
Venedig im Jahr 1716: Cecilia (Tecla Insolia) ist im Ospedale della Pietà zur jungen Frau herangewachsen, einem klösterlichen Heim für verwaiste Mädchen mit angeschlossenem Orchester. Bald soll sie für ein happiges Brautgeld an den Offizier Sanfermo (Stefano Accorsi) verkauft werden. Dann, so sind die Regeln, darf sie nicht mehr ihre geliebte Geige spielen. Verzweifelt sucht Cecilia nach einem Ausweg, schreibt herzzerreißende, tagebuchartige Briefe an ihre unbekannte Mutter, die natürlich niemals abgeschickt werden können. In einer Phase des musikalischen Umbruchs kommt der Komponist und Geigenvirtuose Antonio Vivaldi (Michele Riondino) als musikalischer Leiter ans Ospedale della Pietà. Er erkennt die außerordentlichen Qualitäten der Violinistin und weckt in der melancholischen Cecilia Aufbruchsstimmung, nicht nur wegen des „Frühlings“ aus dem Mega-Klassik-Hit „Die vier Jahreszeiten“.
Weggeworfen wie Abfall
Ist das nicht ein Miauen? Hinter einem Holzstapel entdeckt eines der Mädchen eine Katze mit ihren Jungen. Sofort eilen die anderen herbei, um die Neugeborenen zu bestaunen. Aber auch die Oberin (Fabrizia Sacchi) ist im Anmarsch. Sie packt die Kätzchen in einen Sack und ertränkt sie erbarmungslos im Kanal. Weggeworfen wie Abfall, so fühlt sich auch Cecilia, die einst wie alle anderen in der Babyklappe des Klosters deponiert wurde. Seit der Pubertät ringt die junge Frau mit dem Rätsel ihrer Herkunft, quält sich mit obsessiven Gedanken, die nur durch das Aufschreiben ein wenig von ihrer peinigenden Kraft verlieren. Und durch das Musizieren. „Du spielst nicht, um gelobt zu werden“, sagt Vivaldi zu ihr. Das unterscheide sie von den anderen, die technisch teils besser sind. Vivaldi selbst ist dagegen von der Sucht nach Anerkennung nicht frei, wie die aufgeweckte Cecilia rasch bemerkt. Er fühlt sich wie sie als Außenseiter, seit Kindertagen geplagt von einem Asthma-ähnlichen Leiden, das eine Karriere als Priester verhindert. Aber er geht mit seinem Trauma anders um. Die vielschichtige Beziehung des Maestros zu seiner Muse ist das Leitthema des Historien- und Musikfilms, in das sich eine ganze Reihe von Nebenmotiven einflechten. Gängige Genreerwartungen werden geweckt, aber auch durch überraschende Wendungen gebrochen.
Eines der Nebenmotive ist etwa das widersprüchliche Faszinosum der venezianischen Waisenhäuser des 18.Jahrhunderts, das den erfahrenen Opernregisseur Damiano Michieletto bei seinem zweiten Film ebenso anlockt wie es kurz zuvor Margherita Vicario in Gloria! (2024) fesselte. Einerseits Stätten der Ausbeutung und einer Art Menschenhandels, verhelfen diese Häuser einem Teil ihrer Schützlinge zu einer musikalischen Bildung auf höchsten Niveau. Die Orchester zählen zu den besten Italiens, sie ziehen Adlige aus ganz Europa an. Berühmte Musikerinnen und Komponistinnen sind daraus hervorgegangen, weshalb sich die dunklen Klostermauern auch dafür eignen, von fiktiven Emanzipationsgeschichten aufgebrochen zu werden. Die Kraft der Musik ist vor allem in jenen glückseligen Momenten spürbar, in denen die anspruchsvollen, für die damalige Zeit revolutionären Kompositionen Vivaldis zum dynamischen Miteinander in einem Orchester führen, das in der Kirche nur versteckt hinter den Gittern der Empore spielen darf und im Freien nur mit Gesichtsmasken. Lediglich ein individualitätsloser Schatten sollen die Musikerinnen sein, und doch gibt man ihnen Instrumente in die Hand, mit denen sie ihre persönlichen Gefühle aufs Schönste in die Welt tragen.
Feinfühlige Tonspur
Michieletto widersteht in seiner freien Bearbeitung des Romans Stabat Mater von Tiziano Scarpa geschickt der Versuchung, eine Playlist mit dem Vivaldi-Gedudel abzunudeln, wie man sie heute in jedem Supermarkt um die Ohren gehauen bekommt. Er verfremdet das musikalische Material, deutet es leicht an, haucht es nur hin, um erst im Abspann den „Frühling“ in voller Gestalt aufblühen zu lassen, der im italienischen Original den Filmtitel abgibt. Trotzdem ist Vivaldi und ich auch ein Musikfilm, genauso wie er das Genre des Historien- und Ausstattungsfilms bedient. Und wie er das der Filmbiografie streift, indem er Vivaldi nicht nur als den strahlenden Komponisten zeigt, den wir heute vor Augen haben, sondern die Schwierigkeiten und das Auf und Ab beleuchtet, die seine Karriere begleiteten. Wie solche Widrigkeiten in seine Musik einflossen und welche Welten er sich auf Notenpapier erschloss – auch das macht der Film auf seiner feinfühligen Tonspur hörbar.
Natürlich wird man solches von einem Opernregisseur erwarten. Umso beeindruckender ist der filmische Rhythmus, für den sich Damiano Michieletto die Professionalität von Kamerafrau Daria D’Antonio und Schnittmeister Walter Fasano ins cineastische Kammerorchester geholt hat. Die Frau hinter der dynamischen Kamera, die mehrmals Filme von Paolo Sorrentino fotografiert hat, setzt auf Kontrapunkte zwischen drinnen und draußen, hell und dunkel, nah und fern. Der Schnitt bindet die kontraststarken Akzente in emotionsstarken Parallelmontagen zusammen. Gemeinsam erschaffen sie sie so eine Sinfonie um ein starkes Thema herum, das von nicht weniger attraktiven Nebenmelodien umspielt wird. Im Querschnitt der filmischen Partitur gleicht Vivaldi und ich dabei einer Oper, die von universellen Gefühlen in ihrer ganzen Reinheit und Kraft dominiert wird: Sehnsucht, Freiheitsdurst, aber auch Enttäuschung, Demütigung und Rache.
OT: „Primavera“
Land: Italien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Damiano Michieletto
Drehbuch: Ludovica Rampoldi, Damiano Michieletto
Vorlage: Tiziano Scarpa
Musik: Fabio Massimo Capogrosso
Kamera: Daria D’Antonio
Besetzung: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi, Andrea Pennacchi, Valentina Bellè
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