Wer weiss schon was ein Leben ist
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Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Wer weiss schon was ein Leben ist
„Wer weiß schon, was ein Leben ist?“ // Deutschland-Start: 3. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Eine Schauspielerin (Katharina Stark) wird für die Rolle der Malerin Paula Modersohn-Becker gecastet. Dadurch beginnt in einem Wechselspiel aus Dokumentation und Fiktion eine Spurensuche, die  durch Worpswede und die Bremer Umgebung bis nach Paris führt, wohin es die Künstlerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach zog. Kunsthistorikerinnen, ein Kunsthistoriker und die französische Biographin der Malerin ordnen Werk und Leben Modersohn-Beckers ein, während parallel Spielszenen die zentralen Beziehungen nachzeichnen: zu ihrem Mann Otto Modersohn (Enno Trebs), zu Rainer Maria Rilke (Merlin Rose) und zu ihrer Freundin, der Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff (Dominique Devenport). Dokumentarische Beobachtungen der Rollenarbeit – Proben, Kostümanproben, Museumsbesuche – verschränken sich mit inszenierten Biopic-Momenten und essayistischen Reflexionen über künstlerische Freiheit und die Frage, was von einem Leben überhaupt erzählbar ist.

Der dritte Teil einer Trilogie

Mit Wer weiß schon, was ein Leben ist? schließt die Bremer Produktionsfirma Kinescope Film einen Bogen, der 2022 mit Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers (Regie: Marie Noëlle) begann und 2024 mit Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten (Regie: Gabriele Rose) fortgesetzt wurde. Auffällig ist dabei, dass alle drei Filme exakt im Jahr des jeweiligen 150. Geburtstags ihrer Titelfiguren erschienen sind. Das ist natürlich kein Zufall, sondern Ausdruck einer langjährigen Beschäftigung mit der Künstlerkolonie Worpswede, in der alle drei gelebt haben. Von diesen drei Filmen ist der dritte der klügste, gerade weil er sich am wenigsten sicher ist, was er eigentlich zeigt.

Das liegt an einem Kniff, den Regisseurinnen Annelie Boroș und Vera Brückner (Sorry, Genosse) konsequent durchhalten: Wo klassische Biopics ihre Titelfigur erklären wollen, verweigert sich dieser Film jeder abschließenden Deutung. Schon die Eröffnungsszene, das Casting, führt das exemplarisch vor: Die Schauspielerin benennt zunächst eine äußerliche Ähnlichkeit mit Modersohn-Becker, dann eine vermeintlich charakterliche Nähe – um diese im nächsten Atemzug wieder zurückzunehmen, weil sie die Malerin ja nie gekannt hat. Genau hier fällt der titelgebende Satz Wer weiß schon, was ein Leben ist?. Und der ist Programm, keine Koketterie: eine leise, beharrliche Absage an die Anmaßung, einen historischen Menschen vollständig verstehen zu können.

Drei Rollen, eine Stark

Getragen wird dieses Verfahren von Katharina Stark, die im Film gleich mehrfach existiert: als Schauspielerin, die sich der Rolle annähert und als die von ihr gespielte Paula Modersohn-Becker und damit als jene Schauspielerin in der Rolle der Malerin, die zugleich über die eigene Rollenarbeit reflektiert. Stark hält diese Verschachtelung mühelos zusammen, ohne dass der Film sie je vollständig auflöst. Die dokumentarischen Passagen profitieren zudem davon, dass die versammelten Expertinnen und Experten ausnahmslos vom Fach sind und Erhellendes zur Biografie der Malerin beitragen, statt Stichwortgeberinnen zu bleiben. Besonders wirkungsvoll ist der Einfall, die französische Biografin Marie Darrieussecq eigene Textpassagen vorlesen zu lassen – ein kleiner Kniff mit großer Wirkung, weil er Nähe und Distanz zugleich herstellt.

Auch politisch bleibt der Film redlich unentschieden. In einer Szene diskutieren die Darstellerinnen von Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff über deren Feminismus; die Paula-Schauspielerin gibt zu, Texte der Malerin gelesen zu haben, die alles andere als feministisch klingen – um im selben Atemzug einzuräumen, dass ihr auch darüber kein Urteil zustehe, weil sie nicht wisse, wie es sich angefühlt habe, in jener Zeit zu leben. Wer weiß schon, was ein Leben ist? ist eindeutig auch ein feministischer Film, einer über weibliche Selbstbestimmung und die Kämpfe einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Aber vor allem ist er eine Annäherung an eine große Künstlerin, die erst gar nicht versucht, diese vollständig erklären zu wollen – und das Publikum dadurch näher an sie heranlässt, als es Christian Schwochows konventionelleres Biopic Paula – Mein Leben soll ein Fest sein (2016) je vermochte.

Form als Haltung

Auch handwerklich trägt der Film diese Offenheit mit: Janne Ebels Kamera verzahnt norddeutsche Landschaft, Pariser Stadtraum und Gemäldereproduktionen zu einem ruhigen Rhythmus, Nina Ergangs Montage lässt die verschiedenen Zeit- und Erzählebenen bemerkenswert organisch ineinandergreifen.

Am Ende bleibt ein Film, der sich traut, unfertig zu sein, im besten Sinn. Er beantwortet die titelgebende Frage nicht, sondern hält sie so lange offen, bis das Publikum selbst beginnt, sie für sich zu beantworten. Für eine Künstlerin, die zeitlebens gegen fremde Zuschreibungen ankämpfte, ist das vielleicht die redlichste aller Ehrungen.

Credits

OT: „Wer weiß schon, was ein Leben ist?“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Annelie Boroș, Vera Brückner
Buch: Anja Salomonowitz, Annelie Boroș, Vera Brückner,
Musik: Nils Wrasse
Kamera: Janne Ebel
Besetzung: Katharina Stark, Enno Trebs, Merlin Rose, Dominique Devenport, Florian Lukas

Bilder

Trailer

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Wer weiß schon, was ein Leben ist?
fazit
„Wer weiß schon, was ein Leben ist?“ ist ein experimentelles, formal mutiges Künstlerinnenporträt, das seine Titelfigur nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Katharina Stark trägt die vielschichtige Konstruktion mit beeindruckender Präsenz – der würdige Schlusspunkt einer besonderen Trilogie über die Worpsweder Künstlerkolonie.
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