
Seit einiger Zeit werden die Menschen von einer rätselhaften Krankheit befallen. So färben sich die Augen der Befallenen schwarz. Außerdem nehmen ihre geistigen Fähigkeiten allmählich ab, sie können sich auch nicht mehr mitteilen. Zwar sind die Betroffenen nicht ansteckend, weshalb eigentlich keine Gefahr von ihnen ausgeht. Da es aber auch keine Heilung gibt, werden sie von den übrigen verstoßen und gefürchtet. In Folge hat sich ein spezielles Ritual gebildet. Männer wie Jacob Ven Veren (Thierry Frémont) reißen den Kranken die Zähne aus, nähen Mund und Augen zu, bringen eine Maske an und setzen die Leute dann in der Wildnis aus, wo sie dann elendig herumirren und irgendwann sterben. Aber auch zu Hause neigt er zur Grausamkeit, unterdrückt sowohl seine Frau Emilie (Isabelle Anciaux) wie auch seine Tochter Zelie (Zelie Rixhon) …
Bekannt und bizarr in einem
Sehr umfangreich ist die Filmografie von Quarxx bislang nicht. Dafür fallen die Werke des französischen Regisseurs und Drehbuchautors immer dadurch auf, dass sie besonders düster und zugleich reichlich bizarr sind. So handelte sein Langfilmdebüt All the Gods in the Sky (2018) von einem jungen Mann, der sich um seine bettlägerige, entstellte Schwester kümmern muss und auf Erlösung von oben hofft. 2023 folgte der zweite Film Pandemonium – Die Hölle kennt keine Vergebung, eine Anthologie über diverse höllische Schicksale. Nun steht mit The Ones Who Grieve das dritte Werk an. Und auch wenn diesmal die übernatürlichen Elemente zurückgefahren wurden, das meiste durchaus realistisch ist, ist der Film nicht minder bizarr geworden.
Dieses Mal reisen wir mit dem Franzosen in eine nicht näher bestimmte alternative Vergangenheit, wo eine sonderbare Krankheit um sich greift. Woher diese kommt, verrät der Film nicht. Muss er aber auch nicht, da es Quarxx mehr darum geht, die Folgen aufzuzeigen, insbesondere das menschliche Verhalten. Wenig überraschend ist dieses wenig von einem humanistischen Gedanken geprägt. Die Menschen in The Ones Who Grieve sind von Angst geprägt, können nicht mit Andersartigkeit umgehen, weshalb diese ausgemerzt werden muss. Es ist da nicht sonderlich schwierig, Verbindungen zu heute aufzubauen. Trotz des historischen Settings und der verstörend-surrealen „Behandlung“ darf einem einiges bekannt vorkommen. Die irrationale Reaktion, in Kombination mit dem Hang zur Gewalt, das ist etwas, das offensichtlich eng mit der menschlichen Natur verbunden ist.
Auf der Suche nach Menschlichkeit
Anfangs meint man dabei noch, dass der Film primär eine Kritik an Religion sein soll, deren Vertreter Jacob ist. Dass der das mit den göttlichen Regeln nicht ganz so genau nimmt, er selbst sich nicht an das hält, was er predigt, macht ihn zu einer idealen Hassfigur. Aber nicht zur einzigen. So kommen später noch Wissenschaftler hinzu, die zwar gegen den Aberglauben wettern, dadurch aber kein Stück humanistischer agieren. Und selbst bei den Unterdrückten und Ausgestoßenen treten irgendwann Abgründe hervor. Die Frauenfiguren sind in The Ones Who Grieve etwas positiver gezeichnet, wobei es Quarxx offenlässt, ob dies damit zusammenhängt, dass Frauen die besseren Menschen sind oder sie einfach in einem patriarchischen System weniger Möglichkeiten haben, andere zu unterdrücken.
Das ist manchmal schockierend, oft aber zumindest bedrückend. Hier und da lockert der Film das Geschehen mal etwas auf, vor allem durch zwei Männer, die Ausschau nach den maskierten Leichen halten. Das ändert aber nichts daran, dass The Ones Who Grieve ein durch und durch abgründiges, nihilistisches Werk ist, das einem den letzten Glauben an die Menschheit raubt. Manchmal zieht sich dieses ein wenig, wenn sich zwischendurch nicht mehr viel ändert. Und auch wenn der Titel dies erwarten lässt, tatsächlich traurig wird es hier nur sehr selten. Dafür gibt es zwischendurch wunderbare Bilder, wie man des von dem Regisseur, der früher auch als Maler tätig war, erwarten kann. Selbst wenn er diese Tätigkeit ruhen lässt, seinen Blick für das Schöne hat er bewahrt – und eben für das Hässliche, das in uns lauert.
OT: „Les Åmes en peine“
Land: Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Quarxx
Drehbuch: Quarxx
Musik: Benjamin Leray
Kamera: Antoine Carpentier
Besetzung: Thierry Frémont, Zelie Rixhon, Isabelle Anciaux
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