© Brezel Göring

Brezel Göring [Interview]

Mit Für immer 16 gibt Brezel Göring sein Spielfilm-Regiedebüt. Bekannt wurde der Musiker, Autor und Künstler vor allem als eine Hälfte von Stereo Total, das er 1993 gemeinsam mit Françoise Cactus in Berlin gründete. Über fast drei Jahrzehnte verband das Duo Punk, Garage Rock, Chanson, elektronische Musik und Pop zu einem bewusst verspielten und oftmals ungeschliffenen Stil, der sich ebenso durch seinen Humor und seine Lust am Experiment wie durch die mehrsprachigen Texte von Cactus auszeichnete. Auch über Stereo Total hinaus arbeitete Göring mit Musik, Film und Literatur und blieb dabei einer Do-it-yourself-Ästhetik verbunden, bei der technische Perfektion weniger wichtig ist als Spontaneität, Persönlichkeit und die produktive Kraft von Fehlern.

Diese Haltung findet sich auch in Für immer 16, der auf dem gleichnamigen, unvollendeten Roman von Françoise Cactus basiert. Im Mittelpunkt stehen drei ehemalige Mitglieder einer Experimentalfilmgruppe, die sich Jahre später wiederbegegnen und beschließen, erneut gemeinsam einen Film zu drehen. Göring verbindet die Geschichte über Freundschaft, Begehren, das Älterwerden und die eigene Vergangenheit mit einer bewusst rauen Super-8-Ästhetik und macht den Film zugleich zu einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Cactus und ihrer gemeinsamen künstlerischen Vergangenheit. Im Interview spricht er über die Entstehung des Films und seine Veränderungen gegenüber der Romanvorlage, seine Faszination für Super 8, Fehler und Unvollkommenheit sowie darüber, an welchen Stellen er Françoise Cactus im fertigen Film besonders stark wiederfindet. Für immer 16 startet am 27. August 2026 in den deutschen Kinos.

Françoise Cactus hat sich beim Schreiben von Für immer 16 vorgestellt, wie es sein würde, alt zu sein und die Freunde von früher wiederzutreffen. Was hat dich an dieser Idee gereizt, daraus einen Film zu machen?

Durch den Tod von Françoise vor fünf Jahren denke ich sehr viel an sie und befinde mich immer an unterschiedlichen Punkten des Zeitstrahls. Ich habe beschlossen, dass ich mich nicht nur an sie erinnern will, sondern auch so tun will, als wäre sie noch hier. Insofern ist natürlich diese Utopie oder diese futuristische Geschichte, die sie geschrieben hat – „Wie würde es sein, wenn ich alt bin?“ – für mich auch wieder eine Art Zeitmaschine. Ich erzähle die Geschichte jetzt und benutze dazu eine Technik, die eigentlich aus der Vergangenheit stammt: Super-8-Film.

Ich fand immer, dass Françoise in ihrem Roman, der dem Film zugrunde liegt, eine sehr schöne Geschichten geschrieben hat und dass sie eigentlich schon sehr filmisch gedacht hat. Daher hat es natürlich nahegelegen, den Stoff zu verfilmen. Auch weil es eine sehr persönliche Geschichte ist, die mit mir selbst sehr viel zu tun hat. Ich habe so viel meines Lebens mit ihr verbracht. Darüber hinaus ist die Geschichte sehr fröhlich, wie Stereo Total, gleichzeitig hat sie eine melancholische oder traurige Seite.

Erinnerst du dich noch daran, wann Françoise dir zum ersten Mal von dieser Geschichte erzählt hat und was damals deine Reaktion darauf war?

Das war 2008, also schon lange her. Wir waren im Urlaub und hatten über Freunde von Freunden ein kleines Haus auf einer griechischen Insel. Wir hatten einen Computer dabei und sie meinte: „Ich habe eine Geschichte geschrieben. Vielleicht kann ich sie dir diktieren.“ Sie hatte ein Heftchen und fast alles, was jetzt im Film vorkommt, stand da schon drin. Sie hatte sich diese Geschichte gerade ausgedacht.

Das war das erste Mal. Danach hat sie wirklich bis zu ihrem Tod immer wieder diese Geschichte umgeschrieben, verlängert und verändert und sie nie fertiggestellt oder zu der Zeit veröffentlicht. Das ist vollkommen ungeheuerlich eigentlich: Zeitverschwendung, Energieverschwendung. Anstatt es irgendwann herauszubringen und sich darüber zu freuen und den Applaus entgegenzunehmen, hat sie einfach immer weiter umgeschrieben und korrigiert. Ein Roman, der nie fertig wird, sozusagen.

Wie bist du mit den Leerstellen umgegangen, die der Roman hatte?

Als wir den Roman veröffentlicht haben, hatten wir eigentlich schon so viele Teile zusammengesucht, dass es eine vollständige Geschichte war. Aber der Roman von Françoise ist sehr umfangreich,. Es ging eher darum, ganz viel herauszuwerfen. Die Geschichte und die Grundidee waren klar, aber es steckte noch so viel mehr darin: Seitengeschichten und viele andere Figuren, die psychologisch ziemlich gut ausgearbeitet waren. Ich war eher derjenige, der Leerstellen hineingebracht hat, damit der Film nicht fünf Stunden lang wird.

Gab es Momente, bei denen du ziemlich genau wusstest: So hätte Françoise das gemacht?

Ja, aber ich habe es anders gemacht! Wir hatten vollkommen unterschiedliche Vorstellungen. Ich glaube, sie hätte bevorzugt, dass der Film Hochglanz hat oder auf seine Art viel professioneller ist. Und ich glaube auch, dass sie überhaupt nicht gemocht hätte, dass so viele Kürzungen im Text vorgenommen habe. Ihr hätte auch nicht gefallen, dass ich die Figuren teilweise ein bisschen verändert habe. Nicht vereinfacht, aber so, dass man sie mit einem groben Pinselstrich zeichnen kann.

In der Figur der Charlotte hat sich Françoise selbst porträtiert. Diese Figur habe ich aggressiver gemacht, als sie es im Roman war. Im Roman ist sie eher fein, die anderen streiten sich immer und sie denkt sich ihren Teil. Im Film streitet sie aber genauso wie die anderen auch.

Françoise wäre da sicher eingeschritten oder hätte auf Treue zur Romanvorlage bestanden. Aber ich kann sie ja jetzt nicht mehr nach ihrer Meinung fragen! Ich habe versucht, die Geschichte gradlinienig wie ein Märchen für Kinder zu erzählen.

Was bedeutet der Titel Für immer 16 heute für dich persönlich?

Der Titel beruht auch auf einem Lied, das Françoise geschrieben hat. Es war ein bisschen ihre Weigerung, erwachsen zu werden beziehungsweise ein vernünftiges Leben zu führen, wie es von einem Erwachsenen erwartet wird. Sie hat immer gesagt: „Wieso überhaupt aus Fehlern lernen? Ich will dieselben Fehler noch mal machen.“ Also eine bestimmte Weigerung, den Ernst des Lebens zu akzeptieren. Dem fühle ich mich verbunden, obwohl ich glaube, dass ich von uns beiden, Françoise und mir, definitiv der Vernünftigere war.

Ursprünglich hatte sie für den Roman auch den Titel Lebenslänglich 14 vorgesehen, was im Grunde dasselbe sagen will. In der Formulierung „lebenslänglich“ steckt aber noch etwas anderes drin: Das, was diese Leute da im Film machen, ist kriminell und möglicherweise wartet das Gefängnis auf sie. Oder vielleicht ist sogar ihre Geisteswelt ein Gefängnis, in dem sie selbst nicht glücklich sind.

Aber Für immer 16 hielt ich für den schmissigeren Titel. Außerdem gab es das Lied von Stereo Total, also hatte ich gleich einen Titelsong.

Ist Jugend für dich überhaupt eine Frage des Alters oder ist das eher eine Haltung?

Da ich öfter auch mit Jugendlichen zu tun habe, würde ich sagen, es ist schon eine Frage des Alters. Aber Erwachsensein ist eine Frage der Haltung.

Françoise hat immer behauptet, dass eine bestimmte ernsthafte Weise, über Dinge oder Probleme zu sprechen, schon die Lüge beinhaltet. Und ich glaube, dass man sich als Künstler immer wieder darauf rückbesinnen muss, weshalb man das vielleicht einmal gemacht hat. Man muss sich auch immer wieder die Frage stellen: Inwieweit habe ich mich einfach von den Verhältnissen korrumpieren lassen? Vielleicht bin ich mit einem ganz subversiven Ansatz inzwischen ein Teil der Mainstreamkultur geworden.

Diese Fragen sind immer interessant. Es ist dann auch die persönliche Vergangenheit, die jeder betrachtet. Ich glaube, dass in jedem Künstler und jeder Künstlerin – zumindest ist es bei mir so – immer drei Ebenen gleichzeitig stecken: die resignative, die verzweifelte und auch die korrumpierte. Dass man eben Sachen macht, die man vielleicht eigentlich gar nicht machen will, weil sie kommerziell sind oder Ähnliches. Insofern glaube ich, dass diese drei Ebenen zumindest in mir existieren. Und ich glaube, jeder, der längere Zeit von seiner Kunst lebt, wird sich diese Art von Fragen stellen.

Die drei Figuren sprechen über ihr Projekt und sagen, dass sie es auf Super 8 drehen wollen. Das ist gleichzeitig die ästhetische Entscheidung für Für immer 16. Warum musste der Film auf Super 8 gedreht werden? War das von vornherein für dich klar?

Für mich war es eigentlich von vornherein klar. Auch aus ganz einfachen praktischen Gründen. Super-8-Material sieht zauberhaft aus, wie in einem Traum. Und es ist sehr einfach, selbst wenn man nicht viel Fachwissen hat, zu guten oder zumindest interessanten Ergebnissen zu kommen.

Wahrscheinlich könnte man auch mit einer neuen digitalen Kamera in der Nachbearbeitung etwas Ähnliches hinzaubern. Aber bei Super 8 steckt sehr viel Wirklichkeit drin. Ich hatte sofort den Eindruck, dass es genauso aussieht, wie ich die Dinge sehe. Selbst meine Gegenwart – die Stadt sieht jetzt zum Beispiel nicht immer schön aus, aber wenn ich sie mit Super 8 betrachte, sieht sie für mich ganz ansprechend aus. Selbst bei einem neuen Auto denke ich: Ja, das sieht interessant aus.

Erst einmal ist also die Ästhetik toll. Dann ist es irgendwie ein demokratisches Mittel. Jeder kann so eine Super-8-Kamera bedienen. Eine Kassette wird reingeschoben, die Belichtung geht automatisch, Entfernung einstellen und man kann loslegen. Dass es keine Hierarchie gibt, dass man keinen Spezialisten fragen muss: „Kannst du mir die Kamera machen?“, finde ich sehr schön daran. Es ist sehr einfach zu bedienen.

Und das Dritte, was vielleicht auch wichtig ist: Ich muss immer gucken, wie die Ressourcen sind. Jedes Kabel oder jede Kamera, die ich benutze, kann man irgendwie in gesellschaftliche Koordinaten übersetzen. Dann haben sie eine politische Bedeutung. Eine Super-8-Kamera steht für mich für ein preiswertes Gerät, das ich auf dem Flohmarkt kaufen kann. Es war nicht teuer, funktioniert sehr gut und ich kann es mit wiederaufladbaren Batterien betreiben. Nur bei der Filmentwicklung – okay, das sind giftige Chemikalien. Darüber hinaus verursacht es nicht so viel Müll. Es verpestet nicht die Welt. Und das ist gut.

Wie wichtig sind dir Zufall und Fehler? Sind Fehler nicht sogar künstlerisch interessant?

Oh ja. Das Unerwartete und die Fehler interessieren mich immer sehr. Ich kenne das vom Musikmachen: Ganz oft denke ich in dem Moment, in dem der Fehler kommt: Jetzt habe ich etwas Interessantes. Das kann eine Maschine nicht machen. Die kriegt so einen schönen Fehler nicht hin. Sie weiß nicht, wann sie den Fehler machen muss. Sie könnte ihn wahrscheinlich an jeder Stelle hinzaubern, aber den richtigen Fehler an der richtigen Stelle machen, das können nur Menschen.

Bei Perfektion ist es zumindest in meiner Wahrnehmung so, dass mein Auge und mein Ohr mehr am Unperfekten haften und sich damit beschäftigen. Von einer sehr glatten Oberfläche rutscht mein Blick eher ab. Deswegen sind Fehler sehr schön.

Außerdem mag ich dieses didaktische „Aus Fehlern lernen“: lass uns schnell Fehler machen, damit wir etwas lernen. Das ist eine schöne Art, sich weiterzuentwickeln. Françoise hat das genauso gesehen. Auch bei Stereo Total habe ich schon gemerkt – weil wir diese Band so lange hatten –, wie sehr den Leuten das gefällt, wenn Sachen nicht perfekt sind. Deswegen ist es vielleicht auch ein Teil meiner Ästhetik.

Ist Für immer 16 vielleicht näher an einem Stereo-Total-Album als an einem konventionellen Spielfilm?

Das glaube ich nicht. Bei Stereo Total hätten wir viel mehr Pop reingebracht. In Für immer 16 gibt es eher Sachen, die für Stereo Total untypisch sind. Ich habe versucht, auch sehr negative Stimmungen über eine längere Zeit darzustellen oder da sein zu lassen. Das Widersprüchliche und Abgründige in den Menschen zu zeigen, aber auf eine Art und Weise, dass man vielleicht wieder darüber lachen kann.

Da habe ich gedacht: Das ist mit Musik niemals möglich – zumindest für mich. Beim Film habe ich gemerkt, dass es so viele Ebenen gibt, die ich auch noch benutzen kann. Ein Musikstück ist rhythmisch und hat eine relativ spezifische Stimmung, Wut oder Freude, und nach drei Minuten ist es vorbei. Das ist vielleicht die Welt, die wir uns früher mit der Musik ausgedrückt haben.

Beim Film hatte ich schon das Gefühl, dass er noch einmal auf ganz andere Sensoren geht, wenn ich ihn betrachte. Es ist viel umfassender. Das sind auch Bereiche, an die wir mit Stereo Total gar nicht gedacht haben.

Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen als Künstler steckt in dieser Gruppe, in diesen drei Menschen, die einen Film machen wollen?

Meine künstlerischen Erfahrungen stecken da drin. Vieles erinnert mich stark daran, wie ich selbst Musik gemacht, Musikvideos gedreht oder manchmal an einem Film mitgearbeitet habe. Selbst die Sachen, die die Figuren erleben, sind teilweise auf die gleiche Weise passiert. Das sind alles Sachen, die ich entweder selbst erlebt habe oder die in meiner Umgebung passiert sind.

Es wurden natürlich keine Leichen hin- und hergetragen, aber diese extremen Gefühle, die sie haben, sind alles Sachen, die mir aus meiner eigenen Vergangenheit und aus meinem eigenen künstlerischen Schaffen vertraut sind.

Woher kommt eigentlich Demenzia?

Den Begriff und die Figur hat sich Françoise ausgedacht. Das entstammt ihrer Fantasie und ich fand das total lustig. Ich dachte: Das ist eine geniale Idee. Der Name klingt nach einer Superheldin, die schon gleichzeitig etwas absolut Kaputtes in ihrem Namen trägt. Das fand ich ganz toll.

Ich habe auch gedacht: Viel zu schade, dass sie nur einmal in so einem Film auftaucht. Sie sollte gleich ihre eigene Comicreihe oder ihr eigenes Superheldenuniversum bekommen.

Ist Demenzia eine Horrorfigur, eine Fantasie, ein Witz oder etwas ganz anderes?

Ich glaube, auf eine Art und Weise ist sie schon eine Horrorfigur. Die Personen im Film streiten sich ja auch die ganze Zeit darüber, wer Demenzia ist. Sie haben verschiedene feministische Ansichten. Das ist vielleicht im Film nicht so ausgesprochen und auch im Buch nicht so explizit. Aber die Geschichte, dass Demenzia missbraucht wurde und jetzt Rache nimmt, wird schon ausgesprochen.

Insofern ist dieses Männermorden natürlich einerseits eine Horrorvision. Andererseits ist es auch die extreme Vision dieser beiden Frauen, die den Film im Film drehen: wie auf die Ungeheuerlichkeit sexueller Gewalt geantwortet wird. Insofern ist es eine horrormäßig und comichaft überzeichnete Form, Rache zu üben.

Ich denke auch, dass es total gut wäre, diese Demenzia-Figur noch einmal richtig auftreten zu lassen. Lilith hat gesagt, dass sie in ihrem nächsten Film wirklich eine Art Demenzia spielt. Eine Frau, von der man nicht genau weiß, ob sie verrückt ist und sich das alles einbildet oder ob sie wirklich verfolgt wird. Diese Frau, die Lilith in ihrem nächsten Film spielt, reist durch die Weltgeschichte und bringt Menschen um.

Wenn wir gerade von den Schauspielerinnen und Schauspielern sprechen: Wie hast du diese ungewöhnliche Gruppe überhaupt zusammengebracht?

Lilith und Chang Wang sind beide in meiner Band. Das war für mich ideal, weil wir uns durch die Musik ganz gut kennen und wissen, wie der andere reagieren wird. Ich habe schon mitbekommen, wie sie mit Stress umgehen, wenn bei Konzerten etwas schiefläuft. Sie waren mir sehr vertraut und die beiden hatten wiederum auch ein bisschen Vertrauen zu mir. Das war schon sehr gut.

Dann habe ich lange überlegt, wer dazu passen könnte. Ich habe jede Rolle, die ich hatte, gedanklich immer mal mit einer anderen Schauspielerin besetzt und überlegt: Könnte die vielleicht Helena spielen? Ich habe die Rollen hin- und hergeschoben und auch ein bisschen umgeschrieben, sodass Chang Wang zum Beispiel nicht so komplizierte Texte sprechen musste wie die anderen Figuren.

Dann hatte ich Twiggy entdeckt, der mir als Rudolph sehr lustig erschien. Der hat mir das auch gleich bestätigt und gesagt: „Ja, das ist die Geschichte meines Lebens“, weil er die ganze Zeit von älteren Typen oder Frauen angemacht wird.

Die drei hatte ich dann eigentlich. Für Oskar hatte ich noch einen Schauspieler im Blick. Und dann ist mir eine Woche vor der Abreise diese junge Frau eingefallen: Mücke. Sie ist beste Freundin meiner Stieftochter und war zu dem Zeitpunkt erst 17. Also eigentlich überhaupt nicht das Alter, um eine alte Frau zu spielen, beziehungsweise eine Frau, die sich alt fühlt.

Aber sie hatte ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht und so eine extreme Art zu reden, eine schrille Stimme. Dazu diese Kleidung, die sie sich ausgesucht hatte. Sie sah so ungewöhnlich aus, dass ich dachte: Die kann das. Eine Woche vor Drehbeginn hat sie zugesagt. Wir mussten dann noch mit ihrer Mutter eine Vollmacht organisieren und versichern, dass wir nicht länger als sechs Stunden pro Tag drehen. Es gibt verschiedene Jugendschutzbestimmungen, die eingehalten werden müssen, kein Alkohol und diese ganzen Sachen. Wir sind uns einig geworden, haben uns daran gehalten und dann durfte sie mitfahren. Sie hat das ganz toll gespielt.

Für mich war es auch überraschend, dass es so gut geklappt hat. Aber ich bin da eher instinktiv vorgegangen und nicht unbedingt nach der Überlegung: Wie könnte diese Person aussehen? Mich stört das manchmal, wenn ich fernsehe: wenn im Fernsehen eine Bäckerei gezeigt wirkt, dann sieht der Bäcker wie ein Bäcker aus. Aber die Wirklichkeit ist nicht so! In so einer Bäckerei, da könnte jeder arbeiten – auch du oder ich. Wir müssen dann damit klarkommen, dass uns das Leben jetzt in diese Bäckerei gestellt hat, zum Brötchen verkaufen. Dabei sehen wir überhaupt nicht wie Bäcker aus. Ist das verständlich? Nein? Also, so ähnlich war es auch mit meinen Schauspielerinnen und Schauspielern. Hauptsache, sie sehen interessant.

Wenn du Für immer 16 heute siehst: Wo begegnest du Françoise darin am stärksten?

Ich glaube, in den Dialogen. Als ich die Dialoge geschrieben habe, habe ich so intensiv an Françoise gedacht – wie sie gesprochen hat, wie sie sich ausgedrückt hat und was sie amüsiert hat –, dass ich ganz viel davon habe einfließen lassen.

Und natürlich durch die Stereo-Total-Musik, weil man immer ihre Stimme hört und sie sich auch in diese Dialoge einmischt. Aber eigentlich ist es schon diese schnelle Art, miteinander zu reden, diese kleinen boshaften Spitzen, gleichzeitig sehr Lustiges. Bei diesem Esprit spüre ich Françoise sehr stark.

Du hast gesagt, es gebe ein paar Stellen, bei denen sie wahrscheinlich ihr Veto eingelegt oder sich beschwert hätte. Gibt es auch Dinge, die sie besonders gemocht hätte? Wären das die Dialoge?

Nein, ich glaube, Françoise hätte vieles am Film gemocht. Ich glaube, sie hätte alle Darstellerinnen und Darsteller sehr gut gefunden. Sie hätte zwar einen anderen Film gemacht, viel hochklassiger, aber ich glaube, dieser Trash hätte sie auch total amüsiert. Sie hätte total gerne zugeguckt.

Und diese Unverschämtheit, die dem ganzen Film innewohnt, hätte sie richtig zum lauten Lachen gebracht. Ich glaube, das hätte ihr gefallen.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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