„Vaterland“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt
Eigentlich fühlt sich der Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) in den USA zu Hause, nachdem er 16 Jahre zuvor aus Deutschland dorthin ausgewandert ist. Doch für eine Ehrung kehrt er noch einmal in seine alte Heimat zurück. Sein erstes Ziel ist Frankfurt am Main, anschließend soll es nach Weimar weitergehen. An seiner Seite ist Tochter Erika (Sandra Hüller), Sohn Klaus (August Diehl) soll ebenfalls hinzustoßen. Die Reise durch das geteilte Deutschland gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht. So ist ihm vieles fremd geworden, er sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, hinzu kommt der Kampf der Ideologien, der mitten in Deutschland ausgebrochen ist. Aber es sind auch familiäre Konflikte und ein schwerer Schicksalsschlag, welche die Reise zunehmend überschatten …
Zeitporträt trifft Familiendrama
Sonderlich produktiv ist Pawel Pawlikowski nicht gerade, meistens vergehen Jahre, bevor sich der polnische Regisseur wieder zurückmeldet. Jetzt ist es mal wieder so weit, Vaterland ist sein erster Film seit acht Jahren. Die Wartezeit hat sich jedoch gelohnt, das Drama wird zweifelsfrei ein großer Festivalhit und dürfte zudem für den einen oder anderen Filmpreis nominiert werden. Mit dem Werk schließt Pawlikowski seine Trilogie ab, die sich mit dem Europa nach dem Zweiten Weltkrieg befasst. So erzählte Ida (2013) von einem polnischen Mädchen, das während des Kriegs zur Waisen wurde. Cold War – Der Breitengrad der Liebe (2018) handelte von zwei Menschen, die sich 1949 in Polen kennenlerne. Der Abschlussfilm spielt im selben Jahr, widmet sich aber dem geteilten Deutschland.
Wobei es zwei große Themen sind, die der Regisseur mit seinem Co-Autor Henk Handloegten verwebt. Zum einen ist Vaterland ein Blick auf die Anfänge des geteilten Deutschlands. Man ist zwar noch weit von späteren Mauern entfernt, welche die beiden Teile jahrzehntelang trennte und zu zwei sehr unterschiedlichen Kulturen führte. Doch der Wettstreit der Systeme ist längst entbrannt. Zwischendurch geht es um diese Kontraste, aber auch die Frage, wie ein Deutschland nach den Nazi-Verbrechen aussehen kann. Das Drama funktioniert daher sehr gut als Zeitporträt, welches einen Einblick in die damalige Situation erlaubt. Dabei wird regelmäßig zwischen einer Rückschau und der Frage nach der Zukunft gewechselt, irgendwo zwischen Versprechen und Unsicherheit.
Nachdenklich und kunstvoll
Verbunden wird das mit der Geschichte der Mann-Familie. Diese ist nicht minder spannend und bietet Anlass für einige grundsätzliche Diskussionen. Beispielsweise wird dem Schriftsteller irgendwann vorgeworfen, er habe mit seiner Emigration sein Heimatland verraten. Anstatt zu bleiben und gegen das Übel anzutreten, habe er einfach woanders von vorne angefangen. Überhaupt geht es immer mal wieder um das Verhältnis von Kunst und Politik und die damit einhergehende Verantwortung. Und dann sind da noch die rein persönlichen Geschichten, die Vaterland anspricht. Das schwierige Verhältnis innerhalb der Familie, gerade im Hinblick auf Klaus, der sich vergeblich nach Anerkennung sehnt, macht aus den symbolischen Reisenden immer wieder sehr konkrete.
Ist das Drama, das 2026 im Wettbewerb von Cannes Weltpremiere hatte, an manchen Stellen ein bisschen verkopft und distanziert, wird es zwischendurch auch sehr emotional. Dabei behält Pawlikowski aber seine zurückhaltende, beobachtende Art bei. Plumpe Manipulation? Das hat er gar nicht nötig, er kann sich auf seine erstklassige Besetzung verlassen – allen voran Sandra Hüller (Der Astronaut – Project Hail Mary), die hier in mehrfacher Hinsicht als Vermittlerin zwischen verschiedenen Welten auftritt und zugleich immer etwas verloren wirkt. Aber auch die kunstvolle Schwarzweiß-Optik hat ihren Anteil daran, dass diese Reise in die Vergangenheit sehr sehenswert geworden ist. An einigen Stellen hätte man sich vielleicht gewünscht, dass die Reise etwas länger unterbrochen wäre und man sich die Zeit genommen hätte, um die vielen Ideen und Themen weiter zu vertiefen. Aber auch so ist Vaterland ein willkommenes Comeback des polnischen Regisseurs geworden.
OT: „Vaterland“
Land: Polen, Deutschland, Italien, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Henk Handloegten
Kamera: Lukasz Zal
Besetzung: Sandra Hüller, Hanns Zischler, Devid Striesow
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