
Der ehemalige Polizist Eom Jung-ho (Kim Yoon-seok) verdient sich seinen Lebensunterhalt als Zuhälter in Seoul. In letzter Zeit läuft das Geschäft sehr schlecht: Neben seinen enormen Geldproblemen macht ihm zu schaffen, dass seit einiger Zeit immer wieder einige der für ihn arbeitenden Frauen verschwinden. Anhand seiner Aufzeichnungen erkennt er, dass sie vor ihrem Verschwinden alle zu demselben Kunden geschickt wurden, weshalb er vermutet, dass dieser die Frauen an einen Konkurrenten verkauft. Als eines Abends Kim Mi-jin (Seo Young-hee) zu eben diesem Kunden geschickt wird, instruiert er die junge Frau vorher, ihm die genaue Adresse zu schicken, ohne ihr jedoch zu sagen, worum es eigentlich geht.
Wie sich bald herausstellt, ist dies ein fataler Fehler, denn Ji Young-min (Ha Jung-woo) ist kein konkurrierender Zuhälter, sondern ein gefährlicher Serienmörder. Als Mi-jin in seinem Haus eintrifft, überwältigt er sie und macht sich daran, sie zu töten. Dabei wird er jedoch unerwartet gestört und muss das Haus verlassen. Auf der Straße prallt er durch Zufall mit Jung-ho zusammen. Schnell erkennt der ehemalige Ermittler, dass es sich bei dem Mann um den Kunden handelt, zu dem er Mi-jin geschickt hat, und nimmt die Verfolgung auf.
Als beide Männer schließlich von der Polizei verhaftet werden, gesteht Young-min zur Überraschung der Beamten nach kurzer Zeit seine ungeheuerlichen Verbrechen. Während man ihn verhört und eine Verbindung zu einer zurückliegenden Mordserie herstellt, sucht Jung-ho nach Mi-jin, die trotz der Verhaftung ihres Kidnappers nach wie vor in höchster Gefahr schwebt.
Ein Killer gegen das System
The Chaser ist das Spielfilmdebüt von Regisseur Na Hong-jin, der mittlerweile durch Werke wie The Yellow Sea, The Wailing – Die Besessenen und seinen neuen Film Hope für Filmfans zu einem Inbegriff für spannendes Genrekino geworden ist. Dabei verliert der Filmemacher nicht den Bezug zur Realität, weshalb seine Figuren sowie seine Geschichten eine deutliche Verbindung zu unserer Wirklichkeit haben – insbesondere zu ihren düsteren Aspekten. Migration, Ausbeutung und Klassengesellschaft sind nur drei Aspekte, mit denen sich Na Hong-jins Filme immer wieder auseinandersetzen. Die Protagonisten kämpfen gegen eine Übermacht an, versuchen zu überleben oder sich so etwas wie Würde in einer zutiefst unmoralischen Gesellschaft zu bewahren. In The Chaser kann man die Themen von Na Hong-jins Werk vielleicht am besten erkennen, wenn der Actionthriller das moralische Versagen eines Systems zeigt und der Kampf des Protagonisten buchstäblich zu einem Lauf durch ein dunkles urbanes Labyrinth wird.
Eine weitere Auffälligkeit bei vielen von Na Hong-jins Filmen ist das Verwischen der Trennung zwischen Gut und Böse. Young-min ist zweifelsohne eine beängstigende, stets gewaltbereite Person, deren Handeln man mit tiefer Abscheu und Ekel beobachtet. Er ist dabei nicht sonderlich geschickt oder gar schlau – er ist weit entfernt von einem Hannibal Lecter oder vergleichbaren Figuren der Filmgeschichte. Als ein Polizeibeamter bei seinem Verhör eine Beobachtung macht und sein Lügenkonstrukt zu zerfallen beginnt, gibt Young-min freimütig seine Taten zu. Er ist sogar kooperationsbereit, als es darum geht, die Morde zu schildern, wobei er sichtlich Freude daran hat, den Beamten die blutigen Details seiner Taten zu erzählen. Ha Jung-woo spielt Young-min mit einer beängstigenden Intensität, die manche Szenen sehr unbequem werden lässt, wie zum Beispiel seine Interaktion mit einer weiblichen Beamtin, die er mit seinen blutigen Schilderungen und Kommentaren aus der Reserve locken will. Die Frage, wer der Böse ist, wird in The Chaser bereits in den ersten zehn Minuten beantwortet. Das eigentlich Schockierende ist, dass der Killer sich von da an durch ein korruptes System manövriert, dessen Handeln nicht auf Moral oder Gerechtigkeit, sondern auf der Bewahrung des Prestiges einer Institution fußt.
Fast schon konsequent erscheint es da, wenn der „Gute“ eine Existenz am Rande der Gesellschaft führt. Kim Yoon-seok spielt Eom Jung-ho als einen Menschen, der sich im Netz der Korruption verfangen hat und immer tiefer in einen dunklen Abgrund zu versinken droht. Dabei ist es interessant zu sehen, dass er, obwohl er die Dienstmarke vor langer Zeit abgegeben hat, nach wie vor mit der Autorität eines Systemvertreters agiert. Er schlägt, beleidigt und nutzt andere Menschen zu seinem Vorteil aus – selbst wenn er später ein gutes Ziel verfolgt, bleiben seine Methoden gleich. Lediglich die Erkenntnis, dass es noch eine weitere Stufe unterhalb seiner eigenen moralischen Verrohung gibt, wird für ihn zu einem Antrieb. Seine Konfrontation mit dem Serienkiller erscheint wie ein Kampf gegen sich selbst – eine Hoffnung darauf, dass er menschlich noch nicht verloren ist und noch nicht dieselbe Stufe erreicht hat wie sein bestialisch mordendes Gegenüber.
Das urbane Labyrinth
Das Labyrinth wird zum Leitmotiv von The Chaser. Seoul hat in Na Hong-jins Film nichts Glamouröses mehr und wird auf eine schier unendliche Abfolge immer gleich aussehender dunkler, dreckiger Straßen reduziert. In diesen Straßen, Gassen und Hinterhöfen etwas zu finden, wird dabei zur Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Man kann den Frust von Jung-hos Handlanger durchaus verstehen, als sein Boss ihm einen Schlüsselbund in die Hand drückt, auf ein Haus auf einem Hügel zeigt und ihm den Auftrag gibt, er müsse in der Straße das passende Schloss zu einem dieser Schlüssel finden. Die bittere Ironie ist, dass selbst ein glücklicher Fund oder ein Zufall keineswegs Erlösung bringt, denn als es Jung-ho gelingt, den Killer das erste Mal zu stellen, muss er feststellen, dass die Polizei keinerlei Interesse daran hat, den Fall wirklich aufzuklären. Statt Klarheit folgt nur noch mehr Chaos, was die Suche des „Helden“ zu einer absurden Sisyphusarbeit werden lässt.
Nur selten sehen wir die Menschen, die in dieser Welt wirklich leiden. Mi-jin fleht ihren Angreifer um Gnade an und muss wenig später blutend und verwirrt versuchen, sich einen Ausweg aus dieser Hölle zu erkämpfen. Ein junges Mädchen schreit und weint hinter der Scheibe eines fahrenden Autos, doch es ist eine stumme Anklage, da sie niemand hört und der Mann am Steuer mit etwas anderem beschäftigt ist. Die Gewalt und das Leid sind omnipräsent in The Chaser, doch die Instanzen, die für Gerechtigkeit sorgen sollen, sind nur am eigenen Überleben interessiert. Und derjenige, der Abhilfe schaffen will, rennt derweil wie ein gehetztes Tier durch ein Labyrinth – immer tiefer hinein in die Dunkelheit.
OT: Chugyeokja
Land: Südkorea
Jahr: 2008
Regie: Hong-jin Na
Drehbuch: Hong-jin Na, Shin-ho Lee , Won-chan Hong
Kamera: Song-jae Lee
Musik: Joon-seok Kim, Yong-rak Choe
Besetzung: Yoon-seok Kim, Jung-woo Ha, Young-hee Seo, Bon-woong Koo, Yoo-jung Kim
Cannes 2008
Fantasy Filmfest 2026
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