(„Kreuzweg“ directed by Dietrich Brüggemann, 2014)

KreuzwegDas ganze Leben ist ein Kampf. Das gilt nicht nur für ferne Kriegsschauplätze oder die Privatwirtschaft, bei der Priesterbruderschaft St. Paulus ist damit durchaus der Alltag gemeint. Selbst eine Tafel Schokolade oder Gospelmusik können da eine Versuchung des Teufels sein, der man zu widerstehen hat – so lautet die Botschaft von Pater Weber (Florian Stetter). Und die 14-jährige Maria (Lea van Acken), ebenso wie der Rest der Familie Glaubensmitglied dieser Gemeinschaft, saugt jedes dieser Worte begierig in sich auf. So sehr, dass sie bei jedem Schritt alles in Frage stellt, was sie tut. Darf ich das überhaupt? Sündige ich, wenn ich eine schöne Jacke anziehe? Verstärkt wird diese Unsicherheit durch ihre Mutter (Franziska Weisz), der sie es einfach nie recht machen kann. Dabei hat das Mädchen doch nur ein Ziel: Sie will ihr Leben Gott opfern, damit der ihren kleinen Bruder wieder gesund macht.

Al-Qaida, Islamischer Staat – wann immer von religiösem Fanatismus die Rede ist, wenden sich die Blicke automatisch gen Osten. Dabei müssen wir gar nicht so weit gehen, wenn es nach Kreuzweg geht. Dafür reicht es, sich hierzulande einmal genauer umzusehen. Und was wir dort finden ist erschreckend, geradezu surreal. Wie schon Tore tanzt letztes Jahr erzählt auch dieser deutsche Film, wie eine besonders strenge Auslegung des Glaubens mit den Realitäten des Alltags kollidiert und so zu einem fatalen Ende führt.

Anders als beim Debütfilm von Katrin Gebbe lauert beim neusten Werk der Geschwister Dietrich und Anna Brüggemann (3 Zimmer/Küche/Bad) das Böse nicht in der Außenwelt, sondern innerhalb der Gemeinschaft. Tatsächlich sind es die Außenstehenden, die für Hoffnungsschimmer sorgen: das Au-Pair-Mädchen Bernadette (Lucie Aron), Marias Mitschüler Christian (Moritz Knapp), Ärzte. Doch sie alle scheitern beim Versuch, das Bollwerk der Bruderschaft zu durchdringen, für die der heutige Katholizismus eine zu verwässerte Form des einzig wahren Glaubens darstellt.Kreuzweg Szene 1

Schon in der ersten Szene, wenn der wortgewandte Pater Weber seine Firmlinge als künftige Soldaten Gottes bezeichnet, läuft es einem als Zuschauer eiskalt den Rücken herunter. Doch der wahre Gegenspieler ist hier Marias namenlose Mutter, die ihrer Tochter das Leben zur Hölle macht. Warum sie das tut, bleibt ein Rätsel. Überhaupt haben die Brüggemann-Geschwister kein Interesse daran, die Figuren zu tatsächlichen Charakteren auszubauen. Die meisten bleiben stumm oder haben wie die Mutter und der Pater über ihren Glauben hinaus kein wirkliches Gesprächsthema. Lediglich Maria sticht da hervor, die auf der einen Seite eine überzeugte Anhängerin ist, gleichzeitig aber eben auch ein Mädchen in der Pubertät – und beides in ihrem Leidensweg nicht zusammenbringen kann.

Präsentiert wird dieser Weg in einer formal außergewöhnlichen Form: Angelehnt an den christlichen Kreuzweg besteht der Film aus 14 Episoden aus dem Leben von Maria, jede trägt den Namen einer Etappe aus eben diesem Kreuzweg. Fast immer ist sie die Hauptfigur darin, interagiert mal mit ihrer Familie, mit dem Pater oder eben der Außenwelt. Kameraschnitte gibt während keiner dieser Episoden, meistens nicht mal Kameraschwenks. Wie in einem Theaterstück wird Marias Schicksal so zu einer feststehenden Bühne, die in ihrem starren Format die strikten Regeln der Glaubensauslegung widerspiegeln.Kreuzweg Szene 2

Wäre das nicht auch realistischer gegangen? Sicher, zusammen mit der fehlenden Charakterisierung und der sehr symbolträchtigen Inszenierung wirkt Kreuzweg nie ganz gegenwärtig, eine alltagsnahe Auseinandersetzung mit Glauben sieht anders aus. Gerade durch diese formale Strenge gewinnt das Drama aber auch besonders beunruhigende Qualitäten, eben weil es hier kein Entkommen gibt, für den Zuschauer nicht, für Maria nicht. Die wird von Nachwuchsschauspielerin Lea van Acken übrigens herausragend porträtiert. Auf ihr lastet die Hauptleistung des Films und das nimmt sie auch dankbar an. Durch ihre Darstellung eines Mädchens, das zwischen der Welt der Menschen und der Welt des Glaubens aufgerieben wird, erlangt Kreuzweg eine Intensität, die man in deutschen Beiträgen nur selten erleben darf.

Kreuzweg erscheint am 24. Oktober auf DVD

Kreuzweg
4.19 (83.75%) 16 Artikel bewerten

Kreuzweg
Die Figuren sind schemenhaft, der Aufbau sehr streng, der Film insgesamt sehr symbolträchtig – nein, einfach ist Kreuzweg bestimmt nicht. Durch die ungewöhnliche Inszenierung und die herausragende Schauspielleistung wird das Drama aber zu einem brutal intensiven Porträt eines Mädchens, das an seinem Glauben zugrunde geht.
8von 10

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