Her Private Hell
© Plaion Pictures

Her Private Hell

„Her Private Hell“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Review / Kritik

Elle (Sophie Thatcher), ihr Vater und dessen Frau Dominique (Havana Rose Liu) führen ein abgeschottetes Leben in einem luxuriösen Hotelkomplex über den neongetränkten Straßenschluchten einer namenlosen Metropole. Mit der Ankunft der jungen Schauspielerin Hunter (Kristine Froseth) zieht jedoch nicht nur ein mysteriöser Nebel über die Stadt, sondern zugleich die Präsenz des Lethermans, einer ominösen wie tödlichen Entität.

Refns persöhnliche Reise

Eine Dekade ist vergangen, seit Nicolas Winding Refn bei seinem letzten Spielfilm The Neon Demon Regie führte. Seitdem war der dänische Filmemacher vornehmlich für Netflix und Amazon tätig und produzierte die Serien Copenhagen Cowboy und Too Old to Die Young. Ein persönlicher Schicksalsschlag motivierte ihn nicht nur zu einer Rückkehr auf die große Leinwand, sondern inspirierte gleichzeitig seinen neuesten Film Her Private Hell.

Drei Jahre ist es her, dass Nicolas Winding Refn fast an einer Herzerkrankung gestorben wäre. Für  über 20 Minuten war der Drive-Regisseur tot, bevor er reanimiert werden konnte. Diese Konfrontation mit seiner Sterblichkeit empfand er nicht nur als zweite Chance, gleichzeitig war er überzeugt, noch nicht sterben zu können, da seine jüngste Tochter noch nicht bereit sei, ihr Leben ohne ihren Vater zu bestreiten. Die orpheische Reise des Private K in Her Private Hell ist durch dieses kathartische Erlebnis inspiriert. Während Nicolas Winding Refn neben seiner eigenen Erfahrung offensichtlich Inspiration aus der griechischen Mythologie zieht und sich diese auch in der Ästhetik und Symbolik seines Films wiederfindet, ist Her Private Hell allerdings weit mehr oder weniger als eine moderne Interpretation von Orpheus und Eurydike. Refns Film folgt keiner eindimensionalen Erzählstruktur, sondern ist trotz linearer Chronologie in drei Metaebenen aufgeteilt.

Hypnotische Haltlosigkeit

Durch Hunters Ankunft in einer namenlosen technoiren Metropole führt Her Private Hell nicht nur in den primären Handlungsort ein, sondern stellt gleichzeitig alle drei Protagonistinnen vor. Neben Hunter als Neuankömmling und gleichzeitig als Personifikation von Naivität und Offenheit sind Elle und Dominique desillusionierter und gleichzeitig gefangen in einer skurrilen Ménage-à-trois. Ehemals beste Freundinnen, hat die Heirat zwischen Dominique und Elles Vater ihr Verhältnis stark belastet.

Anhand dieser unterkühlten aber gleichzeitig komplizierten Beziehung inszeniert Refn zum ersten Mal übergeordnete Leitthemen, die sich durch den ganzen Film ziehen. Seine Ansätze sind dabei so abstrakt und undefiniert, dass sie viel Möglichkeit zur Interpretation lassen. Nicolas Winding Refn interessiert sich dabei weniger für eine definitive Bedeutung oder klare Auflösung seiner Symbolik, vielmehr versteht er Her Private Hell als frei interpretierbaren Zustand, dessen Wirkung sich erst durch die individuelle Wahrnehmung des Publikums formt. Dabei schafft er lediglich lose Rahmenbedingungen. Durch Elles Charakter suggeriert er das Gefangensein innerhalb eines goldenen Käfigs und die Sehnsucht nach Vaterschaft. Durch das implizierte Scheitern ihrer Verbindung zu Dominique lassen sich zusätzlich Verlorenheit und Einsamkeit herauslesen.

Dominiques Charakter ist ähnlich ambivalent und emittiert Mutterschaft, Kontrolle aber gleichzeitig auch Begierde. Voyeuristische Erotik und suggerierte Fetischisierung stehen dabei im Wechselspiel mit emotionaler Distanz. Gespalten von Refns surrealer Unterwelt findet sich Private K in seiner eigenen klassisch-noiren Realität wieder. Gefangen in 50er-Jahre-Nachkriegsikonografie sucht er nach einem Ausweg, um seine Tochter zu retten. Während beide Handlungsstränge chronologisch angeordnet sind, dekonstruiert Nicolas Winding Refn stetig die Struktur des Films durch das Ineinanderfließen der Realitäten. Das Filmset als deplatzierte dritte Metaebene nimmt Her Private Hell einmal mehr die Attribute eines klassischen Spielfilms und akzentuiert das Gefühl eines hypnotischen Zustands.

Überstilisiert und unterkühlt

Trotz thematischer Vielfalt bleibt Refns Charakterzeichnung eindimensional. Statt Menschen inszeniert er emotionale Archetypen. Sein Ensemble fungiert dabei als statischer Expositionsgeber. Her Private Hell imitiert seine abstrakte visuelle Wirkung in geschwollenen aber gleichzeitig bedeutungsleeren Dialogen. Statt dynamischen Schauspiels funktioniert der ganze Cast wie Puppen oder Actionfiguren. Eine Observation, die Refn bewusst durch möglichst wenig Bewegung und mannequinhafte Kostüme erzeugen lässt. Dieser direktorale Ansatz unterstreicht den überstilisierten Pathos seiner dystopischen Vision, verhindert allerdings gleichzeitig jeglichen emotional greifbaren Zugang. Die daraus folgende totale Entmenschlichung seiner Figuren fördert weniger Mystifikation als Desinteresse.

Audiovisuell besticht Her Private Hell durch Überstimulation, Theatralik und Extravaganz. In seinem Studio in Kopenhagen baute Refn ein technoires Luftschloss einer in Nebel gehüllten Dystopie aus Neon und Schatten. Pino Donaggios opulent dramatische Komposition verspricht eine Gravitas, die Her Private Hell erzählerisch nie erfüllt. Die Wirkung audiovisueller Grandeur lädt dennoch dazu ein, sich auf Refns unkonventionelle Odyssee aus Nebel und flüchtiger Metaphorik einzulassen.

Credits

OT: „Her Private Hell“
Land: USA, Dänemark
Jahr: 2026
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Esti Giordani
Musik: Pino Donaggio
Kamera: Magnus Nordenhof Jønck
Besetzung: Sophie Thatcher, Charles Melton, Kristine Froseth, Havana Rose Liu, Dougray Scott, Diego Calva

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Her Private Hell
fazit
Mit "Her Private Hell" erschafft Nicolas Winding Refn einen hypnotischen Fiebertraum aus Neon, Nebel und fragmentierter Symbolik, der sich konsequent jeder eindeutigen Interpretation verweigert. Trotz audiovisueller Grandeur und faszinierender Atmosphäre verliert sich seine technoire Odyssee allerdings zunehmend in emotionaler Distanz und bedeutungsschwerer Abstraktion.
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