
Argentinien am Beginn des neuen Jahrtausends: Der Staat ist bankrott, die Bürger leiden. In dem kleinen Vorort von Buenos Aires, in dem Natalia (Dolores Oliverio), die von allen nur „Nati“ genannt wird, bei ihrer Großmutter Rita (Luisa Merelas) und deren neuem Lebensgefährten Gerardo (Dady Brieva) lebt, stehen die Menschen für Wasser Schlange. Die Sonne brütet, der Strom fällt andauernd aus. Um der Hitze der Stadt zu entfliehen, suchen Nati, ihre Freundinnen Josefina (Isabel Bracamonte) und Mariela (Candela Flores) und ihr guter Kumpel Diego (Agustín Sosa) Abkühlung an einem etwas weiter entfernten Baggersee. Doch ein Neuankömmling stört die sommerliche Idylle. Seit Diego in einem Online-Chat-Forum die deutlich ältere Silvia (Fernanda Echevarría) kennengelernt hat, haben die beiden ein Auge aufeinander geworfen. Was Nati, die selbst Gefühle für Diego hegt, argwöhnisch beäugt.
Sommer des sexuellen Erwachens
Mit The Virgin of the Quarry Lake hat ein in mehrfacher Hinsicht erstaunlicher Streifen das 13. HARD:LINE Film Festival in Regensburg eröffnet. Zunächst einmal verwundert, dass es sich dabei nicht, wie sonst üblich, um eine Deutschlandpremiere handelt. Der jüngste Spielfilm der Argentinierin Laura Casabé (zuletzt: Album de Familia, 2024) wurde bereits beim Film Festival Cologne gezeigt. Dass er in Regensburg trotzdem die Poleposition zugesprochen bekam, begründete der Festivalleiter Florian Scheuerer in seiner Eröffnungsrede nicht nur mit der Qualität des Films, sondern auch mit dessen Potenzial, hartgesottene Genrefans und unbeleckte Neueinsteiger gleichermaßen anzusprechen. Er sollte Recht behalten.
Im Festivalprogramm des HARD:LINE wird La Virgen de la Tosquera, wie der Film im Original heißt, als „Coming of Rage“-Story bezeichnet. Und diese Beschreibung trifft es auf den Punkt. Casabés Film, der auf zwei Kurzgeschichten der preisgekrönten Schriftstellerin Mariana Enriquez basiert, mixt ein typisches Coming-of-Age-Drama mit übernatürlichem Horror – und erzählt das Ganze konsequent aus weiblicher Perspektive. Damit ist die Regisseurin zwar nicht die Erste – vergleichbare Genreeinträge aus der jüngeren Vergangenheit wie When Animals Dream (2014), Raw (2016) oder Thelma (2017) lassen grüßen; vom Standardwerk Carrie (1976) ganz zu schweigen –, Casabé bringt ihre Vision von Teenagerängsten und Teenagerlüsten aber so eindrucksvoll auf die große Leinwand, dass sie in Erinnerung bleiben werden.
Das Herz ist ein hungriger Hund
Im Gedächtnis bleiben wird auch die Hauptdarstellerin Dolores Oliverio, die ihre erste große Rolle spielt. Mit ihrer Leistung steht und fällt dieser Film und Oliverio schultert diese schwere Last scheinbar mühelos. Die von ihr verkörperte Figur ist mit all ihren Zwiespälten und inneren Abgründen wie gemacht fürs Genrekino und Oliverios Gesicht für Großaufnahmen geboren. Wie der Film ohnehin gut, nämlich voller markanter Gesichter gecastet ist. Geschrieben hat ihn übrigens Benjamín Naishtat, der als Regisseur mit dem Politthriller Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig (2018) reüssierte.
Naishtats Drehbuch und Casabés entsprechende Inszenierung nehmen sich viel Zeit, um die Figuren und den Handlungsort einzuführen und die allgemeine Stimmung im Land einzufangen. Wer einen rasanten Reißer erwartet, sitzt im falschen Film. An der Seite der Charaktere brütet auch das Kinopublikum in den entsättigten Bildern des Kameramanns Diego Tenorio lange vor sich hin, bevor etwas passiert. Als sich die angestaute Wut erstmals gewaltsam entlädt, ist das dementsprechend ein Schock. Und durch das Umkippen ins Übernatürliche erhält dieser Genremix außergewöhnliche Bilder. Die wütende Lust oder, je nach Sichtweise auch: lüsterne Wut, sie ist in diesem Film drei bissige Hunde.
OT: „La Virgen de la Tosquera“
Land: Argentinien, Spanien, Mexiko
Jahr: 2025
Regie: Laura Casabé
Drehbuch: Benjamín Naishtat
Vorlage: Mariana Enriquez
Musik: Pedro Onetto
Kamera: Diego Tenorio
Besetzung: Dolores Oliverio, Isabel Bracamonte, Candela Flores, Agustín Sosa, Fernanda Echevarría, Luisa Merelas, Dady Brieva
Sundance Film Festival 2025
Buenos Aires International Independent Film Festival 2025
Film Festival Cologne 2025
HARD:LINE 2026
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