
In ihrem nach Black Mambas zweitem Dokumentarfilm Innere Emigranten (Kinostart: 14. Mai 2026) begleitet Regisseurin Lena Karbe drei Psycholog:innen einer russischen Telefonhotline, die Menschen in Zeiten von Krieg, Angst und gesellschaftlicher Verhärtung ehrenamtlich beraten. Der Film fragt nach individueller Verantwortung in autoritären Systemen – und danach, ob politische Neutralität überhaupt möglich ist. Im Gespräch mit uns spricht Karbe über die Entstehung des Films nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, geheime Dreharbeiten in Russland und die moralischen Konflikte ihrer Protagonist:innen.
Was war für Sie der Ausgangspunkt des Films? Wäre er ohne den russischen Angriff auf die Ukraine überhaupt entstanden?
Nein, der Ausgangspunkt war ganz klar der Einmarsch Russlands in die Ukraine. Ich war damals mit meinem vorherigen Film Black Mambas unterwegs, und es erschien mir plötzlich absurd, einen Film über Südafrika zu präsentieren, während ich selbst aus Russland komme und dort solche Dinge passieren. Für mich war schnell klar, dass ich mich in den nächsten Jahren mit diesem Thema beschäftigen würde.
Ihre Protagonist:innen arbeiten bei einer psychologischen Telefonhotline. Wie sind Sie auf diese Menschen gestoßen?
Tatsächlich eher zufällig. Ich bin über einen Artikel in einer oppositionellen Zeitung auf die Hotline aufmerksam geworden – Anfang März 2022, kurz nach Kriegsbeginn. Ich hatte sofort das Gefühl, dass darin ein möglicher Zugang zu einem Film über Russland liegen könnte. Ich habe dann die Leiterin der Hotline kontaktiert, und es gab schnell großes Interesse an dem Projekt. Ich durfte alle Mitarbeitenden interviewen und habe dann – wie im Dokumentarfilm üblich – nach den Menschen gesucht, die die Konflikte am stärksten verkörpern. Mir war wichtig, welche Haltung die Personen vertreten. Ich wusste von Anfang an, dass ich den inneren Konflikt erzählen wollte: die Frage, wie man in einer solchen Situation noch neutral bleiben kann. Menschen, die dem Krieg unkritisch gegenüberstehen, wollte ich in diesem Film keine Plattform gegeben.
Wann haben die Dreharbeiten begonnen?
Die ersten Bilder haben wir im Dezember 2022 gedreht. Die Gespräche und Recherchen liefen allerdings schon seit März 2022. Ich hatte bereits viele vorbereitende Gespräche geführt und Audioaufnahmen gesammelt.
Wie war es für Sie persönlich, das erste Mal seit Kriegsbeginn nach Russland zurückzukehren?
Sehr unangenehm und befremdlich. Ich lebe seit vielen Jahren nicht mehr in Russland, habe aber meine Familie regelmäßig besucht. Nach Februar 2022 hat sich für mich alles verändert. Ich konnte dort nicht mehr einfach „Urlaub machen“. Überall hingen Propagandaplakate, die Atmosphäre war völlig anders. Ich bin in den 1990er-Jahren in St. Petersburg in einem offenen, liberalen Umfeld aufgewachsen. Das heutige Russland zu sehen, war für mich ein enormer kognitiver Schock.
Wie haben Sie entschieden, welche Gespräche der Telefonhotline im Film bleiben?
Wir wussten sehr genau, welche Konflikte wir erzählen wollten. Es ging vor allem um die Unmöglichkeit, neutral zu bleiben. Deshalb mussten die Gespräche sowohl die gesellschaftliche Stimmung spiegeln als auch diesen inneren Konflikt sichtbar machen. Wir hatten Hunderte Stunden Material. Gleichzeitig wurde es mit der Zeit schwieriger, überhaupt noch politische Gespräche zu dokumentieren, da die Menschen kaum noch darüber reden wollten.
Neutralität gilt in der Psychologie eigentlich als professioneller Standard. Wie sehen Sie das?
Wenn man sich intensiver mit Psychologie beschäftigt, merkt man schnell, dass auch dort Neutralität nicht absolut ist. Therapeut:innen entscheiden zum Beispiel zu Beginn einer Langzeittherapie, ob sie überhaupt mit einer Person arbeiten können oder wollen. Es gibt Fälle, in denen man ethisch oder moralisch nicht mehr neutral bleiben kann. Auch bei der Hotline durften Mitarbeitende Gespräche abgeben, wenn sie emotional zu nah an einem Thema waren – etwa nach einem Todesfall in der eigenen Familie. Das zeigt: Selbst in diesem Beruf ist Neutralität nicht schwarz-weiß. Mir ging es aber im Film auch darum, zu zeigen, dass politische Neutralität eine große Lüge sein kann. Gerade in der russischen Gesellschaft hört man oft den Satz: „Ich bin politisch neutral.“ Aber Neutralität ist eben auch eine Entscheidung – und damit eine Position. Genau das versucht der Film sichtbar zu machen.
Der Titel Innere Emigranten erinnert an den literaturwissenschaftlichen Begriff der „inneren Emigration“. Wann kam Ihnen dieser Titel in den Sinn?
Der Begriff wird auch in Russland häufig verwendet. In Gesprächen mit meinen Protagonist:innen fiel er immer wieder. Ich habe ihn allerdings bewusst etwas entfremdet, von innerer Emigration zu inneren Emigranten. Mich interessiert die Frage, ob es in einem autoritären Staat überhaupt möglich ist, sich ins Private zurückzuziehen, ohne dadurch gleichzeitig das System zu stabilisieren. Diese Fragwürdigkeit wollte ich schon im Titel sichtbar machen.
Die Dreharbeiten fanden unter großer Geheimhaltung statt. Wie muss man sich das vorstellen?
Für mich war klar, dass ein solcher Film nicht ohne die Anwesenheit der Regie entstehen kann. Deshalb bin ich selbst mehrfach nach Russland gereist – insgesamt viermal innerhalb von fast drei Jahren. Gerade bei den Außenaufnahmen war ich immer vor Ort. Ich wollte Verantwortung übernehmen und mich nicht aus der Distanz hinter dem Material verstecken. Es durfte allerdings nicht bekannt werden, woran wir arbeiten. Mein Team war komplett vor Ort, und die Vorbereitungen liefen ganz anders ab als bei einem gewöhnlichen Dokumentarfilm im Ausland.
Haben Sie Sorge, dass Ihre Protagonist:innen durch den Film Repressionen ausgesetzt werden könnten?
Natürlich besteht in einem autoritären Staat immer Willkür. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Diese Menschen machen sich Gedanken, aber sie handeln nicht aktiv politisch. Der Film zeigt keine Oppositionellen im klassischen Sinne. Wir standen während der gesamten Postproduktion im engen Austausch miteinander und haben sehr genau überlegt, welches Material wir verwenden. Die Haltung des Films sollte klar sein, ohne die Beteiligten unnötig zu gefährden. Ich glaube außerdem, dass autoritäre Systeme stark über Selbstzensur funktionieren. Genau dagegen wollten wir mit diesem Film arbeiten.
Ihr erster Film Black Mambas und Innere Emigranten wirken auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Gibt es dennoch eine Verbindung?
Ja, auf jeden Fall. In beiden Filmen geht es um Individuen innerhalb repressiver Systeme und um die Frage, ob Emanzipation möglich ist.
Was wünschen Sie sich, dass Zuschauer:innen nach dem Film mitnehmen?
Ich glaube nicht, dass jeder Film konkrete Antworten liefern muss. Aber wenn Menschen sich 90 Minuten lang mit Fragen von Kollektivschuld, Verantwortung und individueller Handlungsmacht auseinandersetzen, kommen sie vielleicht ihrer eigenen Antwort näher. Gerade in Europa stellen sich heute viele Menschen die Frage: Was kann ich tun? Wo beginnt meine persönliche Verantwortung? Ich hoffe, dass wir aus den Entwicklungen in Russland lernen und unsere demokratischen Freiheiten verteidigen.
Letzte Frage: Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?
Ja, ich entwickle derzeit einen Spielfilm über eine junge russische Sportgymnastin. Auch darin geht es wieder um den Konflikt zwischen Individuum und System.
Lena Karbe, vielen Dank für das Gespräch.
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