
Nachdem ihm ein Wahrsager prophezeit hat, dass seine Mutter (Amara Ramnarong) bald sterben wird, begibt sich Sakol (Surachai Ningsanond) gemeinsam mit seiner Familie auf eine Pilgerreise zu insgesamt neun Tempeln. Durch Gebete, Opfergaben und Spenden an die Mönche hofft er, gutes Karma zu sammeln und so das Leben seiner Mutter zu verlängern. Diese selbst hält jedoch wenig von dem Ausflug – viel lieber würde sie schlafen und ihre Gameshows im Fernsehen schauen. Bereits nach dem zweiten Tempel ist sie sichtlich erschöpft, weshalb erste Familienmitglieder vorschlagen, die Reise ohne sie fortzusetzen. Sakol weigert sich jedoch, von seinem Vorhaben abzulassen.
Dabei bleibt dies nicht der einzige Konflikt, der die Stimmung innerhalb der Familie belastet. Sakols Sohn Koon (Poon Sirapob) distanziert sich zunehmend von den religiösen Ritualen, während seine Freundin versucht, bei der Familie einen guten Eindruck zu hinterlassen. Als Koon bemerkt, dass sich der Zustand seiner Großmutter verschlechtert, versucht er, seinen Vater zur Umkehr zu bewegen – wodurch lang verdrängte Spannungen zwischen Vater und Sohn an die Oberfläche treten.
Gutes Karma und ein besseres Leben
9 Temples to Heaven ist der erste Spielfilm des thailändischen Regisseurs Sompot Chidgasornpongse und feierte bei der Quinzaine des cinéastes in Cannes 2026 Premiere. Nach der Dokumentation Railway Sleepers (2016) widmet er sich einem Thema, das vielen Thailändern seiner Generation vertraut sein dürfte. In seinem Regiestatement erklärt Chidgasornpongse, dass viele Menschen in Thailand nach wie vor daran glauben, eine Pilgerreise wie jene der Familie in 9 Temples to Heaven bringe gutes Karma sowie ein langes Leben. Seine und jüngere Generationen, die den Buddhismus eher als Lebensphilosophie begreifen, sähen dies jedoch anders, was nicht selten zu Konflikten führe. Diesen Wandel betrachtet er als Sinnbild gesellschaftlicher Umbrüche in Thailand, die die Familie auf ihrer Reise bemerkt, welche sie nicht nur zu Tempeln führt, sondern auch zurück in ihre alte Heimat und an Orte, die ihre Kindheit und Jugend geprägt haben.
Tempel sind im buddhistischen Glauben Orte der Spiritualität und des Glaubens, doch in 9 Temples to Heaven inszeniert Chidgasornpongse sie zugleich als Spiegel sozialer Veränderungen. Zu Beginn werden wir Zeugen eines Gedenkgottesdienstes, wobei eine langsame Bildabfolge zunächst die einzelnen Statuen und Räume des Tempels zeigt, bevor wir zum ersten Mal Menschen sehen. Fast mechanisch liest ein älterer Herr für die Gemeindemitglieder eine Reihe von Namen vor, für deren Seelenheil nun gebetet wird. Draußen stellt ein junger Mann dunkelblaue Campingstühle auf, auf denen später die Besucher der Messe Platz nehmen werden. Bereits in wenigen Bildern skizziert Chidgasornpongse den Kern der Geschichte, die wir gleich erleben werden, denn die eigentliche Messe entpuppt sich als Probe, bei der noch einmal die Texte durchgegangen und der „Publikumsraum“ vorbereitet wird. Der Ernst sowie die omnipräsenten goldglänzenden Statuen evozieren Glauben als sicherheitsspendende Institution, als spirituelle Mitte, während die einstudierten Abläufe zugleich offenbaren, dass sich dahinter eine Performance verbirgt, die sich in den kommenden Wochen immer wieder wiederholen dürfte. Der alte Mann ist darauf bedacht, alles korrekt auszusprechen und zu benennen, während der junge Mann scheinbar einem ewig gleichen Ablauf folgt.
Auch später kehrt Chidgasornpongse immer wieder zu diesem Gedanken zurück. Sakol betrachtet die Pilgerreise als religiöse Pflicht gegenüber seiner Mutter, wobei unklar bleibt, ob er aus echter Überzeugung oder vielmehr aus Verpflichtung handelt. Sicher ist jedoch seine Ungeduld gegenüber Menschen, die seinem Beispiel nicht folgen – wie Koon, der zu den Tempeln höchstens einen ästhetischen Bezug hat. Beiden Männern scheint jedoch etwas zu fehlen; sie wirken unzufrieden, verbittert und in manchen Momenten sogar verängstigt. Das Heilsversprechen des Glaubens erscheint dabei ebenso fraglich wie die Leerstelle im Leben der jüngeren Generation. Diesen komplexen Konflikt zeigt Chidgasornpongse nicht nur durch langsame Bildmontagen, sondern auch auf humorvolle Weise, wenn sich Menschen immer wieder in Widersprüche verstricken oder nicht erkennen, was für Außenstehende längst offensichtlich ist.
Die Vorbereitung für das Unausweichliche
Über all diesen Konflikten und Auseinandersetzungen schwebt der Gedanke an das unausweichliche Ende, das uns allen bevorsteht. Sakols vom Leben gezeichnete Mutter wirkt stets erschöpft, sodass man sich bisweilen fragt, ob sie überhaupt noch wahrnimmt, was um sie herum geschieht. Dennoch fühlt sie sich im Kreis der Familie geborgen, auch wenn ihr Sohn wenig Verständnis für ihr Verlangen nach den eigenen vier Wänden hat. Ihre Präsenz, kombiniert mit der Intention der Pilgerreise, löst sowohl in ihr als auch in den anderen Familienmitgliedern etwas aus, sodass diese ebenfalls darüber nachdenken, was von einem Menschen am Ende bleibt. In einer besonders rührenden Geste nimmt einer ihrer Enkel ihre Stimme auf, um eine Erinnerung an sie zu bewahren – ein Freund von ihm hatte dies bei seiner eigenen Mutter versäumt und fühlte sich danach schuldig.
Der Besuch der Tempel ruft widersprüchliche Reaktionen hervor. Was zunächst wie ein gut organisierter Pflichtbesuch erscheint, verwandelt sich zunehmend in eine Suche nach Spiritualität im eigenen Leben sowie nach einem tieferen Sinn. In Chidgasornpongses Film ist dies keineswegs trivial, denn er verweist auf diese Reaktionen als Metapher für die Rolle, die Glauben und Spiritualität für den Einzelnen einnehmen – und für die Leerstelle, die entsteht, wenn man beides negiert.
OT: „9 Wat Su Sawan“
Land: Thailand
Jahr: 2026
Regie: Sompot Chidgasornpongse
Drehbuch: Sompot Chidgasornpongse
Kamera: Jonathan Ricquebourg
Besetzung: Amara Ramnarong, Surachai Ningsanond, Jirawut Chiwarck, Yaneenan Jiraphatjittrin, Klaichan Phunman, Sompop Songkampol, Poon Sirapob
Internationale Filmfestspiele von Cannes 2026
Locarno Film Festival 2026
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