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Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme

„Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme“ // Deutschland-Start: 21. Mai 2026

Inhalt / Kritik

Maja Tschumis Dokumentarfilm Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme folgt einer Generation, die im Nachhall der irakischen Oktoberrevolution von 2019 lebt – zwischen politischer Desillusionierung und dem Versuch, individuelle Freiräume zu behaupten. Im Zentrum stehen die junge Milo und der Filmemacher Khalili. Doch so nah der Film seinen Figuren kommt, so deutlich zeigt sich auch seine eigene Konstruktion.

Freiheit unter Zwang

Milo bewegt sich mit kurzen Haaren und in Männerkleidung durch Bagdad – weniger als symbolischer Akt denn als pragmatische Anpassung an eine restriktive Umwelt. Diese Strategie erhält zusätzliches Gewicht durch die massive Kontrolle innerhalb ihrer eigenen Familie: Ihr Vater lässt sie zeitweise einsperren, ihr Pass wird verbrannt, ihre Bewegungsfreiheit systematisch eingeschränkt. Der Film markiert diese Gewalt, bleibt jedoch erstaunlich zurückhaltend darin, ihre strukturelle Dimension auszuleuchten. Statt die familiäre Macht als Teil eines größeren sozialen Gefüges analytisch zu schärfen, wird sie vor allem als emotionaler Hintergrund eingesetzt. Dass Milos Selbstinszenierung zugleich Schutz und erzwungene Selbstverkleinerung ist, wird angedeutet, aber nicht konsequent verfolgt.

Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zwischen Milo und Avin. Die Inszenierung ihrer Nähe setzt stark auf Andeutung und Zärtlichkeit, vermeidet jedoch jede klarere Kontextualisierung. Das erzeugt zwar eine gewisse Intimität, wirkt aber zugleich kalkuliert offen – als wolle der Film Bedeutung erzeugen, ohne sie wirklich auszuformulieren. Die queer-feministische Lesart bleibt damit eher ein Angebot als eine tatsächlich entwickelte Perspektive.

Re-Enactment und Konstruktion

Deutlich interessanter ist die Rolle Khalilis, dessen während der Proteste entstandenes Videomaterial immer wieder in den Film einfließt. Diese Aufnahmen besitzen eine unmittelbare Dringlichkeit, die den inszenierten Passagen oft fehlt. Gerade im Kontrast wird sichtbar, wie stark Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme auf Re-Enactments setzt – ein Aspekt, den der Film zwar offenlegt, dessen Konsequenzen er aber nur begrenzt reflektiert. Die nachgestellten Szenen bewegen sich in einem ästhetischen Zwischenraum: Sie sollen Authentizität vermitteln, tragen jedoch zugleich eine spürbare Künstlichkeit in sich. Statt die Brüche zwischen Erinnerung und Inszenierung produktiv offenzulegen, glättet der Film diese Übergänge häufig zugunsten eines stimmigen Gesamtbildes.

Diese formale Entscheidung ist nachvollziehbar, nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen. Dennoch führt sie dazu, dass Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme immer wieder in eine ästhetisierte Form von Erfahrung kippt. Die politische Realität erscheint weniger als widersprüchlicher Prozess denn als bereits kuratierte Erzählung. Besonders auffällig wird dies in den ruhigeren, bildstarken Sequenzen, in denen sich der Film deutlich stärker für Atmosphäre als für Analyse interessiert.

Perspektive und Autorschaft

Auch Tschumis reflektierter Umgang mit ihrer eigenen Position als westliche Regisseurin bleibt ambivalent. Zwar wird ihre Perspektive nicht verschleiert, und die Beteiligung von Milo und Khalili als Ko-Autor:innen ist ein wichtiger Ansatz. Gleichzeitig entsteht jedoch der Eindruck, dass diese Form der Kollaboration vor allem legitimierend wirkt. Die grundsätzliche Frage, wer hier welche Geschichte für wen erzählt, wird eher umkreist als durchdacht.

Ästhetisch überzeugt der Film durch seine dichte Kameraarbeit und ein präzises Sounddesign. Bagdad erscheint als widersprüchlicher Raum zwischen Stillstand und Bewegung. Doch auch hier zeigt sich eine Tendenz zur Verdichtung: Die Stadt wird weniger als konkreter sozialer Ort erfahrbar, sondern als Projektionsfläche für Stimmungen und Befindlichkeiten.

Dass Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme über weite Strecken so geschlossen wirkt, ist letztlich Teil seiner Stärke und seines Problems zugleich. Der Film findet eindrückliche Bilder für Erschöpfung, Angst und vorsichtige Hoffnung, vermeidet jedoch allzu konsequent Brüche, Widersprüche und Leerstellen. Dadurch bleibt er in seiner politischen Dimension überraschend vorsichtig.

So entsteht ein Werk, das weniger durch neue Einsichten als durch seine kontrollierte Emotionalität wirkt. Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme ist ein sorgfältig komponierter Film über eine verlorene Revolution – aber einer, der die Unschärfen und Zumutungen dieser Realität nur begrenzt zulässt.

Credits

OT: „Immortals
Land: Schweiz, Irak
Jahr: 2024
Regie: Maja Tschumi
Buch: Maja Tschumi, Melak Mahdi, Mohammed Al Khalili
Musik: Manoul Rousyalian
Kamera: Silvio Gerber, Mohammed Al Khalili
Mitwirkende: Melak Mahdi, Mohammed Al Khalili, Avin

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Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme
fazit
„Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme“ überzeugt durch atmosphärische Dichte und große Nähe zu seinen Figuren, bleibt in seiner politischen und formalen Reflexion jedoch auffallend kontrolliert.
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