen Film.
Am stärksten ist der Film dort, wo er ganz nah an der eigentlichen Arbeit bleibt: an Anne-Katrin Klotzsch und der Crew der Humanity 1. In diesen Momenten – der Vorbereitung auf einen Einsatz, der medizinischen Erstversorgung, dem improvisierten Alltag zwischen Wasser und Wartezeit – bekommt man als Zuschauer:in hautnah mit, was Seenotrettung im Mittelmeer tatsächlich bedeutet: keine abstrakte Nachrichtenmeldung, sondern konkrete, oft erschöpfende körperliche Arbeit. Auch die Szenen nach den Rettungen, auf dem Weg bis zum Hafen Crotone gehören zu den eindrücklichsten des Films: Hier wird nicht verschwiegen, dass mit der Rettung selbst noch nichts entschieden ist – die Unsicherheit der Flüchtenden geht weiter, nur eben an Land. Während die Retter teilweise sehr euphorisiert sind.
Der weibliche Blick auf Seenotrettung
Bemerkenswert ist außerdem der explizit weibliche Blick auf das Thema Flucht, der in vergleichbaren Filmen über die Seenotrettung im Mittelmeer oft fehlt. Der 2025 gestartete Save Our Souls etwa begleitet die Crew der Ocean Viking mit betont zurückhaltender, distanzierter Kamera und einem männlichen Regisseur hinter der Kamera. Where the Waves Took Her dagegen rückt die Perspektive von Frauen – als Versorgerinnen wie als Geflüchtete – konsequent ins Zentrum. Das ist keine kosmetische Verschiebung, sondern verändert tatsächlich, wonach der Film fragt: nach Schwangerschaft, nach geschlechtsspezifischer Gewalt, nach einem geschützten Raum an Bord. Auch die Kameraarbeit von Sophia Fenn verdient Erwähnung – zu Recht wurde sie dafür mit dem Female Gaze-Preis des Internationales Frauen Filmfest Dortmund + Köln ausgezeichnet und für den Deutschen Kamerapreis nominiert. Ihre Bilder von Bord der Humanity 1, zwischen Beobachtung und Nähe, tragen den Film über weite Strecken.
Ein Problem hat der Film jedoch mit seiner Ästhetisierung. Die Studio-Situationen, in denen die geflüchteten Frauen vor projizierten Wellen und auf nassem Boden ihre Geschichten erzählen, lenken eher von den eindrücklichen Zeugnissen ab, als dass sie ihnen dienen. Das Gesagte entfaltet entschieden mehr Kraft, wenn es aus dem Off zu hören ist, unterlegt mit Bildern von Bord der Humanity 1, statt in der sichtbar arrangierten Kulisse. Ähnliches gilt für die konsequente Unschärfe der Rettungsaktionen: Dass Gerettete aus Gründen des Schutzes und mangels Kameraeinwilligung nicht erkennbar gezeigt werden können, ist nachvollziehbar. Ob es dafür aber tatsächlich eine derart artifizielle, verwischte Bildsprache braucht, bleibt fraglich – zumal sie gerade an den Stellen, an denen der Film seine größte dokumentarische Kraft entfalten könnte, eher irritiert als schützt.
Where the Waves Took Her ist zweifellos ein wichtiger Film – gerade weil er mit seinem weiblichen Blick auf einen Aspekt der Seenotrettung im Mittelmeer hinweist, der in der öffentlichen Debatte zu kurz kommt. Dass er diesen Eindruck aber nicht in vollem Maß hinterlässt, liegt an seiner eigenen Ästhetisierung, die sich zwischen die Wucht des Erlebten und das Publikum schiebt.
OT: „Where the Waves Took Her“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Jana Stallein
Musik: Henric Scleiner
Kamera: Sophia Fenn
Internationale Hofer Filmtage 2025
Achtung Berlin 2026
Internationales Frauen Filmfest Dortmund + Köln 2026
DOK.fest München 2026
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