(„The Neon Demon“ directed by Nicolas Winding Refn, 2016)

The Neon Demon

„The Neon Demon“ läuft ab 23. Juni im Kino

Für die 16-jährige Jesse (Elle Fanning) gibt es nur einen großen Traum: Model werden! Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn mit ihrer Mischung aus Unschuld, Naivität und natürlicher Schönheit hinterlässt sie nicht nur bei der Stylistin Ruby (Jena Malone) großen Eindruck. So hat sie schon kurz nach ihrer Ankunft in Los Angeles eine eigene Agentin, auch ein gefragter Top-Fotograf möchte mit ihr arbeiten. Doch je größer ihr Ruhm wird, je mehr Leute ihr verfallen, umso größer auch der Neid bei den anderen Models, die zunehmend das Nachsehen haben. Vor allem Sarah (Abbey Lee) und Gigi (Bella Heathcote) stören sich an dem kometenhaften Aufstieg der Debütantin.

Wie gewonnen, so zerronnen. Für einen Moment sah es ja so aus, als wäre der Däne Nicolas Winding Refn im Mainstream angekommen. 2011 war das, der überaus stylische Thriller Drive katapultierte den zuvor höchsten Insidern bekannten Regisseur mitten ins Rampenlicht Hollywoods. Doch das hatte der stolze Exzentriker so gar nicht gewollt und zeigte dem Publikum mit dem grotesken Folgewerk Only God Forgives den cineastischen Mittelfinger, hielt sich einerseits an die wahnsinnige Vorlage seines Durchbruchs, machte sich gleichzeitig aber auch darüber lustig. Und seine „Fans“ ebenso. Das Ergebnis ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Der eigenwillige Rachethriller floppte derbe an den Kinokassen und wurde auch von den Kritikern sehr gemischt aufgenommen.

Bei seinem neuesten Werk ist das nicht anders, obwohl er hier eigentlich so gar nicht mehr mit dem Blick auf eine Außenwelt arbeitet. Stattdessen nimmt er sich in The Neon Demon die Modebranche vor, stülpt innen nach außen und zeigt dabei eine so furchterregende Fratze, dass man sich an manchen Stellen unter dem Kinosessel verstecken möchte. Schön anzusehen ist der Thriller durchaus, enttäuscht die Erwartungen nicht, wenn ein extrem stilbewusster Filmemacher auf ein ebensolches Sujet trifft. „Schönheit ist nicht das einzige. Sie ist alles“, heißt es hier an einer Stelle. Makellose Schönheit, verpackt in eine egozentrische wie exzentrische Hülle – der Film ist ein visuelles Ereignis, verstörend und hypnotisch zugleich, ein Fiebertraum, der zugleich immer Alptraum ist und keinen Platz für Außenstehende lässt.

Die Tendenz dazu hatten auch die Vorgänger schon, dieses Mal scheint Refn aber gar nicht mehr aus den Abgründen auftauchen zu wollen. Man könnte The Neon Demon sogar als Horrorfilm bezeichnen. Nur dass es hier eben keine Monster sind, welche das Geschehen bestimmen, sondern Menschen. Was das Ganze aber nicht viel besser macht, im Gegenteil. Und auch der Geschlechterwechsel hat nicht unbedingt dazu beigetragen, eine neue Sanftmütigkeit zu entdecken. Waren es in Drive und Only God Forgives größtenteils Männer, die das Sagen haben, ergattern sie hier höchstens mal eine Nebenrolle wie Keanu Reeves als schmieriger Motelbesitzer.

Wobei, so richtig was zu sagen hat hier ohnehin niemand. Die Filme des Dänen bestechen fast immer durch ein faszinierendes Äußeres, weniger durch den Inhalt. Und da macht The Neon Demon keine Ausnahme. Die Modebranche ist ein Moloch, je schöner die Menschen, umso hässlicher das Innere. Das ist weder originell noch Stoff genug, um damit knapp zwei Stunden füllen zu wollen. Im Gegensatz aber zu dem ähnlich gelagerten Under the Skin, das seinen umwerfenden Einstieg einfach mehrmals wiederholte und somit seiner Kraft beraubte, heckt Refn zumindest immer wieder neue Szenen aus, in denen er das inhaltsleere Dunkel neonfarben erstrahlen lässt. Ganz ohne Längen kommt der Horror-Thriller nicht aus, zum Ende hin fehlt dann doch der Drang voranzuschreiten. Das Ende entschädigt aber dafür und macht The Neon Demon zu einem ebenso unnahbaren wie fesselnden Rausch der Sinne.

The Neon Demon
4 (80%) 24 Artikel bewerten

The Neon Demon
„The Neon Demon“ kombiniert wie schon die letzten Filme von Nicolas Winding Refn eine eher nichtssagende Geschichte mit einem stilbewussten, seinesgleichen suchenden Äußeren und verzerrt die makellose Schönheit der Modewelt zu einem ebenso faszinierenden, wie verstörenden Fieberalptraum.
8von 10

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