
Ein Regisseur (Ferzan Özpetek) versammelt achtzehn seiner liebsten Schauspielerinnen in seinem Haus, um ihnen von einem neuen Projekt zu erzählen: einem Film über Frauen. Noch bevor er ins Detail geht, entfaltet sich die Geschichte – und das Publikum reist ins Rom der 1970er Jahre, wo die Schwestern Alberta (Luisa Ranieri) und Gabriella Canova (Jasmine Trinca) eine der angesehensten Kostümschneidereien der Stadt führen. Als die Oscar-prämierte Kostümbildnerin Bianca Vega (Vanessa Scalera) ihnen den prestigeträchtigen, zeitlich aber knapp bemessenen Auftrag für einen aufwendigen historischen Kinofilm anbietet, gerät der Betrieb unter Volldampf. Zwischen Stoffbergen und Nähmaschinenlärm entfalten sich die Schicksale der Angestellten: Chefschneiderin Nina (Paola Minaccioni) balanciert Job und Mutterschaft, Nicoletta (Milena Mancini) erträgt häusliche Gewalt durch ihren Mann Bruno (Vinicio Marchioni), die junge Beatrice (Aurora Giovinazzo) wird von der Polizei gesucht, die alleinerziehende Modistin Paolina(Anna Ferzetti) kämpft mit dem Alltag. Und mittendrin: Alberta, der ausgerechnet jetzt ein Mann aus ihrer Vergangenheit wieder über den Weg läuft.
Kassenschlager in Italien
So viel zur Geschichte von Diamanti dem neuen Film von Ferzan Özpetek. Der 1959 in Istanbul geborene, seit den späten Siebzigerjahren in Italien lebende Regisseur ist mit Werken wie Hamam – Das türkische Bad oder Das Fenster gegenüber zum Meister des hochemotionalen, oft queer grundierten Ensemblefilms geworden. Mit Diamanti ist ihm nun sein bislang größter kommerzieller Coup gelungen: über 15 Millionen Euro Einspielergebnis und mehr als zwei Millionen Zuschauer allein in Italien, dazu der Publikumspreis renommierten italienischen Filmpreis David di Donatello, sowie einige weitere Auszeichnungen – ein Triumphzug, den man Film und Regisseur gönnt.
Die Rahmenhandlung um den Regisseur und seine versammelten Musen – Özpetek spielt sich selbst – wäre dabei durchaus eine eigene Betrachtung wert, erinnert sie doch daran, wie selten Frauen jenseits bestimmter Rollenfächer im Kino überhaupt sichtbar werden. Dramaturgisch aber bleibt sie, was sie ist: ein Rahmen. Das eigentliche Herz des Films schlägt nicht im Garten des Regisseurs, sondern in der Schneiderei – dort, wo Özpetek seine Erzählung erdet, statt sie bloß zu kommentieren.
Ein Ensemble zum Niederknien
Und dieses Herz schlägt kräftig, dank eines Ensembles, das man selten so dicht besetzt sieht. Luisa Ranieri und Jasmine Trinca tragen als ungleiches Schwesternpaar die größte Last – Ranieri mit stoischer Autorität und Rissen darunter, Trinca als zweifelndes Pendant –, doch der eigentliche Reichtum liegt im Drumherum: Vanessa Scalera gibt der Kostümbildnerin Bianca Vega Nerven und Würde, Geppi Cucciari sorgt als Fausta mit trockenem Witz für Verschnaufpausen, Paola Minaccioni und Milena Mancini verleihen ihren von Sorge und Gewalt gezeichneten Figuren trotz vordergründiger Schwäche Stärke – und auch Aurora Giovinazzo, Anna Ferzetti oder Nicole Grimaudo formen aus ihren Nebenrollen kleine, stimmige Porträts.
Diamanti ist daher im Kern eine Liebeserklärung an genau diese Frauen, aber auch an das Handwerk der Kostümbildnerinnen. Özpetek hat erzählt, dass ihn seine Zeit als junger unerfahrener Regieassistent zu diesem Film inspiriert hat. Zu dieser Zeit war er oft in der Schneiderei Tirelli, wo aufwendige Kostüme für die Filme, die in Cinecitta entstanden, geschneidert wurden. Dort habe er auch die Bedeutung von Details gelernt, so der Filmemacher. Und das sieht man Diamanti an: Stefano Ciammittis Kostüme und Deniz Kobanbays Ausstattung feiern Nadel, Faden und Farbtopf mit einer sinnlichen Detailverliebtheit, die einem sonst unsichtbaren Gewerk hinter der Leinwand eine Bühne gibt, die es verdient.
Es wird dick aufgetragen
Erzählt wird das mit komödiantischem Schwung, in erster Linie aber als Melodram – eines, das nicht kleckert, sondern klotzt. Kaum ein Unglück wird ausgelassen. Aber warum eigentlich nicht, kann man sich da mit Verweis auf die Filme von Douglas Sirk fragen. Wenn sich zeigt, warum Albertas einstiger Geliebter sie einst, ganz Casablanca-like, allein am Pariser Bahnhof zurückließ, statt mit ihr aufzubrechen, trägt der Film so dick auf, dass man sich nur geschlagen geben kann – aber m besten Sinne.
Ob man diesem Überschwang folgen mag oder ihn als eine Nummer zu viel empfindet, bleibt am Ende Geschmackssache – Diamanti ist ein Film, der sein Publikum spalten kann und wird. Was aber bleibt, ist ein rundum gelungener Ensemblefilm und eine warmherzige Hommage an die Weiblichkeit, ihre Solidarität und ihre Arbeit – auch wenn sie aus einem durchaus männlichem Blickwinkel erzählt wird.
OT: „Diamanti“
Land: Italien
Jahr: 2024
Regie: Ferzan Özpetek
Buch: Ferzan Özpetek, Elisa Casseri, Carlotta Corradi
Musik: Giuliano Taviani, Carmelo Travia
Kamera: Gianfilippo Corticelli
Besetzung: Luisa Ranieri, Jasmine Trinca, Stefano Accorsi, Luca Barbarossa, Sara Bosi, Loredana Cannata, Geppi Cucciari, Anna Ferzetti, Aurora Giovinazzo, Nicole Grimaudo, Milena Mancini, Vinicio Marchioni, Paola Minaccioni, Edoardo Purgatori, Carmine Recano, Elena Sofia Ricci, Lunetta Savino, Vanessa Scalera, Carla Signoris, Kasia Smutniak, Mara Venier, Giselda Volodi, Milena Vukotic
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