
Wer kennt es nicht? Man sitzt abends auf der Couch, will einen Film schauen – und scheitert an der schieren Masse dessen, was Streamingdienste, Mediatheken und Apps bereithalten. Genau dieses Alltagsdilemma bildet den Ausgangspunkt von Home Entertainment. Marie (Nadine Dubois) und Florian (Joseph Bundschuh) hatten eigentlich Freunde eingeladen, doch die sagen kurzfristig ab. Also beschließen die beiden, Essen zu bestellen und den Abend gemütlich vor dem Bildschirm zu verbringen. Was banal beginnt, entwickelt schnell eine eigene Dynamik. Schon die Wahl des Lieferdienstes wird zur Geduldsprobe, die Filmsuche verläuft im Sande – mal passt das Angebot nicht, mal streikt die Technik, mal fehlt das richtige Abo – und das Essen kommt auch nicht. Mit wachsender Frustration brechen unter der Oberfläche liegende Konflikte auf. Aus der Frage nach dem richtigen Film werden grundlegendere Fragen an die Beziehung und an das eigene Leben. Schließlich nimmt der Abend durch äußere Einflüsse einen Verlauf, der so nicht vorhersehbar war.
Generationenporträt als Kammerspiel
Home Entertainment ist der neue Film von Dietrich Brüggemann, der in den 2010er Jahren mit Arbeiten wie 3 Zimmer/Küche/Bad, Kreuzweg oder Heil zu den interessantesten deutschen Regisseuren zählte und zuletzt mit originellen Tatort-Beiträgen wie Murot und der Elefant im Raum auffiel. Der Film, der seine Premiere auf dem Filmfest München 2025 feierte, ist sein erster Kinofilm seit Nö (2021) – und zugleich sein bislang radikalster in der Reduktion. Gedreht in nur elf Tagen, meist mit zwei Personen vor und zwei hinter der Kamera, spielt er fast vollständig in einer Berliner Altbauwohnung. Das Thema liegt dabei auffällig nah an Brüggemanns eigener Lebensrealität – und vermutlich auch an der seines Publikums. „Alle kleben jetzt dauernd am Handy und gucken Netflix. Ich sehe aber keine Filme über Leute, die am Handy kleben und Netflix gucken“, erklärte der Regisseur. Also drehte er diesen Film kurzerhand ohne Senderbeteiligung, gewissermaßen als cineastischen Selbstversuch, mit minimalen Budget selbst.
Herausgekommen ist ein Kammerspiel, das sich größtenteils auf ein Sofa beschränkt und dennoch als Porträt einer ganzen Generation gelesen werden kann. Marie und Florian gehören zur urbanen Mittelschicht, finanziell abgesichert, kreativ, politisch und gesellschaftlich interessiert – junges Bildungsbürgertum, das sich aus einer komfortablen Position heraus mit den Zumutungen der Gegenwart konfrontiert sieht. Die Probleme des Abends sind klassische First-World-Probleme: Was schauen wir? Was essen wir? Und doch scheinen die beiden vom Überangebot des digitalen Zeitalters regelrecht überfordert. Unweigerlich fragt man sich als Zuschauer, wie dieses Paar reagieren würde, wenn es einmal wirklich ernst würde.
Originell aber nicht radikal
Zum Ende hin wird es dann ernster – zumindest ein wenig. Brüggemann treibt seine Figuren jedoch nie so weit aus der Komfortzone, dass es existenziell schmerzhaft würde. Das Milieu, das er zeigt, kennt er offenkundig gut, was der Präzision und Glaubwürdigkeit des Films zugutekommt. Nadine Dubois und Joseph Bundschuh tragen diese Genauigkeit mit konzentrierten, aber unspektakulären Leistungen. Unterstützt wird das durch die Inszenierung von Kamera und Licht (Alexander Sass), die das Wohnzimmer immer wieder neu strukturiert und die Nähe zu den Figuren sucht. Die Kamera und damit das Publikum rückt ihnen sehr dicht auf den Leib – manchmal so nah, dass es die Perspektive der Figur übernimmt, etwa beim Swipen in einer Dating-App im Badezimmer.
Idee und Ausführung von Home Entertainment sind ohne Zweifel originell. Umso bedauerlicher ist es, dass Brüggemann seinem eigenen Konzept nicht ganz vertraut. Nach und nach treten äußere Einflüsse auf den Plan – die Nachbarin erscheint, ein befreundetes Paar kommt vorbei, die Polizei klingelt –, die die Handlung vorantreiben sollen. Das mag dramaturgisch für Abwechslung sorgen, nimmt dem Film aber etwas von seiner Radikalität. Die von außen hereingetragenen Konflikte wirken stellenweise aufgesetzt, fast wie ein Zugeständnis an erwartete Spannungsbögen, ohne deren Versprechen wirklich einzulösen. So bleibt am Ende ein kluger, präzise beobachteter Film, der viel über sein Milieu weiß, sich aber nicht ganz traut, ihm kompromisslos zuzusehen. Vielleicht hätte gerade das gereicht – auch auf die Gefahr hin, dass man sich fragen müsste, ob ein Fernsehabend auf dem Sofa einen ganzen Spielfilm trägt.
OT: „Home Entertainment“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Dietrich Brüggemann
Buch: Dietrich Brüggemann
Musik: Dietrich Brüggemann
Kamera: Alexander Sass
Besetzung: Nadine Dubois, Joseph Bundschuh, Hanns Zischler, Anna Brüggemann, Karoline Teska, Valentin Stilu, Monika Anna Wojtello, Ilker Çatak, Folke Renken
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