
Dass Lucien auf Männer steht, weiß er natürlich. In seinen Fantasien schwärmt er immer von diesen, allen voran von dem muskelbepackten Influencer Jim Queen, der Held der queeren Szene. Nur darf davon niemand wissen, allen voran nicht seine Mutter, die als konservative Politikerin alles verabscheut, was nicht in ihr Weltbild passt. Eines Tages nimmt Lucien dennoch all seinen Mut zusammen und besucht einen angesagten Nachtclub, in der Hoffnung, seinem Idol näherzukommen. Das gelingt ihm auch. Ansonsten läuft aber nichts nach Plan. Nicht nur, dass Jim den schmächtigen Jüngling keines Blickes würdigt, so wie er allgemein auf viele herabblickt. Er hat sich zudem einen Virus eingefangen, der seit Kurzem grassiert und alle Schwulen hetero werden lässt. Das muss die Ikone natürlich um jeden Preis verhindern – und braucht dafür ausgerechnet die Hilfe von Lucien …
Knallbunt und durchgeknallt
Seit einiger Zeit ist Cannes eine erstklassige Adresse für Animationsfilme, in den letzten Jahren haben zahlreiche spannende Werke bei dem Festival ihre Weltpremiere gefeiert. Und auch 2026 gab es einen recht bunten Mix sehr unterschiedlicher Filme. Sehr gefühlvoll waren sowohl die Coming-of-Age-Tragikomödie Iron Boy um einen Jungen, der ein Eisenkorsett tragen muss, die Mobbing-Langzeitbetrachtung We Are Aliens als auch das autobiografische Demenzdrama Tangles. Wem das alles aber zu viel schwerer Stoff war, der bekam in der Midnight Screenings ein starkes Kontrastprogramm. Denn in der Sektion, in der oft Horrorfilme oder andere Genrebeiträge laufen, debütierte auch Jim Queen – eine ebenso knallbunte wie durchgeknallte Komödie.
Das Szenario ist sicherlich ungewöhnlich: Ein Virus greift um sich, der alle Homosexuellen zu Heterosexuellen mutieren lässt. Oder zumindest den männlichen Teil. Frauen sind bei Nicolas Athane und Marco Nguyen, die gemeinsam Regie führten und neben anderen an dem Drehbuch arbeiteten, selbst eine Minderheit. Ob auch Lesben auf einmal Männer lieben, wird nicht einmal thematisiert. Zwar gibt es mit der Ministerin und Jims bester Freundin zwei Frauen, die wichtig sind für die Geschichte. Nur sind die eben hetero. Die sexuelle Orientierung ist dabei in Jim Queen auch immer gleich Weltbild. Die Figuren entsprechen bestimmten Stereotypen, die in klare Raster eingeteilt werden. Jede gehört dann auch zwingend einem Raster an. Nuancen? Ambivalenzen? Die gibt es bei dem französisch-belgischen Film nicht.
Derbe Satire
Das muss nicht unbedingt ein Manko sein, da das Duo diese Stereotypen durchaus humoristisch zu nutzen versteht. Immer wieder werden hier satirische Pfeile verschossen, wobei nichts und niemand vor dem Spott sicher ist. Ob Diskriminierungen innerhalb der LGBTQ+-Szene angesprochen werden, der Hedonismus oder bestimmte Eigenheiten, da werden ständig Witze gerissen. Nicht alle davon sind wirklich zielsicher. Geschmackvoll sowieso nicht: Jim Queen suhlt sich geradezu in seinem derben Humor, der die Grenzen der politischen Korrektheit bewusst überschreitet. Aber es macht doch oft richtig viel Spaß, wenn sich das ungleiche Duo auf eine irrwitzige Odyssee begibt. Der Film ist dabei so vollgepackt mit absurden Einfällen, dass es nicht weiter störend ist, wenn Teile doch recht konventionell geraten sind.
Verpackt wird das Ganze in eine kunterbunte Optik. Wenig überraschend dominieren Pink und andere grelle Farben, auch in der Hinsicht hält man sich an die Klischees. Dazu gibt es eine Reihe visueller Gags, wenn beispielsweise sogenannte Bären – kräftig gebaute und haarige Schwule, eine sehr gebräuchliche Typbeschreibung – auch tatsächlich in Bärengestalt auftreten. Einige Designs sind dabei schön schräg geworden, andere sind eher etwas eintönig. Insgesamt ist das aber alles etwas schlichter. Vergleichbar zu vielen anderen westlichen Animationsfilmen für Erwachsene setzt man bei Jim Queen auf cartoonartige Figuren und einfache Hintergründe. Das mag dann nicht so wahnsinnig ambitioniert sein, passt aber gut zu dieser schrillen Satire.
OT: „Jim Queen“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Nicolas Athane, Marco Nguyen
Drehbuch: Simon Balteaux, Marco Nguyen, Nicolas Athane, Brice Chevillard
Musik: Mathieu Rosenzwig, Benjamin Nakache
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