Inhalt / Kritik

Eigentlich sind Dina (Anna Brüggemann) und Michael (Alexander Khuon) ja schon ganz glücklich miteinander. Sicher, die Schauspielerin und der Arzt plagen sich ein wenig mit der lieben Verwandtschaft, die ihnen ständig auf die Nerven geht. Aber ansonsten haben sie alles, was sie brauchen. Oder doch nicht? Dann und wann kommen ihnen schon ihre Zweifel, ob das alles so stimmt. Ob sie all das bekommen haben, was sie vom Leben erwartet haben. Ein Grund dafür ist, dass sie selbst gar nicht so genau wissen, was sie wollen. Aber das wird sich schon finden. Schließlich ist das erste gemeinsame Kind auf dem Weg. Und auch eine Hochzeit ist nun endlich fest geplant, sie müssen nur noch den richtigen Zeitpunkt dafür finden …

Zurück zu den Ursprüngen

In der ersten Hälfte der 2010er Jahre gehörte Dietrich Brüggemann sicherlich zu den vielversprechendsten Filmemachern des deutschen Kinos. Erst lieferte er mit Renn, wenn du kannst und 3 Zimmer/Küche/Bad zwei ungemein charmante Porträts sinnsuchender junger Menschen ab. Dem folgte das formal sehr strenge Kreuzweg über eine 14-Jährige, deren Lebensziel darin besteht, eine Heilige zu werden. Zum Abschluss gab es Heil, eine Satire, die auf genüssliche Weise die rechte Szene, aber auch die Politik auseinandernahm. Im Anschluss wurde es jedoch ruhig um den Filmemacher. Der großen Leinwand erteilte er eine Absage. Stattdessen drehte er drei Teile vom Tatort, bevor er sich dieses Jahr mit der umstrittenen Aktion #allesdichtmachen einen PR-Supergau leistete.

Umso neugieriger durfte man sein, was Brüggemann mit vorlegen würde, seinem ersten Kinofilm seit sechs Jahren. Das Ergebnis kommt einem bekannt vor und ist doch irgendwie Neuland. Genauer nahm der Regisseur, der mit seiner Schwester Anna wie so oft das Drehbuch verfasst hat, seine alten Werke und machte daraus einen ungewöhnlichen Mix. Zum Teil erinnert der Film tatsächlich an seine früheren Werke. Zwar sind seine Figuren älter geworden, souveräner aber nicht unbedingt. In seiner neuen Komödie sind es keine Mittzwanziger, die nach ihrem Weg durch eine unübersichtliche Welt suchen. Mittlerweile sind sie Mitte dreißig und wissen trotzdem nicht so recht, was sie mit sich und einander anfangen sollen. Sind bestimmt von Erwartungen, die irgendwie erfüllt werden müssen.

Von allem etwas

Anders als aber die Frühwerke, die viel Wert auf Authentizität und die Darstellung eines Lebensgefühls legten, will jedoch viel mehr sein. Das bedeutet zum einen, dass Brüggemann wie in Kreuzweg wieder mit Tableaus arbeitet. In den meisten Szenen bleibt die Kamera völlig regungslos. Eine große Ausnahme ist die völlig surreale Szene, in der Dina und Michael das Krankenhaus verlassen und dabei eine offensichtlich sehr unterschiedliche Wahrnehmung haben. Auch in anderen Szenen entdecken die beiden Geschwister ihre Vorliebe für nicht ganz realistische Momente. Konsequent sind sie dabei jedoch nicht. In der einen Einstellung zeigt der Regisseur seine gewohnt präzise Beobachtungsgabe, nur um dann auf einmal völlig abzudriften.

Aber auch beim Tonfall kommt es zu einer wilden Mischung. Natürlich schwankten auch frühere Filme der Brüggemanns zwischen Drama und Komödie. Die Ausschläge waren aber deutlich geringer. Bei  geht es grundsätzlich eher humorvoll zu. Das muntere Treiben und Streiten wird aber durch richtig bittere Szenen unterbrochen, die über das hinausgehen, was man hier erwarten konnte. Gerade die Szenen, die sich um Michaels Vater drehen, haben es in der Hinsicht in sich. Ein absoluter Höhepunkt ist jedoch, wie es Dina nach langer Schauspielpause wieder zu ihrer Berufung zurückzieht. Der anfangs eher anstrengend komische Abschnitt gewinnt zunehmend an Intensität, bis er zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem wird, was schon lang in ihr rumort hat.

Zwischen brillant und belanglos

Sehenswerte Momente gibt es in dem Film, der beim Filmfest München 2021 Premiere hatte, also durchaus einige. Aber auch solche, die wenig geglückt sind. Vor allem die Szenen, in denen Brüggemann sich von seinen Figuren löst, um sich über die aktuelle Gesellschaft lustig zu machen, überzeugen nicht. Wo Heil seinerzeit mit seinem Spott noch tatsächliche Lacher produzierte, da ist  zu bemüht, zu umständlich – und letztendlich schrecklich langweilig. Allenfalls als Zeitporträt ist das zu gebrauchen, um sich in zwanzig Jahren ein Bild darüber zu machen, was die Leute seinerzeit so umtrieb. Richtig rund ist das Kino-Comeback daher nicht, ist mal brillant, dann wieder belanglos, im einen Moment überraschend, dann wieder schwerfällig. Man merkt hier schon, dass sich da einiges angesammelt hatte, das irgendwie raumusste. Das „wie“ war da schon egal.

Credits

OT: „Nö“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann
Musik: Dietrich Brüggemann
Kamera: Alexander Sass
Besetzung: Alexander Khuon, Anna Brüggemann, Isolde Barth, Hanns Zischler, Andreas Döhler, Nina Petri, Petra Schmidt-Schaller, Mark Waschke, Rüdiger Vogler, Jacob Matschenz, Felix Goeser

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„Nö“ ist irgendwie alles und nichts, wenn sich bittere Szenen mit spöttischen und surrealen abwechseln. Teilweise ist das ein stimmiges Porträt von Menschen jenseits der dreißig, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Teilweise ist das hier aber auch sehr bemüht komisch, will Satire sein und ist letztendlich doch nur banal.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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