Regisseur Regisseur Damiano Michieletto (Mitte, © X Verleih)

Damiano Michieletto [Interview]

Seit mehr als 20 Jahren inszeniert Damiano Michieletto Opern, jetzt hat er auch seinen ersten Spielfilm in Szene gesetzt. Vivaldi und ich handelt von der talentierten Geigerin Cecilia (Tecla Insolia). Sie spielt im Venedig des Jahres 1716 die Violine im Orchester des venezianischen Waisenhauses Ospedale della Pietà, wo sie auch aufgewachsen und quasi eingesperrt ist. Bald soll sie für ein happiges Brautgeld an den Offizier Sanfermo (Stefano Accorsi) verkauft werden. Dann, so sind die Regeln, darf sie nicht mehr musizieren. Verzweifelt sucht Cecilia nach einem Ausweg. Der scheint nah, als der Komponist und Geigenvirtuose Antonio Vivaldi (Michele Riondino) als musikalischer Leiter ans Ospedale della Pietà kommt und Cecilias besondere Begabung fördert. Zum Kinostart am 21. Mai 2026 sprachen wir mit Damiano Michieletto über die Kombination von Historie und Fiktion, über die besondere Frische von Vivaldis Musik sowie über filmische und musikalische Rhythmen.

Ihr Film basiert lose auf dem Roman Stabat Mater von Tiziano Scarpa. Was hat Sie bei der Lektüre am meisten gereizt?

Mich hat fasziniert, dass es sich um eine wahre historische Situation mit einer wahren historischen Figur handelt, dass man aber gleichzeitig die Möglichkeit hat, eine Menge zu erfinden. Denn es gibt neben Antonio Vivaldi die fiktive Figur der Cecilia. Zwar hätte auch Cecilia ein realer Charakter sein können, denn Vivaldi hat Musik hinterlassen, die er explizit für Geigerinnen aus den Venezianischen Waisenhäusern geschrieben hat. Wir kennen die Namen dieser Musikerinnen. Aber Cecilia ist ein fiktiver Name und der Film kann historische Fakten mit fiktiven Ereignissen und Geschichten mischen.

Ich habe gelesen, dass der Roman nicht besonders filmisch angelegt ist, weil er hauptsächlich aus Briefen und inneren Monologen besteht. Welche Freiheiten mussten Sie sich nehmen?

Drehbuchautorin Ludovica Rampoldi und ich haben neue Charaktere hinzugefügt, zum Beispiel die Priorin des Klosters, die sich um die Mädchen kümmert und sie beaufsichtigt. Außerdem steht Sanfermo nicht im Roman, der Offizier, der Cecilia heiraten möchte. Die Verwicklungen, die sich daraus ergeben, haben wir ebenfalls hinzugefügt. Wir haben den Roman sozusagen erweitert. Aber ich bin sicher, dass ich ohne die Vorlage den Film nicht gemacht hätte. Sie hat mir die Idee gegeben, obwohl ich wusste, dass wir die Geschichte etwas komplexer gestalten müssten.

Sie sind Opernregisseur, Musik spielt für Sie also eine zentrale Rolle in Ihrem Leben. Welche Rolle spielt sie in Vivaldi und ich?

Ich habe die Geschichte den Produzenten auch deshalb vorgeschlagen, weil ich wusste, dass Musik eine große Rolle spielen würde. Sie ist wie ein weiterer Charakter. Deshalb habe ich entschieden, dass sämtliche Musik, die auf der Leinwand gespielt wird, von Vivaldi stammt. Die übrige Musik, die wir lediglich hören, also der klassische Soundtrack, ist zeitgenössisch. Sie wurde komponiert von Fabio Massimo Capogrosso. Die Idee dabei war, dass sie sich anfühlen müsste wie Barockmusik, obwohl sie modern ist. Es gibt Passagen im Film, in denen der Dialog aussetzt und nur noch Musik zu hören ist. Etwa in den sieben Minuten am Ende, in denen wir Musik von Fabio Massimo Capogrosso hören. Die beiden Komponenten zusammen – Barock und zeitgenössisch – helfen dem Film, nicht im historischen Rahmen zu bleiben, sondern die Geschichte in einen Dialog mit moderner Ästhetik zu bringen.

Für Cecilia ändert sich durch Vivaldis Musik ihr Leben. Sie wird quasi zu einer anderen Frau, mutiger und selbstbewusster als zuvor. Was ist das Besondere an Vivaldis Musik?

Ich würde sagen, es sind der Rhythmus, die Frische, der Beat. Das sind Dinge, die wir bis heute an dieser Musik schätzen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn ich daran denke, dass dieser Mann für fast zwei Jahrhunderte komplett vergessen war, aber dass, wenn man heute zum Beispiel Spotify öffnet, fünf Millionen Menschen diese Musik hören. Warum ist das so? Ich glaube, wegen der Kraft, die Vivaldi ausstrahlt. Übrigens habe ich während der Arbeit am Film Werke von Vivaldi entdeckt, die ich bisher nicht kannte. Besonders seine religiöse Musik ist für mich die modernste. Sie geht tief ins Innere, kann sehr berührend und dramatisch sein.

Auf Cecilia hat Vivaldi einen befreienden Einfluss. Was ist für Sie das Subversive an Vivaldi und an Musik im Allgemeinen?

Musik hat die Kraft, einen wachzurütteln. Sie lässt einen präsent sein, die Gegenwart spüren. Man denke nur daran, dass Musik die Macht hat, Menschen zum Tanzen zu bringen. Warum das so ist, hat mich immer zum Nachdenken gebracht. Es passiert ja sogar bei Kindern. Wenn sie Musik hören, beginnen ihre Körper, sich zu bewegen. Letztlich sprechen wir von etwas sehr Ursprünglichem. Die Kraft des Rhythmus bringt Menschen zum Tanzen und die Kraft der Melodie berührt ganz tief ihr Inneres und lässt sie manchmal sogar weinen. Sogar zum Denken kann uns Musik veranlassen. Eine große Sinfonie oder eine Wagner-Oper versetzt uns in eine abstrakte Welt, die am Ende wie eine Art Philosophie erscheint. Es gibt also verschiedene Ebenen musikalischer Wirkung. Dabei respektiere ich alle Arten musikalischer Sprachen. Ich bin kein Klassizist, sondern offen für moderne Musik.

Rhythmus ist essenziell in der Musik. Aber auch beim Film spricht man von Rhythmen und visuellen Bögen. Wie haben Sie mit Kamerafrau Daria d’Antonio gearbeitet?

Daria d’Antonio steht häufig in den Filmen von Paolo Sorrentino hinter der Kamera. Sie bringt eine starke Ästhetik und einen starken sinnlichen Touch mit, eine schöne Sensibilität für Licht und für das Schaffen einer Atmosphäre. Wir arbeiteten sehr eng zusammen, um den Look des Films zu kreieren. Es gibt zum Beispiel keine tricktechnische Nachbearbeitung des Materials. Was man sieht, ist wirklich das, was wir aufgenommen haben. Wir haben uns auf einfache Dinge verlassen, zum Beispiel auf die Kerzen und die Wärme ihres Lichts. Alles ist sehr direkt.

Und wie war die Zusammenarbeit mit Cutter Walter Fasano, der ja noch direkter den filmischen Rhythmus verantwortet hat?

Schnittmeister Walter Fasano hat mehrere Filme von Luca Guadagnino montiert. Mit ihm habe ich versucht, einen besonderen Rhythmus zu gestalten, nicht nur in den Szenen mit Musik, was nicht einfach ist, weil man einen Weg finden muss, sich mit ihr zu verbinden. Sondern wir wollten auch die anderen Schnittfolgen so gestalten, dass sie überraschen, statt vorhersehbar zu sein. Zwar habe ich mich auf der Ebene der Erzählung entschieden, sehr klassisch zu bleiben. Es gibt einen Anfang, einen unvorhergesehenen Vorfall, eine Entwicklung und ein Ende. Aber durch die Bilder, die Musik und den Schnitt wollte ich diejenige moderne Sprache und Ästhetik in den Film bringen, die mir am Herzen liegen. Auf diese Weise hoffe ich, dass der Film viele Menschen anspricht, indem er seine Geschichte präzise erzählt, und zwar aus der Perspektive von Cecilia, einer modernen Figur, die uns heute mit unseren gegenwärtigen Themen berühren kann. Übrigens habe ich die Zusammenarbeit mit beiden, Daria d’Antonio und Walter Fasano, sehr genossen. Ich habe viel von ihnen gelernt. Sie sind großartige Künstler.

Welche Rollen spielen Farben und Licht in ihrer Arbeit, sowohl in der Oper wie auch im Film?

Eine sehr große. Wenn man eine Oper vorbereitet, die Bühne einrichtet und mit den Sängern arbeitet, kann man das Ganze mit der falschen Beleuchtung verderben, indem man ein Bild schafft, das keine Emotion transportiert. Licht kann die Szene wirklich verzaubern, damit kann man überraschen. Für den Film gilt das noch stärker, denn alles geht durch die Linse der Kamera. Natürlich kann man heute mit den digitalen Effekten Unglaubliches in der Postproduktion anstellen. Aber, ehrlich gesagt, an dieser Technologie bin ich nicht interessiert, vielleicht weil ich vom Theater komme. Ich möchte das Filmset so gestalten, als stünde ich auf einer Bühne, auf ehrliche und authentische Weise. Licht und Farben kreieren wir am Set. Das ist das, was das Publikum von mir bekommt.

Die Geschichte von Venedigs Waisenhäusern ist auch in dem Film Gloria! von Margherita Vicario präsent. Wussten Sie, dass dieser Film und der Ihre in relativ kurzer Zeit aufeinander folgen würden?

Ich wusste, dass Margherita ihren Film dreht, der etwa ein Jahr vor unserem in die Kinos kam. Ich habe ihn gesehen und war danach erleichtert, weil ich sah, dass beide Filme sehr unterschiedlich sind. Gloria! ist nicht ausdrücklich an Venedig gebunden, Vivaldi kommt darin nicht vor. Natürlich ist es dieselbe Ausgangslage, es geht um Lehrer und Schülerinnen. Aber zum Beispiel die Funktion der Musik ist völlig verschieden. Margherita setzt ihre eigene musikalische Sprache und ihre eigenen Songs ein. Ich bin recht glücklich, dass das Thema der Waisenhäuser und von Vivaldi in der Luft lagen. Es gab übrigens auch ein deutsches Projekt, einen Film über Vivaldi zu machen. Zu Beginn der Arbeit an unserem Film war ich etwas besorgt, dass Margheritas Arbeit und die unsere einander zu ähnlich werden könnten. Aber inzwischen geht es mir sehr gut damit.

Ihr Terminkalender als Opernregisseur ist sicher sehr voll. Bleibt da noch Raum für einen nächsten Film?

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich hoffe es. Und ich werde mir Zeit freischaufeln für ein neues Filmprojekt.

Zur Person
Damiano Michieletto wurde 1975 in Venedig geboren. Er gilt als einer der visionärsten und revolutionärsten Opernregisseure Italiens und darüber hinaus. Seit 2003 inszeniert der Regisseur zahlreiche Opern für die größten italienischen und internationalen Häuser, von La Scala in Mailand bis zum Royal Opera House in London, von La Fenice in Venedig bis zur Staatsoper in Berlin und der Pariser Oper. Seine Inszenierungen wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der Laurence Olivier Award, der Irish Times Theatre Award, der Franco Abbiati Preis der Nationalen Vereinigung der Musikkritiker in Italien und der Österreichische Musiktheaterpreis. Damiano Michieletto war künstlerischer Leiter der Ausgabe 2025 des Caracalla Festivals, wo er West Side Story inszenierte. Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Milano/Cortina zeichnete er für die Inszenierung der Eröffnungsfeier verantwortlich, im Sommer bringt er La Traviata auf die Seebühne der Bregenzer Festspiele. „Vivaldi und ich“ ist sein Spielfilmdebüt als Filmregisseur.



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