Die Pop-Ikone Mother Mary (Anne Hathaway) hat in ihrer jahrzehntelangen Karriere so ziemlich alles erreicht – außer, mit ihrem Gesamtœuvre zufrieden zu sein und vor allem, einen würdigen Abschluss zu finden. Das möchte sie mit einem triumphalen Comeback-Konzert nachholen, allerdings fehlt ihr das besondere Etwas: ein Kleid, das alles abbildet, wofür sie steht, und in dem sie sich am wohlsten fühlt. Abhilfe schaffen soll dabei die berühmte Modedesignerin Sam Anselm (Michaela Coel), die für Mother Mary besonders in ihrer Anfangszeit ikonische Outfits genäht und damit einen eklatanten Grundstein für ihren Erfolg gelegt hat. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Die beiden Frauen hatten seit längerer Zeit nichts mehr miteinander zu tun und haben sich über die Jahre entfremdet … und dennoch verbindet sie ein übersinnliches Ereignis, welches aber auch zum endgültigen Bruch führen könnte.
Das nicht immer glamouröse Popstar-Dasein
„When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me…“ und liefert eine hochglanzproduzierte Techno-Pop-Extravaganza der Extraklasse ab. Mother Mary hat das Publikum während ihrer trancigen Beats und ekstatischen Gesangsperformance völlig in der Hand, tanzt und singt sich die Seele aus dem Leib. Backgroundtänzer*innen vervollständigen das Gesamtkunstwerk, über ihrer Lichtgestalt schwebt stets ein zur Persona passender Heiligenschein. Innerlich ist die Madonna der Neuzeit allerdings zerrissen: Zerwürfnisse mit alten Wegbegleitenden plagen sie, vor allen Dingen das Zerwürfnis mit sich selbst. Die neuen Kleider sind für sie nur noch lästiges Bühnenkostüm statt modische Selbstverwirklichung, die alten Songs nur noch Routine statt Ausdruck ihres tiefsten Inneren. Deswegen möchte sie für ihr Abschiedskonzert alles auf eine Karte setzen und sowohl back to the roots gehen als auch sich ein letztes Mal neu erfinden – und nur eine Person kommt ihr in den Kopf, die ihr dabei helfen könnte.
Im regnerischen London, abseits des Trubels des Piccadilly Circus, des West Ends und der City of Westminster, sucht Mary ihre alte Freundin Sam Anselm auf, die früher all ihre ikonischen Trachten schneiderte; doch statt Wiedersehensfreude trifft sie auf ein kaltes Steinhaus mit zwei noch kälteren Schultern (auch wenn Haushälterin Hilda, gespielt von Hunter Schafer, ihr Bestes gibt, irgendwie freundlich zur unterwünschten Besucherin zu sein). Kein Wunder: Sam fühlt sich verraten, zurückgelassen und ausgenutzt, und jetzt soll sie der Person, die sie mit zunehmendem Ruhm vergaß, mit einem unvergesslichen Designerstück, das auch noch innerhalb kürzester Zeit fertig sein soll, aus der Patsche helfen? No way, José, doch Mary bleibt beständig, redet auf die Haute-Couture-Meisterin ein, und darf erstmal Gästin sein, bis sich Sam inspiriert bzw. überzeugt genug fühlt, um für sie etwas Schickes zu entwerfen. Im Verlauf bildet sich eine Achterbahnfahrt von schmerzhaften Emotionen über das Schwelgen in Erinnerungen bis hin zum erträumten Aufbruch zu neuen Ufern, die von der kammerspielartigen Verrücktheit her zwischen Der Leuchtturm und Black Swan anzusiedeln ist.
Was ist in Mother Mary gefahren?
A24 hat es wieder geschafft: Nach bereits knapp einem Jahrzehnt am Mainstream-Arthouse-Himmel greift das Studio zwar auf erprobte Schemata zurück, erfindet sich basierend auf Storytelling und Visuals jedoch immer wieder neu. In einem Jahr, das jetzt schon von hochklassigen, hochemotionalen Produktionen wie Das Drama – Noch einmal auf Anfang oder Die My Love geprägt ist, die sich allesamt auf die dunklen Nuancen der tiefschürfenden Zwischenmenschlichkeit beziehen, bringt Regisseur David Lowery mit dieser Mixtur aus klaustrophobischer, an einer Psychose kratzender Zweisamkeit und poliertem Musikfilm auf ein Neues frischen Wind in die Kinolandschaft. Stark in der aktuellen internationalen Pop-Landschaft angesiedelt, liefern hier die absoluten Sternchen des experimentell-elektronischen Pops Charli xcx und FKA Twigs zusammen mit Star-Producer Jack Antonoff einen pulsierenden Score und eben jene Rahmenarbeit, die die Figur der Mother Mary zum Leben erweckt – aber trotzdem an einigen Stellen wirkt, als wäre die Handbremse angezogen worden, um eher vom namentlichen Hype zu leben als von eigentlicher Kunst. So klingen die mit großem Tamtam dargebotenen Musikstücke eben wie Charli xcx und FKA Twigs, wenn man ihnen sagt, sie sollen mal Filmmusik machen.
Okay, es sind immer noch Banger, was anderes ist bei solch einer Ansammlung von Talent nicht zu erwarten. Doch Mother Mary ist insbesondere dann stark, wenn die Charaktere Crashout gehen, wenn sie in die Tiefen der menschlichen Psyche greifen, während die Gründe für den Ruhm eher konstruiert wirken, die musikalischen und tänzerischen Darbietungen eher flach bleiben und etwas zu sehr versuchen, cool zu sein. Auch gibt es keine großartige Background-Story für den Popstar, was als positiv zu werten ist, gemessen an zahlreichen drögen Expositionen in sonstigen zeitgenössischen Filmen (ja, das geht an The Substance und Co.). Im Universum von Mother Mary ist Mother Mary eben Mother Mary. Punkt. Umso spannender wird es, sobald das Jenseits angezapft wird, mit dem David Lowery bei A Ghost Story schon anbandelte. Hier wird es dargestellt vom Medium Imogen (FKA Twigs), das bei einem harmlosen Brettspielabend mit der Crew ein großes unbekanntes Etwas in Mother Mary fahren lässt. Die Visuals dazu sind großes Kino, die spirituelle Reise, die sowohl Mary als auch Sam innerhalb ihrer Gespräche und Erfahrungen antreten, ebenso.
OT: „Mother Mary“
Land: USA, UK
Jahr: 2026
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Musik: Jack Antonoff, Daniel Hart, Charli xcx, FKA Twigs
Kamera: Andrew Droz Palermo, Rina Yang
Besetzung: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, FKA Twigs, Kaia Gerber
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
[tab:END]
(Anzeige)











